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24.01.2012

18:09 Uhr

"Ökonomie neu denken"

Volkswirtschaftslehre scheitert im Praxistest

VonJohannes Pennekamp

Die Ökonomie-Ausbildung ist zu theoretisch und speziell, bemängeln Kritiker. Auf der Konferenz „Ökonomie neu denken“ diskutierten Experten darüber, was sich in den Hörsälen verändern muss. 

Ein Hörsaal der Ruhr-Universität in Bochum. dpa

Ein Hörsaal der Ruhr-Universität in Bochum.

FrankfurtWenn Justus Haucap in Düsseldorf vor seinen Erstsemester-Studenten steht, dann beschleicht ihn hin und wieder ein ungutes Gefühl. „Bei manchen Themen habe ich schon Bauchschmerzen, das muss ich zugeben“, sagte der Wettbewerbsforscher. Einige Inhalte, die auf dem Lehrplan stehen, seien sehr speziell und würden später fast nie mehr gebraucht. „Da müsste man schon entrümpeln“, so Haucap.

Die Bauchschmerzen des Volkswirts sind nur ein Symptom einer Krankheit, unter der die Disziplin seit längerem leidet: Die ökonomische Ausbildung in den Hörsälen ist zu speziell und theoretisch – darüber waren sich die Wissenschaftler und Praktiker einig, die am Dienstag bei der vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und dem Handelsblatt veranstalteten Konferenz „Ökonomie neu denken“ in Frankfurt über die Zukunft von Lehre und Forschung an den Hochschulen diskutierten.

Anstatt ein Bewusstsein für das große Ganze zu schaffen, zwinge gerade die Ausbildung in den ersten Semestern die Studenten zu einem Tunnelblick. „Interessierte Studenten müssen sich diese Dinge selbst erschließen“, bemängelte Linda Kleemann, Nachwuchsforscherin am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Die Bologna-Reform mit der Umstellung auf das eher verschulte Bachelor- und Mastersystem habe diese Fehlentwicklung noch verschärft.

Wozu diese Praxisferne führt, machte Thomas Hueck, verantwortlicher Volkswirt beim Großunternehmen Robert Bosch, deutlich. VWL-Absolventen seien zwar in der Lage, mit komplexen, mathematischen Modellen zu hantieren, an dem gesunden Menschenverstand, die Instrumente im richtigen Zusammenhang anzuwenden, mangele es jedoch häufig. „Solche Fähigkeiten darf die Uni den Studenten nicht austreiben“, mahnte Hueck. Der Amerikaner Robert Johnson, der das Institute for New Economic Thinking leitet, drückte diesen Missstand so aus: „Es gibt sehr viele gute Wirtschaftsstudenten, die aber sehr wenig von der Wirtschaft wissen.“

Aber welche Auswege gibt es? Wie können Wirtschaftsstudenten fit für die Praxis gemacht werden? Wettbewerbsforscher Haucap setzt in seinen Vorlesungen in erster Linie auf möglichst viele realitätsnahe Beispiele: „Die Studenten interessieren sich sehr für die Anwendung und können sich die Dinge auf diese Weise auch besser merken“, ist Haucap sicher. Die Lehre von theoretischem Ballast zu befreien, sei dagegen nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick scheine, warnten die Akademiker: Weil die Lehrpläne verschiedener Universitäten miteinander kompatibel sein müssten, um Studenten beispielsweise nach dem Bachelor den Wechsel der Hochschule zu ermöglichen, könne eine einzelne Uni nicht einfach aus ihrer Sicht unnötige Inhalte streichen.

Der Wirtschaftsethiker Andreas Suchanek (Handelshochschule Leipzig) und Marketingprofessor Thomás Bayón (German Graduate School of Management and Law) forderten, mehr darauf zu achten, Studenten für die gesellschaftlichen Folgen ihres Handelns zu sensibilisieren. „Ein Ökonom muss auch moralisch begründen können, was er tut“, sagte Suchanek. Die Krise habe zwar den Druck erhöht, ethische Themen im Hörsaal aufzugreifen, der große Durchbruch für sei für die Wirtschaftsethik jedoch ausgeblieben, bedauerte Bayón: „Ich bin mir sicher, das solche Themen fest in der Persönlichkeit verankert sein müssen und langfristig zu einer besseren Unternehmensführung beitragen“, sagte der Ökonom.

Um die Ausbildung der angehenden Wirtschaftswissenschaftler nachhaltig zu verbessern, waren sich die Experten einig, müsse sich der Stellenwert der Lehre an den Universitäten deutlich erhöhen. Während Publikationen in Fachzeitschriften Ruhm und Anerkennung versprechen, würden gute Lehrveranstaltungen kaum honoriert.

 

Kommentare (23)

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Profit

24.01.2012, 18:58 Uhr

Ein Ökonomie-Studium vermittelt ökonomisches Denken, hoffentlich. Hierzu gehört Logik und Mathematik. Wer glaubt, mit dem Uni-Wissen wie mit einem Kochbuch bei einem Unternehmen zu starten, hat etwas falsch verstanden! Praxis lernt man am besten "On the Job". Ich fürchte mich davor, wenn Professoren (!) mir etwas von Praxis und unternehmerischem Handeln bzw. vom "Profitmachen" erzählen wollen. Wer "Theorie" nicht mag, kann doch eine praxisorientierte Lehre bei einem Unternehmen machen. Was soll das mit der Praxis an der Uni? Dort geht es, dachte ich immer, um wissenschaftliches Arbeiten und Denken. Oder wollen die reichlich unbekannten Professoren, die im Artikel erwähnt werden, uns mitteilen, VWL sei gar keine Wissenschaft?!

Die anerkanntesten Unis für Economics in den USA sind übrigens gerade die sehr theoretisch ausgerichteten Fakultäten: Stanford, Princton, MIT, Chicago, Berkeley, etc. Ich kann mich heute noch an die Uni-Zeit in USA erinnern, als ein acht Seiten starker Aufsatz von Stephen Ross über Principal-Agent-Theorie anregender war und mir mehr Aha-Erlebnisse verschaffte, als alle dicken deutschen Marketingwälzer zusammen, obwohl es "Beisskraft" verlangte, den Inhalt wirklich zu verstehen. "Wissenschaftliche" Lektüre, die man wie die Zeitung in der Straßenbahn lesen kann, taugt meist gar nichts. Man vergißt den Inhalt - wie die Zeitung von gestern - sehr schnell! Mathematik hat mir demgegenüber - um welches spezielle Thema es auch ging - immer viel geholfen, betriebswirtschaftliche Fehlentwicklungen in der Praxis (!) blitzschnell zu identifzieren. Insbesondere auch bei Preisverhandlungen komplexer Produkte, war mathematisches Wissen von großem Vorteil. Junge Studenten sollten auf keinen Fall auf bequeme "Schwafel-Professoren" ("Moral, Philosophie") hereinfallen. Die fordernden, harten Hunde, die Mathematik verlangen, sind die richtigen...

Account gelöscht!

24.01.2012, 20:00 Uhr

Da kann ich meinem Vorredner nur zustimmen. Ohne gute Mathematik geht wenig, und das, was an allgemeinverständlicher angeblicher Ökonomie in den Zeitungen steht, hat nichts, aber auch gar nichts mit wissenschaftlicher Arbeit zu tun. Schwafelzeugs an der Uni auch nicht. Komischerweise wird hier bemängelt, dass das Studium zu wenig Praxisbezug habe ... wir haben regelmäßig neue Konzepte auf Alltagstauglichkeit untersucht und aktuelle Ereignisse anhand dieser Konzepte bewertet. Das war die normale "Wissenschafts-"Praxis.

Aber klar ist: Wer Mathematik nicht versteht, hat so gut wie keine Chance, damit umzugehen. Deswegen ist ja nicht die Mathematik schlecht, das Problem sind die Menschen, die Mathematik nicht verstehen und darum alles, was damit zusammenhängt, als falsch empfinden. Was eine sehr eingeschränkte Sichtweise der Dinge ist!

poupe89

24.01.2012, 20:12 Uhr

Dem kann ich nur zustimmen. Praxis bekommt man halt in Praktika. Außerdem gibt es an unserer Uni ( HH ) Module wie "Aktuelle Fragen der Volkswirtschaftstheorie und -politik". Und ich denke nicht, dass die Uni HH die einzige Uni ist die das anbietet.

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