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09.01.2011

10:00 Uhr

Ökonomie

Über Bankenmacht und Managerboni

VonCaspar Dohmen

Die Debattenkultur über elementare wirtschaftliche Fragen krankt in Deutschland an ihrer Oberflächlichkeit; die zieht sich durch die Talkshows, findet sich aber auch in manch einer Qualitätszeitung. Wer davon gelangweilt ist und mehr wissen will, der sollte Norbert Häring lesen.

Frankfurter Bankenviertel: Handelsblattredakteur Häring plädiert in seinem Buch für eine hundertprozentige Mindestreserve bei den Zentralbanken. Quelle: dpa

Frankfurter Bankenviertel: Handelsblattredakteur Häring plädiert in seinem Buch für eine hundertprozentige Mindestreserve bei den Zentralbanken.

BERLIN. Mit seiner Mischung aus profundem historischem Wirtschaftswissen und neuesten ökonomischen Forschungsergebnissen entzaubert der Journalist die neoklassische Wirtschaftstheorie ebenso wie einen Großteil der wirtschaftspolitischen Debatte. Mutig stellt er sich gegen den Mainstream und bietet dabei stets Transparenz über die Quellen, aus denen er sich bedient. Ökonomische Sachzwänge offenbart er als Schutzbehauptung von Interessengruppen; besonders aufschlussreich sind seine Ausführungen zur Macht der Banker und Manager.

Überrascht ist der Leser über die vielfältigen Studienergebnisse von Ökonomen, die noch nicht ihren Weg in die öffentliche Debatte über Bankenmacht und Managerboni gefunden haben. Sie belegen unter anderem eindrucksvoll den regelmäßigen Betrug und die Desinformation in der Finanzbranche. Das fängt schon mit den Analysten an, deren Urteil eigentlich eine Orientierung für Anleger sein sollte. Deren Unabhängigkeit ist jedoch in vielen Fällen fraglich, weil von den regelmäßig über eine Firma berichtenden Analysten zwei Drittel Gefälligkeiten erhalten; solche bewerten Unternehmen nachweislich besser.

Als Mär entpuppt sich auch der ökonomische Nutzen der leistungsabhängigen Bezahlung von Managern mit Aktienboni. So bietet die an den Aktienkurs gekoppelte Bonuszahlung Spielraum für vielfältige Manipulationen, den Manager regelmäßig zum Schaden des Unternehmens und der Aktionäre ausnutzen.

Bei den Grundsatzfragen rund um das Thema Geld profitiert der Leser besonders von der langjährigen Erfahrung, die Häring als Bankvolkswirt und Beobachter der Europäischen Zentralbank gesammelt hat. Dem Autor gebührt Respekt für seinen unabhängigen Blick, den er sich dabei bewahrt hat. Es ist eben kein Naturgesetz, dass die Banken die Geldschöpfungsgewinne einstreichen, die daraus resultieren, dass sie das Vielfache der eingezahlten Kundengelder als Kredite ausreichen können.

Dieses soziale Arrangement hinterfragt heute kaum jemand, Häring schon. Er plädiert für eine hundertprozentige Mindestreserve bei den Zentralbanken, um den Banken die Geldschöpfungsgewinne wegzunehmen. Angesichts der durch Rettungspakete für Banken und Konjunktur in vielen Ländern ruinierten Staatsfinanzen hält er diesen Kurswechsel für „überfällig“. Häring will das Bankgeschäft auf seine klassische Funktion als Mittler zwischen Sparer und Investor zurückstutzen. Diese Forderung erheben viele, doch selten liefern sie so viele Argumente dafür. Häring schreibt wie ein ökonomischer Aufklärer, nicht wie ein Ideologe – damit sticht er aus der Masse der nach der Finanzkrise erschienenen Wirtschaftspublikationen hervor.

Norbert Häring: Markt und Macht, Schäffer Poeschel, Stuttgart, 292 Seiten, 19,95 Euro

Kommentare (2)

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dels

09.01.2011, 17:23 Uhr

Meine volle Zustimmung zu dieser besprechung über eines der herausragendsten Wirtschaftsbücher im deutschsprachigen Raum im letzten Jahr. Dem Handelsblatt kann man immerhin zu Gute halten, dass Häring, Storbeck und Co. sich zumindest im Ökonomieteil immer wieder mit erfrischenden Erkenntnissen austoben können. Leider finden diese Erkenntnisse aber viel zu selten den Weg in die weiteren Redaktionen des Handelsblatts.

Wenn es einigen Autoren gelänge, Teile des Tiefgangs dieses buches und der Ökonomieseiten in die Tagesberichterstattung zu retten, etwa so, wie dies Jason Zweig für das Wall Street Journal oder Alexander Ross Sorkin für die New York Times gelingt, dann hätten wir die perfekte Wirtschaftszeitung.

Signore Barone

09.01.2011, 21:29 Uhr

Egal, wie gut das buch ist, letztendlich ist der Schäffer-Poeschel Verlag ein Unternehmen der
Verlagsgruppe Handelsblatt ... also, Eigenlob stinkt? ein interessenskonflikt?

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