Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.01.2010

09:55 Uhr

Ökonomin

Die Frau in Friedmans Schatten

VonChristine Mattauch

Sie hat die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre erlebt und 30 Jahre lang an der Seite von Nobelpreisträger Milton Friedman gearbeitet: Die Forschung von Anna Schwartz hat die Ökonomie verändert. Heute ist das Urteil der wohl kenntnisreichsten Expertin in Sachen Geldpolitik gefragter denn je.

Ohne Anna Schwartz hätte der Ökonom Milton Friedman vielleicht nie den Nobelpreis bekommen.

Ohne Anna Schwartz hätte der Ökonom Milton Friedman vielleicht nie den Nobelpreis bekommen.

NEW YORK. Schon die Überschrift war eine Provokation: „Mann ohne Plan“. Gemeint war Ben Bernanke, der Chef der US-Notenbank Fed. Im Text warf ihm die Autorin Versagen auf der ganzen Linie vor: Bei der Rettung von Bear Stearns und Lehman habe er unterschiedliche Maßstäbe angelegt und damit den Markt verunsichert. Auf die anschließende Vertrauenskrise habe er reagiert, als handele es sich um eine Liquiditätskrise. Wegen seiner „zahlreichen Sünden“ müsse ihn US-Präsident Barack Obama abberufen.

Die Kolumne erschien im Juli in der New York Times, geschrieben von Anna Schwartz. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise ist das Urteil der 93-Jährigen gefragt wie nie zuvor. Schließlich hat sie als eine der letzten Ökonomen die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre noch selbst erlebt. Und sie ist seit dem Tod von Nobelpreisträger Milton Friedman, mit dem sie 30 Jahre lang eng zusammengearbeitet hat, die wohl weltweit kenntnisreichste Expertin in Sachen Geldpolitik. Längst gilt sie der Fachwelt als Institution – obwohl sie die meiste Zeit ihres Lebens im Schatten von Friedman stand.

Kennen gelernt hatten sich Friedman und Schwartz Anfang der 1940er-Jahre durch einen Zufall: Gemeinsame Freunde schickten den jungen Milton und seine Frau Rose zu Schwartz, um einen Kinderwagen auszuleihen. Doch erst Jahre später schlug Arthur Burns, der damalige Präsident des National Bureau of Economic Research (NBER), den beiden Ökonomen eine Zusammenarbeit vor. Daraus entstand ihr erstes gemeinsames Buch: „A Monetary History of the United States, 1867-1960“. Heute zählt es zu den wichtigsten ökonomischen Klassikern – doch bei seiner Veröffentlichung 1963 war es überaus umstritten. Schwartz erinnert sich: „Unsere Kollegen haben uns unsere Ergebnisse einfach nicht geglaubt.“

Die waren in der Tat revolutionär. Friedman und Schwartz wiesen nach, dass die Geldmenge keine passive Größe ist, sondern ein Steuerungsinstrument, das die Wirtschaftsdynamik entscheidend beeinflusst. Die Erkenntnis führte schließlich zu einer modernen Geldpolitik und Inflationsbekämpfung, wie sie heute selbstverständlich ist.

Sie stellten auch die These auf, dass sich die Rezession von 1929/30 vor allem deshalb zur Weltwirtschaftskrise entwickelte, weil die Notenbanken den Geschäftsbanken nicht genug Liquidität zur Verfügung gestellt hatten. Ihre akribische Datenauswertung ergab, dass die Geldmenge zwischen 1929 und 1933 um ein Drittel gefallen war.

Ausgerechnet der von Schwartz so heftig kritisierte Fed-Chef Bernanke würdigte diesen Zusammenhang auf einer Konferenz zu Ehren des 90. Geburtstags von Friedman: „Ich sage zu Milton und Anna, ihr hattet recht, es war der Fehler der Notenbanken.“ Und Bernanke gelobte damals: „Wir werden ihn nicht wiederholen.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×