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15.08.2013

12:48 Uhr

Maß für Wettbeweerbsfähigkeit

Die überschätzten Lohnstückkosten

VonNorbert Häring

Die Lohnstückkosten gelten zu Unrecht als entscheidendes Maß für die Wettbewerbsfähigkeit. Ökonomen bemängeln, dass sie wichtige Aspekte ausblenden. Zudem sind sie anfällig für Wechselkursschwankungen.

Zwei Mitarbeiter des Autobauers Porsche AG überprüfen auf dem Endmontageband des Werks Stuttgart-Zuffenhausen einen Porsche. dpa

Zwei Mitarbeiter des Autobauers Porsche AG überprüfen auf dem Endmontageband des Werks Stuttgart-Zuffenhausen einen Porsche.

FrankfurtEuropa müsse wettbewerbsfähiger werden, lautete der Schlachtruf des britischen Premiers David Cameron auf dem Wirtschaftsgipfel in Davos. Und Angela Merkel ergänzte "Ganz Europa", um klar zu machen, dass der Ausgleich der Wettbewerbsfähigkeit nicht zu Lasten Deutschlands gehen soll. Auch EU-Kommission und Europäische Zentralbank (EZB) werden nicht müde, die Forderung zu wiederholen.

Fest machen sie die Wettbewerbsfähigkeit dabei vor allem an einem Indikator - den Lohnstückkosten. Viele Ökonomen sind davon nicht begeistert. "Die Lohnstückkosten sind ein problematischer Indikator, der vieles ausblendet, was für die Wettbewerbsfähigkeit wichtig ist", meint Thomas Mayer, ökonomischer Berater der Deutschen Bank, "etwa die Produktqualität und die Kapitalkosten."

Was genau sind aber die Lohnstückkosten? In einem ersten Schritt teilt man die gesamte Lohnsumme je Beschäftigten durch den Produktionswert je Beschäftigten. Es wird also Lohnhöhe in Beziehung zur Arbeitsproduktivität gesetzt. Kürzt man aus der Formel die Beschäftigung, die jeweils unter dem Bruchstrich steht, so bleibt: Lohnsumme geteilt durch Produktionswert. "Das aber ist nichts anderes als die Lohnquote", wie der niederländische Wirtschaftsstatistiker Merijn Knibbe betont. Die Lohnquote gibt an, wie viel von der gesamten Wertschöpfung den Arbeitnehmern - und wie viel den Kapitalgebern zukommt.

Um von hier zu den Lohnstückkosten zu kommen, wird die Produktion, die im Nenner - also unter dem Bruchstrich - steht, inflationsbereinigt, während die Löhne im Zähler weiter in laufenden Preisen gemessen werden. Die Lohnstückkosten sind also als Indikator ein seltsames Zwitterwesen. Und weil der Wert daher alleine wenig aussagt, lässt sich allenfalls seine Veränderungsrate interpretieren. Die Frage: "Wie viel Lohn kostet ein Stück" können die Lohnstückkosten nicht beantworten.

Die EZB erläutert, dass die Veränderung der Lohnstückkosten ausdrückt, wie viel Preisdruck von den Löhnen ausgeht. Neutral wäre die Situation also, wenn die Löhne mit der Produktivität stiegen - und ein jährlicher Aufschlag in Höhe der angestrebten Inflationsrate hinzukäme. Doch die Experten, die mit den Lohnstückkosten argumentieren, tun meist so, als sollten die Lohnstückkosten wegen der Wettbewerbsfähigkeit überhaupt nicht steigen. Das aber, so Knibbe, "wäre auf Dauer unvereinbar mit einem Inflationsziel von zwei Prozent und führte zu einer ständig sinkenden Lohnquote." Tatsächlich ist diese in der Zeit zwischen 1999 und dem Ausbruch der Finanzkrise fast überall gesunken.

Dass die Lohnstückkosten ein problematischer Indikator sind, ist unter Ökonomen weithin bekannt. So haben etwa Jesus Felipe und Utsav Kumar von der Asiatischen Entwicklungsbank festgestellt: "Es gibt historisch keine Beziehung zwischen Wachstum und Lohnstückkosten." Das ist in der Ökonomie als das Kaldor-Paradoxon bekannt.

Kommentare (6)

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15.08.2013, 18:21 Uhr

Es ist ein ganzes Bündel von Faktoren, die für Wachstum bedeutsamt sind. Die Lohnstückkosten sind einer von vielen.

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21.08.2013, 21:39 Uhr

Danke für den Artikel. Ich fragte mich schon immer wieviele hundert Zahlen man mixen muss, um auf "Lohnstückkosten Deutschlands" zu kommen.

Hannes

22.08.2013, 11:01 Uhr

Danke für den Beitrag. Traurig genug, dass es – angesichts des ständigen Trommelfeuers neoliberaler Propaganda – notwendig ist, ausdrücklich auf diese Binsenweisheit hinzuweisen.

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