Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.10.2012

17:40 Uhr

Occupy-Vordenker Saez

„Wir sind die 99 Prozent“

VonChristine Mattauch

Er gilt als wissenschaftlicher Unterbau der Occupy-Bewegung: Emmanuel Saez hat die ungleiche Verteilung des Reichtums in den USA haargenau analysiert und offengelegt. Und räumte dabei mit Mythen der Steuerpolitik auf.

Emmanuel Saez auf dem Campus der Uni Berkeley. MacArthur Foundation

Emmanuel Saez auf dem Campus der Uni Berkeley.

New YorkOhne Emmanuel Saez gäbe es "Occupy Wall Street" wohl nicht. Schließlich war es der Ökonom aus Kalifornien, der als Erster nachwies, wie stark die Einkommen der reichsten Amerikaner im Vergleich zum Rest der Bevölkerung steigen. Das Ergebnis verstörte selbst Konservative - und legte die Grundlage für den Slogan "Wir sind die 99 Prozent!".

"Ich unterstütze diese Proteste eindeutig", sagt Berkeley-Forscher Saez. Das "Wall Street Journal" bezeichnete ihn einmal als "Rockstar der intellektuellen Linken". Doch ein politischer Polemiker ist der 39-Jährige nicht, sondern ein akribischer Steuerexperte, der über ideologische Grenzen hinweg respektiert wird.

Es ist Saez zu verdanken, dass Verteilungsfragen in der Ökonomie wieder populär sind. Um die Messung von Einkommens- und Vermögensunterschieden geht es dabei - und um Steuersysteme, die umverteilen, ohne Leistungsanreize zu zerstören. "Saez war die wichtigste Persönlichkeit, die dieser Forschungsrichtung neues Leben eingehaucht hat", urteilte die US-Ökonomenvereinigung AEA, als sie ihm 2009 die John-Bates-Clark-Medaille verlieh - für Ökonomen die wichtigste Auszeichnung nach dem Nobelpreis.

Saez ist nicht nur Ideengeber der Occupy-Bewegung, auch die Obama-Regierung hört auf ihn: Seine Forschung lieferte die Argumente für den Plan, die Steuervorteile für Reiche aus der Bush-Ära rückgängig zu machen und die Einkünfte von Hedge-Fonds-Managern nicht länger zu begünstigen. "Seine Arbeit hat mein Denken geprägt und hatte einen großen Einfluss auf das Budget des Präsidenten", sagt Barack Obamas erster Budgetdirektor Peter Orszag.

Zu Kopf gestiegen ist Saez der ganze Erfolg nicht, im Gegenteil: Wenn der im französischen Biarritz aufgewachsene Ökonom mal auftritt, dann auf Fachkonferenzen und ganz unprätentiös: Er trägt Pullover und Jeans, verschränkt beim Sprechen schüchtern die Arme. Wo andere längst auf Selbstvermarktung setzen würden, konzentriert er sich auf die Forschung.

In einer ganzen Serie von Forschungsprojekten - viele davon zusammen mit namhaften Kollegen wie Peter Diamond, dem Nobelpreisträger von 2010 - zeigte er, wie Amerikas Geldelite den Reichtum abschöpft. So wies er nach, dass in den sechs Jahren vor der Finanzkrise das reichste Prozent der Haushalte zwei Drittel der Einkommenszuwächse für sich verbucht hatte. Gefährlich sei das, findet Saez, denn wenn Einkommen und Vermögen so konzentriert seien, verkruste das die Gesellschaft und hindere Ärmere am sozialen Aufstieg.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

99prozent

03.10.2012, 16:16 Uhr

eine Harmonisierung der Steuersätze ist eine interessante Idee. Es ist nämlich auch vollkommen unverständlich, dass MexikoCity mit deutschen Steuergeldern Teile der Kanalisation via Entwicklungshilfe finanziert , während dort der reichste Mann der Welt Carlos Slim und der Zweitreichste Mafiaboss der Welt unbesteuert bleiben.
Die OECD hat Mexiko schon mehrfach darauf hingewiesen, die Steuerbasis muss reformiert werden und da wäre es naheliegend die Wohlhabenden stärker heranzuziehen.

und Abgaben und Gebührenstaat sind genauso leistungsfeindlich wie ein Steuerstaat, der sich allein aus Arbeitnehmereinkommen und Konsumbelastung speist. Das muss hier eindeutig festgehalten werden -- es geht ja nicht nur um die Besteuerung von Einkommen, sondern um die Gesamtbelastung auf Einkommenserwerb. Da lässt sich auch für DE eine Unwucht erkennen, wo DE doch mit nur 0,9 % des BIP auch noch geringere Vermögenssteuern hat als viele andere Länder.

eine Harmonisierung der Steuersätze wäre politisch bei den jetzigen Politikern wohl leider aus Utopia. Würde ich regieren, so würde ich Steuersätze bevorzugen als Reichensteuer, wie sie anno 1933 in den USA eingeführt wurden -- bei wirklich hohen Vermögen und Boni und den höchsten Einkommen Steuern von 70% und mehr. Können auch Zwangsanleihen sein. Stattdessen sollte man dann die Einkommen bis zu einer gewissen Höhe stark entlasten. Teile des Sozialsystems nicht nur nach Lebenseinkommen gewähren, sondern stärker aus Steuern finanzieren wie andere Länder. Dann kann man die Arbeit auch besser umverteilen. Das ist auch dringend geboten -- lieber mehr qualitativ gute Teilzeit, als Niedriglohnjobs. In den Niederlanden funktioniert das ja auch.

auch die Kapitalverkehrsfreiheit muss beschnitten werden --- das hat nur die Mafia fett gemacht. Und die Banken müssen total entflochten werden und verstaatlicht.

was wird stattdessen passieren: wir dümpeln jetzt ewig in Finanz- Staatsschuldenkrisen und Pleitekrisen hin und her.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×