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31.01.2011

17:39 Uhr

Ökonomie

Das Problem der Schere zwischen Arm und Reich

VonOlaf Storbeck

Ungleichheit zwischen Arm und Reich war Volkswirten lange egal. Die meisten Ökonomen hielten die Einkommensunterschiede gar für eine wichtige Voraussetzung für eine funktionierende Marktwirtschaft. Jetzt entdecken sie die Verteilungsfrage neu.

Einkommensunterschiede beeinträchtigen die Leistung einer Volkswirtschaft. ap

Einkommensunterschiede beeinträchtigen die Leistung einer Volkswirtschaft.

LONDON. Die Reise dauert gerade mal 50 Minuten. So lange braucht man mit dem Auto vom piekfeinen Montgomery County im amerikanischen Bundesstaat Maryland in die südöstlichen Stadtviertel der Hauptstadt Washington. Es ist eine Reise von einer der reichsten Regionen der USA in eine der ärmsten. Und das wirkt sich nicht nur auf den Bankkonten aus: Mit jedem Kilometer sinkt die Lebenserwartung der Menschen um sieben Monate – von 81 auf 60 Jahre.

Die große Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler hat solche Unterschiede lange Zeit kaltgelassen. Einkommensungleichheit war in der modernen Volkswirtschaftslehre nur ein Nischenthema. Die meisten Ökonomen sahen in der deutlichen Kluft zwischen Arm und Reich nicht nur eine Folge von hohem Wirtschaftswachstum. Sie hielten solch ein Gefälle gar für eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Marktwirtschaft gut funktionieren kann.

Zudem waren nicht nur liberale Ökonomen überzeugt: Wenn die Reichen noch reicher werden, wird das nach und nach auch zu den unteren Einkommensschichten durchsickern.

Niemand hat diese Haltung so gut umschrieben wie der britische Labour-Politiker Peter Mandelson, der 1998 gestand: „Uns ist es egal, ob Leute stinkend reich werden – solange sie ihre Steuern bezahlen.“

Inzwischen denken viele Volkswirte um. Denn es mehren sich die Belege dafür, dass krasse Gegensätze zwischen Arm und Reich nicht nur eine moralische Dimension haben, sondern handfesten ökonomischen Schaden anrichten. Einige Forscher sehen in der drastisch gestiegenen Einkommensungleichheit gar eine Ursache für die Finanzkrise der Jahre 2007 bis 2009.

Das neue ökonomische Bewusstsein für Verteilungsfragen hat handfeste Konsequenzen für die Wirtschaftspolitik. Höhere Steuern für Reiche – liberalen Ökonomen traditionell ein Graus – erscheinen in einem neuen Licht, staatliche Transfers an ärmere Schichten ebenso.

„Große Einkommensungleichheit verursacht in reichen, hochentwickelten Volkswirtschaften zahlreiche Probleme“, ist zum Beispiel Adair Turner, Chef der britischen Finanzmarktaufsicht FSA, überzeugt. Die Ignoranz für Einkommensungleichheit sei einer der entscheidenden Fehler, den das Fach in den vergangenen Jahrzehnten gemacht habe. „Ungleichheit“, betont auch der Mannheimer Ökonom Hans Peter Grüner, „ist eine ganz zentrale volkswirtschaftliche Größe. Über die dürfen wir nicht einfach hinwegsehen.“

Kommentare (6)

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Bernhard Schies

31.01.2011, 19:32 Uhr

Noch eine Anmerkung:
Wesentlich zur instabilität trägt auch das Verhalten von z.b hoch spekulativen Hedgfonds bei. Gespeist werden diese überwiegend von sog. Superreichen, für diese spielt das Risiko keine Rolle. So wird das Geld und damit die gesamte Volkswirtschaft zu einem Spielball weniger Superreicher. Der Einzige, der hier Einhalt gebieten kann ist der Staat, tut er das nicht bald kommt es zu pol. Verwerfungen: Aufstieg radikaler Parteien, bankrott von Staaten, Währungsverfall. Die USA werden in wenigen Jahren nicht wiederzuerkennen sein, die Zukunft ist verspielt.

Stefan L. Eichner

31.01.2011, 19:52 Uhr

Es ist ausgemachter Humbug, die Einkommensungleichheit als Grund für die Finanzmarktkrise anzusehen. Die Einkommensungleichheit ist ebenso wie die Finanzmarktkrise eine Wirkung, die auf Konzentrationsprozesse in der Wirtschaft und mangelnde Funktionsfähigkeit des Wettbewerbs zurückzugehen scheint. Vor den Crashs von 1907 und 1929 war exakt dasselbe zu beobachten: eine starke Unternehmenskonzentration mit eindeutigen Monopolisierungstendenzen quer durch die US-Wirtschaft. Eine interessantere Frage wäre es deswegen, einmal systematisch den Zusammenhang zwischen Unternehmenskonzentrationsprozessen und Einkommensverteilung zu untersuchen. Es ist durchaus naheliegend, dass einer extremen Einkommensungleichheit effektiver durch marktstrukturelle Veränderungen (Dekonzentration) und eine Förderung wirksamen Wettbewerbs entgegengewirkt werden könnte, denn durch Umverteilungspolitik (siehe dazu: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2010/12/die-amerikanische-krise-wie-die-us.html). Letztere ist eine End-of-the-Pipe-Lösung. Sie ändert nichts an den Ursachen der Einkommensungleichheit.

Island

31.01.2011, 23:32 Uhr

Das Problem der Schere zwischen Arm und Reich


in diesen bericht wird ein Teilaspekt des Kapitalismus angesprochen. Es ist einer der Systembedingten Schwächen des Systems das sich immer mehr Kapital (Produktivmittel) sich in immer weniger Händen sich befindet.

Dieser Prozess beschleunigt sich im Laufe der Zeit.

Ein Staat kann durch höhere Steuern für Reich und Transferleistungen für Arme entgegensteuern.

Das kann aber nur ein Teil der Lösung darstellen, weder ist es sinnvoll das große Teile der bevölkerung „Alimentiert“ wird noch das die „Reichen“ sehr hohe Steuern bezahlen. beide Gesellschaftlichen Gruppen suchen dann Lösungen außerhalb dieses Staates (Revolution und neue Parteien)

Ein anderer Lösungsansatz ist die Förderung von neuen „Selbständigen“ besonders in branchen mit Oligopol oder Monopolen.

Dabei könnte eine veränderte Steuerpolitik flankierend wirken (Personengesellschaften die ihre Gewinne nicht ausschütten müssen nur ein bruchteil der einbehaltenen Gewinner versteuern)

Wobei es Volkswirtschaftlich sehr sinnvoll ist wenn man in branchen aktiv wird die keinen Einheimischen Anbieter besitzen. (Mineralölindustrie, Gaswirtschaft, Computerindustrie, Softwareindustrie etc.)

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