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11.10.2011

15:17 Uhr

Nobelpreisträger Akerlof

Warum die Wirtschaft nicht funktioniert, wie sie soll

VonThorsten Giersch

Immer wieder versagt die Wirtschaftswissenschaft. Die Ursache ist simpel: Weil sie ein unzureichendes Menschenbild hat, argumentierte Georg A. Akerlof im Bestseller „Animal Spirits“. Jetzt ist sein neues Buch erschienen.

Georg A. Akerlof hat mit "Animal Spirits" neue Wege beschritten. Olaf Storbeck

Georg A. Akerlof hat mit "Animal Spirits" neue Wege beschritten.

DüsseldorfDie kleine Sonja hat sich für den Elefanten entschieden. Minutenlang stand die Fünfjährige vor dem Karussell, bis er frei war. Nun sitzt sie breit lachend auf dem Plastik-Dickhäuter und fährt im Kreis. Wie schön, dass die Zeiten vorbei sind, in denen sie auf dem Schoß ihrer Eltern fahren musste.

Ihr sieben Jahre älterer Bruder wirkt dagegen missmutig. Er winkt den Eltern nicht zu, sondern rutscht mit starrem Gesicht auf seinem Frosch herum. Dabei gefällt ihm das Karussellfahren eigentlich sehr gut. Aber zeigen mag er mag er das nicht. Es ist ihm peinlich.

Warum reagieren Kinder so? Diese Frage ist auch für die Wirtschaftswissenschaften entscheidend. Wenn Menschen tun, was sie ihrer Meinung nach tun sollten, sind sie glücklich. Wenn sie aber den Normen nicht genügen, die sie sich selbst oder ihnen anderen gesetzt haben, sind sie unglücklich. So ergeht es Sonjas Bruder. Er weiß eben, dass er eigentlich zu alt für Karussellfahren ist.

Und was dabei gilt, gilt bei Erwachsenen eben auch im Berufsleben. Spötter der Wirtschaftswissenschaften sagen gern: Es lohnt sich heutzutage deutlich mehr, Soziologen zuzuhören als Ökonomen. Aber immerhin: Die Wirtschaftswissenschaften nähern sich dem Niveau an, auf dem die Soziologie schon vor rund 25 Jahren war. Das gilt zumindest für den Bereich Menschenbild. Der Homo Oeconomicus ist von gestern. George A. Akerlof nennt ihn ein „Strichmännchen“. Wie es anders geht, zeigte er bereits in seinem Buch „Animal Spirits“. Das hat er 2009 gemeinsam mit Robert J. Shiller geschrieben. Bereits 2001 hatten die beiden den Wirtschaftsnobelpreis verliehen bekommen.

Veränderung durch Identitäts-Konzepte

Veränderung

Akerlof identifiziert fünf Arten, wie das Konzept der Identität die Wirtschaftswissenschaft verändert.

Individuelles Handeln

Identität hat direkten Einfluss auf das Verhalten des Individuums. Nun kann die Wirtschaftswissenschaft Handlungen analysieren, die man als selbstzerstörerisch bezeichnen könnte und bisher ökonomisch keinen Sinn ergeben haben.

Externalitäten

Menschliche Handlungen üben oft Einfluss auf das Wohlergehen anderer Menschen aus. Diese Externalitäten sind sehr wichtig. Die Erforschung zum Beispiel der Trittbrettfahrerei ist dank der Identitäts-Konzepte sehr viel besser möglich.

Etablierung von Normen

Kategorien, Normen und Ideale werden oft als gegeben angenommen. Doch viele Menschen und Organisationen verändern sie zu ihrem eigenen Vorteil. Das muss die Wirtschaftswissenschaft einberechnen. Werbung ist ein anschauliches Beispiel für solche Manipulation.

Identität und Reue

Warum treffen Menschen häufig Entscheidungen, die sie später bereuen: rauchen, zu viel Geld ausgeben, zu viel essen. Dank der Identitäts-Konzepte kann die Wirtschaftswissenschaft dieses Verhalten besser berechnen.

Wahl der Identität

Bis zu einem gewissen Grad können Menschen selbst entscheiden, wer sie sein wollen. Diese Identitätswahl hat große Auswirkungen auf die Volkswirtschaft. Beispiel sind die Wahl der Schule oder die Frage nach Hausfrau und Mutterschaft.

Jetzt hat Akerlof gemeinsam mit seiner Forschungskollegin Rachel E. Kranton ein neues Buch veröffentlicht. Es heißt „Identity Economics“ – oder wie es der Untertitel recht flapsig und präzise zugleich ausdruckt: „Warum wir ganz anders ticken, als die meisten Ökonomen denken.“

Hier führt der Professor für Wirtschaftswissenschaften an der University of California, Berkeley seine Gedanken aus „Animal Spirits“ fort. Und das erscheint ihm höchst notwendig. Denn zwar nutzte diesen Begriff John Maynard Keynes erstmalig 1936, aber die tatsächlichen Folgen des Gedankens werden in der Wirtschaftstheorie immer noch unterschlagen.

Akerlof hat vereinfacht gesagt bewiesen, dass Marktteilnehmer weder rational handeln noch über dieselben Informationen verfügen, was dazu führt, dass der freie Markt längst nicht so gut funktioniert wie gewünscht. Dass „Animal Spirits“ im Zuge der Finanzkrise ein Bestseller wurde, mag da nicht verwundern.

Kommentare (4)

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JonSwift

11.10.2011, 16:16 Uhr

Irgendwie wohltuend zu lesen, dass mal ein Ökonom das sagt, was ich schon lange behaupte und was mir immer wieder verbale Prügel einbrachte...
An der Börse machen sich die Praktiker doch oft über die Ahnungslosigkeit und Weltfremdheit vieler Ökonomen lustig.
Und wenn man sieht, was im Zusammenhang mit der Finanzkrise da teilweise an Ideen und Vorschlägen aus dem akademischen Bereich kommt, graut es einem.

besserwisser

11.10.2011, 16:23 Uhr

hat er das buch animal spirits nicht mit robert j. shiller geschrieben?

klaus

14.10.2011, 12:28 Uhr

"Wie es anders geht, zeigte er bereits in seinem Buch „Animal Spirits“. Das hat er 2009 gemeinsam mit Robert J. Shiller geschrieben. Bereits 2001 hatten die beiden den Wirtschaftsnobelpreis verliehen bekommen."

Akerlof bekamm den Nobelpreis zusammen mit Joseph E. Stiglitz und Michael Spence. Shiler war in diesem Jahr im Rennen um den Nobelpreis ...

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