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10.08.2012

12:55 Uhr

Neuer DIW-Chef im Interview

„Deutschland hat einen schwierigen Part“

VonDorit Marschall

Zum 1. Februar 2013 tritt Marcel Fratzscher die Nachfolge von Gert Wagner an der Spitze des DIW an. Der neue Chef über das schlechte Image der Ökonomen, seine Pläne für das Institut und die Euro-Krise.

Marcel Fratzscher wurde zum 1. Februar 2013 an die Spitze des DIW berufen. dpa

Marcel Fratzscher wurde zum 1. Februar 2013 an die Spitze des DIW berufen.

Handelsblatt: Herr Fratzscher, Sie übernehmen die Leitung des DIW, das zuletzt vor allem durch negative Schlagzeilen aufgefallen ist, und verlassen dafür die EZB, eine der mit Abstand einflussreichsten Institutionen weltweit. Warum?

Marcel Fratzscher: Ich bin überzeugter Europäer - insofern fällt es mir tatsächlich schwer, ein Haus zu verlassen, das wie kein zweites für die europäische Idee steht. Aber es gibt entscheidende Parallelen, die ausschlaggebend für meine Entscheidung waren, nach elf Jahren in der EZB etwas Neues, aber zugleich Ähnliches zu machen: Beide Aufgaben sind sehr relevant für die Öffentlichkeit, und bei beiden steht die Verbindung von wirtschaftspolitischer Beratung und Wissenschaft im Vordergrund.

Das DIW ist nicht nur das größte deutsche Wirtschaftsforschungsinstitut, es wurde für Konjunkturforschung gegründet. Wie schätzen Sie aktuell die deutsche Konjunktur ein?

Eine Rezession erwarte ich nicht, das ist schon eine gute Nachricht zurzeit. Die augenblickliche Schwächephase dürfte bereits der Tiefpunkt sein, wenn sich die europäische Krise nicht verschärft, da schließe ich mich den meisten Prognosen an. Das kommende Jahr dürfte stärker werden als dieses. Obwohl die deutsche Wirtschaft wettbewerbsfähiger ist als andere europäische Länder, ist sie aufgrund ihrer Offenheit über die engen Handelsverflechtungen und Finanzmärkte anfälliger für globale Risiken. Insofern stehen hinter dieser Aussage viele Fragezeichen.

Haus und Hausherr

Das DIW Berlin

Das DIW Berlin ist mit rund 200 Mitarbeitern und einem Jahresbudget von 20 Millionen Euro das größte deutsche Wirtschaftsforschungsinstitut. Seit der langjährige Präsident Klaus Zimmermann im Februar 2011 nach internen Querelen zurücktrat, führt Gert Wagner übergangsweise das Haus.

Der neue Hausherr

Marcel Fratzscher, 41, ist am 9. August 2012 einstimmig vom Kuratorium zum neuen Chef gewählt worden. Geplanter Start: 1. Februar 2013. Derzeit leitet er in der EZB die Abteilung, die die Positionen der Notenbank in Sachen Weltwirtschaft und internationales Finanzsystem ausarbeitet. Fratzscher, der zu den forschungsstärksten deutschen Makroökonomen zählt und ein breites Themengebiet abdeckt, hat in Kiel, Oxford und Harvard studiert.

Welche - neben der Euro-Krise?

Es ist zu erwarten, dass die US-Volkswirtschaft sich nur schleppend erholt. Eine Quelle der Unsicherheit ist, dass dort wichtige Entscheidungen in der Fiskalpolitik noch anstehen. Selbst in den Schwellenländern schwächt sich das Wachstum ab. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich die Ungewissheit verkleinern wird, wenn die Strukturreformen in den Krisenstaaten ernsthaft fortgesetzt werden. Auch Deutschland muss seine Haushaltspolitik so solide wie möglich umsetzen, um auf eine Krisenverschärfung flexibel reagieren zu können.

Wo sehen Sie die Euro-Zone in fünf bis zehn Jahren - ist ein Bruch wahrscheinlicher oder eine stärkere Vernetzung?

Ich sehe die Krise vor allem als Chance, dass wir uns zu mehr Europa entscheiden und aufraffen. Ich bin überzeugt, dass alle europäischen Staaten von einer stärkeren Integration profitieren werden. Das ist nur mit gegenseitigen Zugeständnissen möglich, aber die einzige Möglichkeit, Wohlstand zu sichern und ein stärkeres Europa zu schaffen.

Wie beurteilen Sie die Rolle Deutschlands?

Leider kann ich zu der Debatte in meiner aktuellen Position nicht viel sagen. Nur so viel: Deutschland hat als größtes und stabiles Land sicherlich einen schwierigen Part in all diesen Verhandlungen. Diese Verantwortung überträgt ihm aber zugleich ungeheure Gestaltungschancen.

Kommentare (24)

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malvin

10.08.2012, 13:21 Uhr

Das DIW hat doch schon oft ins Klo gegriffen. Ökonomie als Wissenschaft gibt es kaum noch. Institute aus dem angelsächsischen Bereich sind total der FED unterwürfig, und das DIW ist eben auch LINKS positioniert, es ist politische motiviert.

Das wird doch an der momenten in Detuschland wohlgermerkt geführten Reichendebatte bzw. der von DIW selbst vorgeschlagenen Zwangsanleihe für DETUSCHE.

War da nich was???? ACh ja, eigentlich ist ja Italien und Spanien in Not (selbst verschuldet). So ist es auch extrem befremdlich wenn das DIW ausgerechnet von Deutschen eine Zwangsanleihe forderte und zu den REICHEN Italienern kein, aber auch kein einziges Wort verliert.

Zudem ist es der ganzen Euro-Sache abträglich, wenn den Italienern quasi Hoffnung gegeben wird, dass die Deutschen Zwangsanleihen zur Retten der italienischen Vermögen ausgegeben. Absolut absurd ist das.

Das ist genauso falsch wie dei Forderung des DIW und der SPD/Grüne nach Eurobonds. Solange man im verschuldeten Ausland solche STimmen aus Deutschloand hört, solange werden diese Länder abwarten wollen, ein bisschen Druck aufbauen wollen, und hoffen, dass Deutschland und der Norden den EURO "rettet", bzw. die PIIGS-Schulden übernimmt.

Der Schuldentilgungsfond ist eigentlich eine Frechheit. Das ist ebenfalls die einführung von Eurobonds, quasi rückwirkend!!! Die Deutschen Wähler sollten nicht auf solche Listigkeiten der Ökonomen und Politiker reinfallen.
Übrigens: Möchte nicht wissen wie viele Schulden die Italiener über die 60% EXTRA noch draufpacken, es gibt ja dann nach oben keine Grenze.

Radiputz

10.08.2012, 13:36 Uhr

Ach ja, irgendwie süß dieses Interview. Das würde auch eine andere aktuelle headline des HB passen "Klötzchen, aus denen Kinderträume gebaut werden."

Account gelöscht!

10.08.2012, 13:39 Uhr

Mir wird schlecht wenn ich das hier so lese....

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