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15.03.2012

00:00 Uhr

Medikamentenforschung

Enteignet Indien die Pharmaindustrie mit Zwangslizenzen?

VonNorbert Häring

In Indien muss der Pharmakonzern Bayer das Patent für ein Krebsmedikament weitergeben. Das Generikum soll für die Menschen im Schwellenland erschwinglich sein. Macht das die Pharmaforschung unrentabel?

Ein indisches Gericht bestimmte, dass der Pharmakonzern Bayer sein Patent für ein Krebsmedikament abgeben muss. dapd

Ein indisches Gericht bestimmte, dass der Pharmakonzern Bayer sein Patent für ein Krebsmedikament abgeben muss.

Durch die Entscheidung eines indischen Gerichts Bayer zu verpflichten eine billige Lizenz für das patentgeschützte Krebsmittel Nexavar zu vergeben, sollen die monatlichen Behandlungskosten von 5700 Dollar auf ein 25stel gesenkt werden. Ist das Enteignung? Macht es Pharmaforschung letztlich unrentabel?

Ein einfacher Verweis auf den Markt hilft hier nicht weiter, weil die Konkurrenz der Pharmafirmen um das beste neue Medikament eingebettet ist in planwirtschaftliche Strukturen. Vorgelagert ist die staatlich finanzierte medizinische Forschung, von der die Pharmaindustrie profitiert. Nachgelagert ist ein Gesundheitssystem, in dem der Markt eine geringe Rolle spielt. In diesem Gesundheitssystem der reichen Länder, in dem Lobbyismus und Politik dominieren, bildet sich der weltweit zu bezahlende Preis für patentgeschützte Medikamente.

Die Margen der Pharmafirmen, die sich daraus ergeben, wirken durchaus auskömmlich. Bayers Gesundheitssparte peilt für dieses Jahr eine Marge von 28 Prozent an. Ein Patent ist ein Monopol auf Zeit. Ein Monopolist schließt einen Teil der Nachfrager aus, um den Preis hoch halten zu können. Dieses gesellschaftliche Problem ist umso schärfer, je wichtiger das Produkt und je größer die Einkommensungleichheit ist.

Wenn ein kleiner Teil der Bevölkerung sehr viel verdient, sehr viele dagegen wenig, dann lohnt sich eine Hochpreisstrategie, die ganz darauf verzichtet die vielen zu bedienen. Bei gleichmäßiger Einkommensverteilung ist eher ein mittlerer Preis optimal. Die weltweite Einkommensungleichheit ist sehr hoch, innerhalb der meisten Länder steigt sie. Die Großbank Citigroup hat in Kundenberichten die Geschäftsmodelle, die sich ergeben dargelegt.

In Anbetracht der 99-Prozent-Bewegung ist ihr das heute peinlich, und sie tut alles, ihre „Plutonomy“-Berichte aus dem Internet zu tilgen. Zu den empfohlenen neuen Geschäftsmodellen gehören Medikamente gegen schwere Krankheiten für einen begrenzten Kundenkreis der jeden Preis zahlt. Nexavar ist so ein Mittel. Indien torpediert die Strategie, indem es den in Industrieländern gebildeten Preis für sich und seine Armen nicht akzeptiert. Bayer darf nicht allein auf die zunehmende Anzahl reicher Inder setzen.

Norbert Häring ist Handelsblatt-Korrespondent in Frankfurt und Autor des Buches „So funktioniert die Wirtschaft“ (Haufe).

Kommentare (1)

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QuinnM

24.03.2012, 20:32 Uhr

richtig so in indien.
die pharmakonzerne missbrauchen hier das patentwesen und ihre monopolstellung dank staatlicher forschungssubventionen....das ist total krank.
laut anderen seiten ist der preis um das oben genannte krebsmedikament 5500$ von bayer gegen 175$ des nachahmer-herstellers der dann 6% rendite abdrückt...ein unding so ein hoher preis. Deutschland sollte sich schämen und nicht immer davon sprechen wie gut das Gesundheitssystem ist, wenn dies überhaupt nicht mehr! der Fall ist.

Karl Lauterbach von der SPD isn guter, integerer und kompetenter gesundheitsmedizinischer Sprecher und Arzt, er beklagt dieses Vorgehen der Pharmaindustrie auch schon länger.

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