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28.04.2011

00:00 Uhr

Ökonomen im Knast

Die Verbrecher-Versteher

VonJan Mallien

Was macht Menschen zu Kriminellen? Ökonomen liefern faszinierende Antworten auf diese Frage. Eine wichtige Rolle spielt offenbar, welche Chancen Menschen auf dem legalen Arbeitsmarkt haben.

Gefängnis in Celle: Ökonomen forschen hinter Gittern. Quelle: dpa

Gefängnis in Celle: Ökonomen forschen hinter Gittern.

DüsseldorfIn der Jugendstrafanstalt Adelsheim saß Markus Englerth im Knast. Freiwillig. Drei Tage am Stück verbrachte der Wissenschaftler des Bonner Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in einem kargen Zimmer hinter Sicherheitsglas und einer dicken Stahltür.

Englerth saß ein, um das Risikoverhalten der Häftlinge zu untersuchen. Gemeinsam mit einem Kollegen hatte er in einem Raum, in dem sonst Gottesdienste abgehalten werden, ein Dutzend Laptops aufgebaut - ein provisorisches Experimentallabor, in dem die Häftlinge strategische Spiele spielten. Die Entscheidungen sollen Rückschlüsse auf die Risikoneigung der Sträflinge ermöglichen - und so womöglich ihre kriminelle Energie erklären. Der Bonner Forscher gehört zu einer größer werdenden Forschergruppe: Nicht mehr nur Kriminologen und Psychologen, auch eine wachsende Zahl von Ökonomen geht der Frage auf den Grund, was Menschen zu Kriminellen macht.

Der spätere Wirtschaftsnobelpreisträger Gary Becker war sich schon in den 60er-Jahren sicher: Die Risikoneigung spielt eine entscheidende Rolle. Der Begründer der ökonomischen Theorie der Kriminalität entwickelte ein Modell der Kriminalität und Bestrafung. Beckers Logik war einfach: Menschen wägen die Vor- und Nachteile einer Straftat ab. Sie vergleichen den Verdienst bei legaler Arbeit mit dem bei krimineller Aktivität und berücksichtigen die Risiken, erwischt und bestraft zu werden. Je höher dieses Risiko, desto unattraktiver werden Verbrechen.

Die These, Straftäter hätten eine größere Vorliebe für Risiken, konnten Forscher bislang keinem Realitätstest unterziehen. An den üblichen Laborexperimenten, in denen zum Beispiel Lotterien simuliert werden, nahmen Verbrecher nicht teil. Mit dem ungewöhnlichen Experiment im Knast wollen die Bonner Forscher diese Wissenslücke jetzt schließen. Sie hoffen auf Erkenntnisse darüber, ob sich Kriminelle bei gleichen Anreizen anders verhalten als Nicht-Kriminelle. Ein zentrale Frage dabei: Welche Persönlichkeitseigenschaften haben Einfluss auf Kriminalitäts-Karrieren? Weitgehend einig sind sich die Ökonomen, dass der Hang zur Straftat nicht direkt vererbt wird. Es gibt kein Kriminalitäts-Gen.

Doch biologische Faktoren wie Schönheit, Körpergröße und das Gewicht beeinflussen die Karrierechancen eines Menschen und damit - in der Becker-Logik - die Wahrscheinlichkeit, straffällig zu werden. Belege dafür liefert die Arbeit "Short Criminals", in der ein Forschertrio um die Ökonomin Carolyn Moehling untersucht hat, ob sich die Körpergröße auf das kriminelle Potenzial auswirkt. Die Ökonomen haben Daten von Kriminellen aus Gefängnissen in Pennsylvania im 19. Jahrhundert ausgewertet. Damals gab einen klaren Zusammenhang zwischen Körpergröße und Kriminalitätsneigung. Kleine Menschen, so vermuten die Forscher, waren wegen ihrer geringeren körperlichen Leistungsfähigkeit am Arbeitsmarkt benachteiligt.

Ähnliches gilt für das Aussehen, legt die Studie "Ugly Criminals" der Ökonomen Naci Mocan und Erdal Tekin nahe. Sie stellen fest: Schöne Menschen haben eine geringere Kriminalitätsneigung als unattraktive Menschen. Wer hässlich ist, habe es schwerer, sich am legalen Arbeitsmarkt durchzusetzen, so die Vermutung. Zudem spreche einiges dafür, dass das Aussehen in der Schulzeit noch einiges mehr beeinflusst: die Schulnoten, die Beliebtheit bei den Lehrern und die Häufigkeit der Schulverweise. Daher wirke das Äußere sich auf die Karrierechancen aus.

Und auch der familiäre Hintergrund beeinflusst die Wahrscheinlichkeit, auf die schiefe Bahn zu geraten, stellte die schwedische Ökonomin Randi Hjalmarsson fest. Sie untersuchte den Zusammenhang von Eltern-Kind-Beziehungen und Kriminalität. Sie wertete Kriminalitätsdaten von Adoptivsöhnen aus. Das Ergebnis: Sowohl biologische Eltern als auch Adoptiveltern haben Einfluss - es zählt sowohl die Zeit vor als auch nach der Geburt.

Warum das so ist, darüber tappen die Forscher noch im Dunkeln. Denkbar ist, dass Alkohol und Zigaretten während der Schwangerschaft die Kriminalitätsneigung der Kinder erhöhen. Auch der Erziehungsstil der Adoptiveltern wirke sich auf die kriminellen Karrieren der Kinder aus. Der Einfluss der Mütter ist stärker als der Einfluss der Väter - vermutlich, weil sich die Adoptivmütter meist mehr um die Kinder kümmern. Die leiblichen Mütter wiederum seien während der Schwangerschaft wichtiger als die leiblichen Väter, deren Vorgeschichten kaum auf die Kinder abfärben.

Risiko-Forscher Markus Englerth ist bei seinen Experimenten im Gefängnis vor allem die mangelnde Selbstkontrolle der Häftlinge aufgefallen. Sie reagierten sehr impulsiv und wollten nach kurzer Zeit ihre getroffenen Entscheidungen wieder ändern. Das macht die Experimente, die in der Regel zwei Stunden dauern, sehr schwierig.

Englerths Beobachtung zur Selbstkontrolle stützt die These, dass Kriminelle möglicherweise zu stark auf die Gegenwart fixiert sind und die Folgen ihres Handelns für die Zukunft zu wenig berücksichtigen. Ob Kriminelle eine höhere Risikofreude haben, kann Englerth noch nicht sagen: "Wir haben Hinweise in diese Richtung gefunden", sagt er. Das Datenmaterial reiche aber noch nicht aus, um endgültige Aussagen zu treffen.

Der Forscher war froh, als er nach drei Tagen, die er tagsüber hinter Gittern verbracht hatte, das Gefängnis wieder verlassen konnte. Er habe den Häftlingen nicht angesehen, dass sie kriminell seien, sagt er. "Als sie vor mir saßen, habe ich gedacht, ich hätte es mit einer durchschnittlichen Berufsschulklasse zu tun", sagt er. Später habe er dann erfahren, dass zwei Mörder darunter waren. "Das war schon ein komisches Gefühl."

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