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08.09.2011

00:00 Uhr

Neuroökonomie

Wie Schrotkugeln durchs Gehirn

VonHans Christian Müller

Wie der Züricher Volkswirt Ernst Fehr bei seinen Fachkollegen für die Zusammenarbeit von Ökonomen und Hirnforschern wirbt - und auf erhebliche Skepsis stößt.

Ernst Fehr auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik in Frankfurt. Katrin Denkewitz für Handelsblatt

Ernst Fehr auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik in Frankfurt.

FrankfurtEin scheues Lachen geht durch den vollen Hörsaal in der Frankfurter Universität. Die Wissenschaftler im Auditorium sehen Bilder, auf denen Probanden mit verkabelten Mützen zu sehen sind. Sie sitzen vor einem Computer und lösen Aufgaben - während ihre Hirnströme gemessen werden.

Die Fotos stammen aus dem Züricher Experimentallabor des Volkswirts Ernst Fehr, der die neuronalen Grundlagen wirtschaftlichen Handelns erforscht. Um das tun zu können, werden die Köpfe seiner Probanden leichten Stromflüssen oder Magnetfeldern ausgesetzt und ihr Verhalten gezielt manipuliert.

Seine Arbeit stellte Fehr auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik (VfS) in Frankfurt in der ehrwürdigen sogenannten Thünen-Vorlesung vor. Seine Arbeitsweise wirkte auf die versammelte Prominenz des Fachs exotisch - aber sie wird sich daran gewöhnen müssen.

Die Neuroökonomie boomt - und startet einen Angriff auf die Grundfesten der ökonomischen Theorie. Es reicht ihnen nicht zu wissen, dass Menschen aus Fleisch und Blut irrationaler und weniger egoistisch agieren, als es Volkswirte in Modellen unterstellen. Neuroökonomen wollen verstehen, warum das so ist.

Kaum zehn Jahre gibt es den Forschungszweig - doch die vorliegenden Erkenntnisse sind beeindruckend und beängstigend zugleich: Die Forscher wissen, welche Hirnregionen sie mit einer Magnetspule lahmlegen müssen, um ihre Probanden spendierfreudiger, ungeduldiger oder eigennütziger zu machen. Und sie zeigen, dass der biologische Aufbau des Hirns zwangsläufig dazu führe, dass auch falsche Entscheidungen getroffen würden. Denn die Impulse im Hirn, mit denen Menschen Alternativen abwägen und falsche Reflexe korrigieren, schießen wie Schrotkugeln wenig zielgerichtet durch den Kopf. Fehr: "Sie sind einem Zufallsprozess unterworfen."

Darin sieht er die wichtigste Erkenntnis für die Wirtschaftstheorie: Sie solle aufhören so zu tun, als wären beobachtete menschliche Entscheidungen das Ergebnis eines optimalen Entscheidungsprozesses.
Vielmehr sollten Modelle, die unser Handeln vorhersagen, einkalkulieren, dass ein Teil unserer Entscheidungen schlichtweg falsch berechnet sei. Nur so lasse sich etwa erklären, warum dieselben Menschen auf dieselben Fragen später anders antworten. Das haben Verhaltensforscher festgestellt - etwa, wenn sie messen, wie risikofreudig jemand ist oder wie sehr er heutige Genüsse künftigen vorzieht. Letzteres könne bei jungen Männern schon mit Bildern von Bikinis manipuliert werden, erzählte Fehr.

Wieder ging ein Lachen durch den Hörsaal - was Fehr sichtlich missfiel. Er will darum kämpfen, dass seine Forschung ernst genommen wird. "Das sind keine Epiphänomene", rief er immer wieder. Als wolle er sagen: Die Erkenntnisse sind mehr als interessant und kurios, sie haben das Zeug, die Ökonomie als Ganzes umzukrempeln. Tatsächlich sagte Fehr: "Wer wirtschaftliches Verhalten analysieren will, muss verstehen, welche neuronalen Aktivitäten dafür verantwortlich sind."

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