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05.01.2010

11:45 Uhr

Neuro-Ökonomie

Wie man sich einen guten Ruf schafft

VonOlaf Storbeck

Ohne Reputation würde Marktwirtschaft nicht funktionieren. Denn wer seinen Gegenüber bei jeder Gelegenheit über den Tisch zieht, muss damit rechnen, beim nächsten Mal dafür bestraft zu werden. Aber was befähigt Menschen, einen guten Ruf aufzubauen, wann und warum verhalten sie sich fair? Neuroökonomen liefern neue Einblicke.

Neuroökonomen haben herausgefunden, welche Hirnregionen bei der menschlichen Selbstkontrolle eine wichtige Rolle spielen. Quelle: Klaus Rose/ Das Fotoarchiv

Neuroökonomen haben herausgefunden, welche Hirnregionen bei der menschlichen Selbstkontrolle eine wichtige Rolle spielen.

LONDON. Spieltheoretisch ist die Sache sonnenklar: Wenn zwei Menschen nicht nur einmal, sondern immer wieder miteinander Geschäfte machen, hat auch der größte Egoist ein Interesse daran, sich fair zu verhalten und so eine gute Reputation aufzubauen. Das belegen auch theoretische Modelle: In sogenannten „wiederholten Spielen“ verhält sich selbst ein „Homo oeconomicus“ kooperativ.

Im wirklichen Leben ist die Sache komplizierter. Damit Menschen sich so verhalten wie in der Theorie, reicht es offenbar nicht aus, dass sie begreifen: Auf längere Sicht ist es besser, seinen Egoismus zurückzustellen, um sich einen guten Ruf aufzubauen. Zu dieser Form der Selbstkontrolle sind wir nur in der Lage, wenn bestimmte Teile unseres Gehirns neurologisch mitspielen. Sind diese Hirnregionen gestört, geben wir hemmungslos unserem kurzfristigen Vorteil nach – obwohl wir wissen, dass wir uns auf Dauer damit schaden.

Die Grenzen der Spieltheorie

Das ist das Ergebnis einer Studie eines Forscherteams um die Baseler Hirnforscherin Daria Knoch und den Züricher Ökonomen Ernst Fehr. „Es scheint einen wichtigen Unterschied zu geben, seine eigenen Interessen zu erkennen und diesen auch nachgehen zu können“, schreiben die Forscher in ihrer Arbeit, die jüngst in den Proceedings of the National Academy of Sciences erschienen ist.

Die Wissenschaftler haben ein altes ökonomisches Experiment modifiziert, das unter Wissenschaftlern als „Vertrauensspiel“ bekannt ist. Darin erhält eine Versuchsperson zehn Euro und kann entscheiden, ob und wie viel sie davon an einen ihr unbekannten zweiten Probanden abgibt. Die Versuchsleitung vervierfacht den Betrag für die zweite Person. Diese kann in einem zweiten Schritt nach Gutdünken einen Teil des Geldes wieder an die erste Person zurückschicken – ist aber zu nichts verpflichtet. Beide Akteure fahren besser, wenn sie kooperieren – der erste aber nur, wenn er darauf vertrauen kann, dass die Gegenseite seine Vorleistung honoriert.

In den Experimenten der Schweizer galt die Regel: Wenn die erste Versuchsperson alles weitergibt und die zweite die Hälfte zurückzahlt, geht jeder mit 20 Euro nach Hause. Die Forscher ließen die Probanden an 15 Runden dieses Spiels teilnehmen. Im Schnitt verhielten sich die Partner dabei recht kooperativ. Die zweite Versuchsperson zahlte in der Regel zwischen 41 und 48 Prozent des Geldes an die erste zurück. Deutlich anders dagegen verhielten sich Versuchspersonen, bei denen die Forscher ein bestimmtes Gehirnareal mit Hilfe starker Magnetfelder gehemmt hatten. Damit lassen sich vorübergehend und ohne Schmerzen Hirnregionen stimulieren oder hemmen.

Die Forscher störten bei einer Gruppe von Probanden vor dem Experiment den rechten vorderen Stirnlappen. Dieser Bereich, auch präfrontaler Kortex genannt, spielt eine wichtige Rolle für die menschliche Selbstkontrolle.

Kommentare (2)

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Volkswirt

09.01.2010, 20:34 Uhr

Ein interessanter Artikel, leider ist jedoch der erste Absatz fachlich vollkommen verkehrt. in endlich wiederholten Spielen kooperiert der homo oeconomicus eben gerade nicht. Per Rückwärtsinduktion lässt sich dies auch sehr einfach verdeutlichen: in der letzten Runde hat jeder Akteur einen Anreiz, zu defektieren anstatt zu kooperieren. Dieses erkennen die Akteuere bereits in der vorletzten Runde und defektieren bereits dann. So führt sich die Nicht-Kooperation bis zur ersten Runde fort. Lediglich bei unendlicher Wiederholung besteht ein Anreiz zur Kooperation. Gleichwohl trifft ihre Aussage auf die meisten Menschen zu, und lässt sich in Experimenten bestätigen. Spieltheoretisch ist jedoch das genaue Gegenteil der Fall.

Jonas

09.01.2010, 22:21 Uhr

ich hab eher den Eindruck, als ob der letzte Absatz nicht korrekt ist.

Endlich weiß ich, welche Gehirnregionen bei geborenen Politikern und bankern genetisch offenbar verkümmert sind.

Kranke an die Macht ! (oder besser nicht...)

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