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13.05.2014

11:27 Uhr

Neues Buch von Timothy Geithner

Ansichten eines Bankenretters

VonAxel Postinett

Als das amerikanische Finanzsystem zusammenbrach, war er US-Finanzminister: Timothy Geithner entschied über Milliardenhilfen für Banken. Jetzt beschreibt er, warum es ein Fehler war, nicht auch Lehman zu retten.

Buchautor Timothy Geithner: Schlüsselpositionen während der Finanzkrise. ap

Buchautor Timothy Geithner: Schlüsselpositionen während der Finanzkrise.

San Francisco„Stress Test“ ist ein typisches Buch aus Washington. Eine Abrechnung mit Kritikern und Weggefährten, der Versuch, eine Version von Ereignissen aus eigener Sicht zu zementieren, so wie sie später in den Geschichtsbüchern stehen soll. Es geht um nichts Geringeres als die Bewältigung der weltweit größten Finanzkrise seit der Großen Depression 1929. Geithner war bis 2009 Chef der New Yorker Fed und danach Finanzminister, also während kritischer Phasen in absoluten Schlüsselpositionen.

Offenbar ist das 38 Dollar teure, gut 500 Seiten starke Buch kein Kassenschlager: „Drei Stück haben wir bestellt, sind alle noch da“, flötet die Buchhändlerin am Erstverkaufstag in San Francisco. Brisant ist der Inhalt aber deshalb nicht weniger. Schon im Klappentext erfährt der Leser, dass Geithner in seinen Memoiren die „harten und politisch unbeliebten“ Entscheidungen darlegen wird, die er fällen musste, um ein „kaputtes Finanzsystem zu reparieren und den Kollaps der Wirtschaft zu verhindern“. Starke Sätze, die man mit Erstaunen auf dem Weg nach Hause liest, und sich unweigerlich fragt: Das Finanzsystem ist bereits repariert? Das war nicht nur eine Notoperation?

Starinvestor Warren Buffett ist auf dem Schutzumschlag verewigt mit der Einschätzung „Sensationell … Tims Buch wird ewig das Standardwerk dazu sein, wie Finanzkrisen entstehen und was man machen muss, um sie einzudämmen.“ Geithners Rezept dafür: Märkte mit billigem Geld überfluten und Banken retten.

Der ehemalige Finanzminister nimmt in seinen „Überlegungen zur Finanzkrise“ für sich in Anspruch, nicht nur die treibende Kraft hinter einem wichtigen Teil der Lösung der Krise gewesen zu sein, dem Bailout der Banken, dem Freikaufen der Finanzgiganten mit Steuermilliarden. Er stellt auch fest, dass er das einzig Richtige gemacht hat, als er die Großbank Bear Stearns mit Milliardensummen vor dem Kollaps gerettet und dabei eigentlich die Grenzen des Machbaren überschritten hat. Die Pleite von Lehmann Brothers war falsch und es hätte sie ebenfalls nicht gegeben, wenn er die nötige Macht gehabt hätte, stellt er fest. Hatte er aber nicht, bedauert er gleich darauf, und andere freuen sich darüber im Nachhinein. Lehmann ist pleite, die Welt existiert noch. Und die Frage, was wirklich passiert wäre, wenn das deutlich kleinere und unbedeutendere Bear Sterns insolvent gewesen wäre, kann man heute nicht mehr beantworten.

Quantitative Lockerung in den USA

Konzept

In der Finanzkrise hat die Fed die Zinsen auf 0 bis 0,25 Prozent gesenkt. Da sie damit an ihre Grenze stößt, ist sie dazu übergegangen Anleihen und Vermögenswerte zu kaufen.

Ziel

Mit dem Leitzins kann die Fed vor allem die kurzfristigen Zinsen beeinflussen. Wichtiger für Investitionen sind jedoch die langfristigen Zinsen. Durch Anleihekäufe will die Fed diese drücken.

QE I

Der damalige Fed-Chef Bernanke kündigt im März 2009 an, dass die US-Notenbank Anleihen und Wertpapiere im Volumen von einer Billion US-Dollar kauft.

QE II

Im November 2010 legt die Fed ein zweites Programm auf. Bis zum zweiten Quartal 2011 will sie für weitere 600 Milliarden US-Dollar US-Staatsanleihen kaufen.

Operation Twist

Im September 2011 entschließt sich die Fed, kurzläufige Staatsanleihen (bis drei Jahre Laufzeit) im Volumen von 400 Milliarden US-Dollar zu verkaufen. Im Gegenzug will sie das Geld in langläufige Staatsanleihen investieren.

QE III

Im September 2012 beschließt die Fed ein drittes Anleihekaufprogramm. Pro Monat will sie für 40 Milliarden US-Dollar Staatsanleihen kaufen. Im Dezember 2012 erhöht sie den Wert auf 85 Milliarden US-Dollar.

Tapering

Inzwischen hat die neue Fed-Chefin Janet Yellen damit begonnen, das monatliche Volumen der Anleihekäufe herunterzufahren. Am 29. Oktober hat sie beschlossen, die Anleihekäufe auf Null zu senken..

Doch das ficht Geithner nicht an. Er mokiert sich über die „Moral Hazard Fundamentalisten“ oder die „Alten Testament“-Typen, die glauben, man würde die Spieler im Finanzsystem nur zu immer größerem Wahnsinn anstacheln, wenn man ihnen klarmache, dass man sie schon heraushauen werde, wenn etwas schief läuft. Oder die nach dem Motto „Auge um Auge“ verlangen, dass die Zocker eben dann auch alle Konsequenzen tragen müssten.

Er vertritt ein anderes Credo: Wenn es darum geht, eine Panik zu verhindern, dann muss Vertrauen gesichert werden. Und der Kollaps des Finanzsystems hätte für den kleinen Mann schlimmere Auswirkungen als für die Finanzbrache an sich. „Das Gras wird zerdrückt, wenn Elefanten fallen“, malt er plastisch aus, was der Durchschnittsbürger zu erwarten gehabt hätte, wenn das Finanzsystem nicht gerettet worden wäre.

Vertrauen, jedenfalls das Vertrauen der Finanzmärkte, geht einfach über alles bei Geithner. Als sich das Management des in apokalyptischen Problemen steckenden und mit hunderten Milliarden Dollar geretteten Versicherungsgiganten AIG schamlos riesige Erfolgsboni ausschüttete, blieb er kühl, obwohl die Öffentlichkeit vor Wut durchdrehte. Das waren private Verträge, in die der Staat nicht eingreifen dürfe, entschied er. Sonst würden die Bürger das Vertrauen in den Staat verlieren.

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

13.05.2014, 12:18 Uhr

Ein überflüssiges Buch mehr von einen korrupten und verlogenen Menschen....

Account gelöscht!

13.05.2014, 12:23 Uhr

Wer kann wissen was tatsächlich geschehen wäre, hätte Lehmann die damalige Krise überlebt: bei der damaligen Eigendynamik wäre es ggf. jedenfalls ebenso denkbar gewesen, dass ein späterer, weitaus größerer Kollaps mit weitaus unüberschaubereren Risiken als ohnehin schon, selbst Bankenrettungen kaum noch möglich hätte erscheinen lassen können.
Gleichwie: hätte, hätte Fahrradkette...

Account gelöscht!

15.05.2014, 19:38 Uhr

Warum finde ich in dieser Rezension nichts über den Rest in Geithners Buch?
Aufschlussreich sind die Berichte über die wichtigsten EU-Krisengipfel, über Schäubles Plan, Griechenland aus dem Euro zu nehmen usw. usw.
Stattdessen tut das Handelsblatt so, als sei dies Buch nur das dumme Geschreibsel eines eitlen ehemaligen Provinzpolitikers.
Liebes HB, es kann sowieso nicht mehr verhindert werden, das wir Leser mehr erfahren und NOCH EU-kritischer werden. Warum also uns weiterhin Wichtiges verschleiern?

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