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29.08.2011

00:00 Uhr

Ökonomie-Nobelpreis

Mehr Mut zum Risiko, bitte!

VonOlaf Storbeck

Die Nobelpreisträger haben in Lindau keine gute Werbung für die VWL gemacht. Aber die oft enttäuschenden Auftritte der Laureaten sagt mehr über die Probleme des Nobelpreises als über die Proleme des Fachs. Ein Kommentar.

Der Öknomie-Nobelpreis ist die mit Abstand wichtigste Auszeichnung für Wirtschaftswissenschaftler. dpa

Der Öknomie-Nobelpreis ist die mit Abstand wichtigste Auszeichnung für Wirtschaftswissenschaftler.

Lindau
Das muss man erst einmal schaffen: 30 Minuten über Banken, Hedge-Fonds und ihre Rolle auf den Finanzmärkten zu sprechen, ohne die Krise zu erwähnen. Dem Finanzmarktforscher Myron Scholes, 1997 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet, gelang dies vergangene Woche auf dem Ökonomie-Nobelpreistreffen in Lindau mühelos.

Viele der 17 Titanen des Fachs taten so, als gäbe es die zweite Weltwirtschaftskrise gar nicht. Dass Forscher wie Josef Stiglitz an der Weisheit ihres Faches zweifelten, blieb die Ausnahme.

Nein, die Lindauer Tagung war keine gute Werbung für die Volkswirtschaftslehre (VWL). Ökonomen sind weltfremd und verzetteln sich in abstrakter Theorie - dieses Vorurteil schien sich am Bodensee zu bestätigen.

Doch das gibt nicht das gesamte Bild für die Verfassung des Fachs wider. Tatsächlich hat die Zukunft weit mehr zu bieten. Moderne Volkswirte setzen auf Experimente, Feldstudien und die akribische Analyse von Daten aus dem wirklichen Leben, sie haben Menschen aus Fleisch und Blut im Blick und beschäftigen sich sehr wohl mit drängenden, aktuellen Fragen. Ob es um ein stabileres Finanzsystem geht, den Kampf gegen die Armut oder bessere Schulen - die ökonomischen Zeitschriften sind voll damit.

Dieses zweite Gesicht der VWL war auch in Lindau vertreten - durch 360 Nachwuchsforscher. Diese Ökonomen standen nicht im Rampenlicht der Medien. Sie aber sind es, die die Wirtschaftswissenschaft der Zukunft prägen. Der russische Volkswirt Ruben Enikolopov etwa, der feststellte: Entwicklungshilfe in Afghanistan verbessert nicht nur die Lebensumstände der Menschen, sondern auch die Sicherheitslage. Oder Sujit Kapadia von der Bank of England, der erforscht, wie sich die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen Geldinstituten verringern lassen, und strengere Eigenkapitalanforderungen für Großbanken empfiehlt. Der Pakistani Faiz Ur Rehman, der gezeigt hat: Zwischen Terrorismus und Einkommensungleichheit sowie Analphabetismus besteht oft ein enger Zusammenhang.

Die enttäuschenden Auftritte mancher Nobelpreisträger in Lindau sagen mehr über die Probleme des Nobelpreises aus als über die Probleme der Disziplin als solche. Das Stockholmer Auswahlkomitee ist extrem risikoscheu - es fürchtet, Ideen zu küren, die sich später als Irrweg erweisen. Dies führt dazu, dass meist Erkenntnisse ausgezeichnet werden, die vollends etabliert - und damit jahrzehntealt - sind.

Die geehrten Forscher sind daher oft schon tief im Rentenalter und haben ihren wissenschaftlichen Zenit mitunter schon lange überschritten. Zudem war die VWL vor 20 oder 40 Jahren noch eine andere - abstrakte Theorie stand viel höher im Kurs als heute.

Seit Karl Popper wissen wir, dass wissenschaftlicher Fortschritt nur möglich ist, wenn alte Thesen widerlegt werden. Irrtümer sind also kein Makel. Wenn das Stockholmer Auswahlkomitee das beherzigt, sind auch die Nobelpreisträgertreffen eine bessere Werbung für die Disziplin.

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