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11.03.2013

17:38 Uhr

Ökonomische Bildung

Deutsche haben von Wirtschaft keine Ahnung

ExklusivVielen Deutschen fehlt das nötige Wissen, um sich in der Wirtschaftswelt zurechtzufinden. Das ist das Ergebnis einer Studie von drei Berliner Forschern. Bei den Fragen ging es um einfache Fakten und Zusammenhänge.

VWL ist keine exakte Wissenschaft - dennoch werden die Ergebnisse, die die mit historischen Daten gefütterten Modelle der Ökonomen ausspucken, gern als absolute Wahrheiten verkauft.

VWL ist keine exakte Wissenschaft - dennoch werden die Ergebnisse, die die mit historischen Daten gefütterten Modelle der Ökonomen ausspucken, gern als absolute Wahrheiten verkauft.

Das ökonomische Grundwissen der Deutschen weist eklatante Mängel auf. Zu dieser Erkenntnis kommt die Studie eines dreiköpfigen Forscherteams um den Berliner Bildungspsychologen Gerd Gigerenzer, die dem Handelsblatt (Dienstagausgabe)exklusiv vorliegt. Mit 24 Fragen aus den Bereichen Verbraucherschutz, Wirtschaftspolitik und Geldanlage hatten die Forscher untersucht, ob das ökonomische Basiswissen der Deutschen ausreicht, um sich gefahrlos in der Wirtschaftswelt zurechtzufinden.

Im Schnitt konnten die rund 1000 Befragten weniger als 14 Fragen richtig beantworten. Damit sind die Wissenslücken sogar noch gewachsen: Im Vergleich zu einer früheren Untersuchung im Jahr 2010 ist die durchschnittliche Zahl der korrekten Antworten um eine halbe gesunken.

Bei den Fragen ging es nicht um komplexe ökonomische Theorie, sondern um einfache Fakten und Zusammenhänge. Dennoch wussten mehr als ein Drittel der Befragten nicht, dass Investitionen in deutsche Staatsanleihen grundsätzlich sicherer sind als jene in Aktien, Fonds oder Zertifikate. Auch dass Dänemark eine eigene Währung hat, war lediglich gut der Hälfte bekannt.

Die Top-Ausgaben der Deutschen

Das kauft der Durchschnittshaushalt

Das Statistische Bundesamt errechnet jedes Jahr, wie viel jeder Haushalt einnimmt und wie viel er davon wofür ausgibt. Im Jahr 2010 hatten die Haushalte in Deutschland ein durchschnittliches monatliches Bruttoeinkommen von 3.758 Euro. Das durchschnittliche Nettoeinkommen betrug 2.922 Euro. Davon ausgegeben wurden 2.168 Euro.

Platz 10: Bildung

Für die Bildung geben die Deutschen mit Abstand am wenigsten ausgegeben. Das mag zum einen daran liegen, dass viele Bildungsartikel, wie zum Beispiel Bücher, lediglich ausgeliehen werden und zum anderen gibt es im Internet eine ganze Reihe von kostenlosen Bildungsmöglichkeiten.
Ausgaben im Monat: 16 Euro
Anteil: 0,8 Prozent

Platz 9: Nachrichtenübermittlung

Das Internet wird immer wichtiger und immer mobiler. Die Zahl der mobilen Internetnutzer nimmt exponentiell zu und eine Ende des Smartphone-Hypes ist noch nicht in Sicht. In Zukunft könnten die Ausgaben in diesem Bereich steigen.
Ausgaben im Monat: 56 Euro
Anteil: 2,6 Prozent

Platz 8: Gesundheitspflege

Arztbesuche, Rezeptkosten, Pflegemittel und Medikamente fallen unter diese Kategorie. Mit der Abschaffung der Praxisgebühr ab dem 1. Januar 2013 dürfte dieser Ausgabeposten etwas kleiner ausfallen.
Ausgaben im Monat: 91 Euro
Anteil: 4,2 Prozent

Platz 7: Bekleidung und Schuhe

Zum Winter und zum Sommer erhöhen sich die Ausgaben für Bekleidungsartikel. Auch gegen Ende der Jahreszeiten fließt das Geld, da viele in den jeweiligen Schlussverkäufe diverse Schnäppchen ergattern wollen.
Ausgaben im Monat: 100 Euro
Anteil: 4,6 Prozent

Platz 6: Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen

Deutsche Arbeitsnehmer haben im internationalen Vergleich zwar relativ viele Feier- und Urlaubstage, die werden jedoch größtenteils zu Hause verbracht. Nicht viele fahren in den Ferien weg und wenn, halten sich die Ausgaben für Hotelübernachtungen in Grenzen.
Ausgaben im Monat: 113 Euro
Anteil: 5,2 Prozent

Platz 5: Innenausstattung und Haushaltsgegenstände

Die Ausgaben für Möbel und Elektro- beziehungsweise Elektronikartikel positionieren sich im Mittelfeld.
Ausgaben im Monat: 118 Euro
Anteil: 5,4 Prozent

Platz 4: Freizeit, Unterhaltung und Kultur

Das Land der Dichter der Denker hat einiges an kulturellen Gütern zu bieten. Für Besuche in Museen, Theatern und Kinos geben die Deutschen den ein oder anderen Euro aus.
Ausgaben im Monat: 236 Euro
Anteil: 10,9 Prozent

Platz 3: Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren

Im Schnitt isst jeder Deutsche rund 90 Kilogramm Fleisch und trinkt 146 Liter Kaffee im Jahr. Das schlägt sich natürlich gewichtig auf die Konsumausgaben nieder.
Ausgaben im Monat: 305 Euro
Anteil: 14,1 Prozent

Platz 2: Verkehr

Des Deutschen liebstes Spielzeug ist sein Auto. Und das lässt er sich einiges kosten. In der Kategorie mit innenbegriffen sind auch die Ausgaben für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel.
Ausgaben im Monat: 305 Euro
Anteil : 14,1 Prozent

Platz 1: Wohnkosten

In Deutschland wird der größte Anteil des Einkommens für die Wohnkosten ausgegeben. Sie beinhalten neben den Miet- auch die Energie- und Instandhaltungskosten.
Ausgaben im Monat: 738 Euro
Anteil: 34,1 Prozent

An simpler Zinseszinsrechnung, wie sie nötig ist, um Kreditkonditionen zu verstehen, scheiterten sogar mehr als 70 Prozent. Die Autoren der Studie sprechen daher von „schwerwiegenden Wissenslücken über ökonomische Fakten und Zusammenhänge.“ Gravierend ist auch der Unterschied zwischen den Geschlechtern: Im Schnitt konnten die befragten Männer zwei Fragen mehr beantworten.

Angesichts der schlechten ökonomischen Grundbildung fordern die Initiatoren der Studie ein Umdenken in der Bildungspolitik: Der praktische Umgang mit Handyrechnungen, Konsumentenkrediten und Geldanlagen müsse dringend zum Lehrplan gehören, so die Forscher.

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Von

hmü

Kommentare (76)

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Account gelöscht!

11.03.2013, 17:55 Uhr

"Dennoch wussten mehr als ein Drittel der Befragten nicht, dass Investitionen in deutsche Staatsanleihen grundsätzlich sicherer sind als jene in Aktien, Fonds oder Zertifikate."

...eine These, die doch sehr fragwürdig ist. Der Zeitpunkt bzw. die Dauer der Anleihe darf auf keinen Fall ausgeblendet werden. Sofern sich in Zukunft dieser Lehrsatz im Bildungswesen breit macht, kann die Staatsverschulung (nach dem Ponzischema) munter weiter gehen :)

WILHER

11.03.2013, 17:57 Uhr

Staatsanleihen sicherer als Aktien?
Die Deutsche Bank existierte schon 1914.
Ihre Aktien von damals sind noch was wert.
Wieviel sind eigentlich die deutschen Staatsanleihen von 1914 odcer 1935 noch wert?
Was sind die Bundesanleihen noch wert, wenn die Bürgschaften für den Euro (ESM etc) virulent werden?

Da setze ich doch lieber auf Aktien, am besten auch auf ausländische.
Mit denen kann ich auch irgendwann, bei Nacht und Nebel dieses Land verlassen, wenn es mal nötig sein sollte.
Mit Aktien bleibt man mobil, mit Staatsanleihen ist schon oft der Depp gewesen.

muunoy

11.03.2013, 18:01 Uhr

Jau, auch zu meiner Schulzeit gab es keinen Unterricht, in dem ökonomische Zusammenhänge unterrichtet wurden. Aber wer sollte das denn machen? Meine Lehrer waren alles Beamte. Und die verstehen nichts von Wirtschaft. Ein Beamter sorgt nicht vor (muss er ja nicht). Beamte bekommen beim Bau einer selbstgenutzten Immobilie beste Konditionen und bekommen sogar 100%-Finanzierungen durch. Da prüft doch die Bank alles. Ein Beamter gibt sein verfügbares Einkommen eigentlich immer aus und legt das Geld nicht an. Jedenfalls wundert sich mein Steuerprüfer immer, wie ich überlebe, wenn ich mal ein oder zwei Monate nichts verdiene. Auf die Idee, dass man nicht sein ganzes Einkommen verballert, kommt der gar nicht. Ein Beamter hat nie die Erfahrung gemacht, dass es auch mal weniger gibt. Also, um wirtschaftliche Zusammenhänge zu unterrichten, sind verbeamtete Lehrer denkbar ungeeignet. Das müsste somit jemand anderes machen.

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