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07.09.2012

15:11 Uhr

Paralleltagung

Kritische Ökonomen unter sich

VonOlaf Storbeck

Kritische Ökonomen organisieren erstmals eine Ergänzungstagung zum traditionellen Kongress des deutschen Volkswirte-Verbands. Dort werden Themen abseits des Mainstreams diskutiert.

Zu den rund 50 Referenten auf der Paralleltagung gehört auch der Bestseller-Autor Max Otte. dpa/picture alliance

Zu den rund 50 Referenten auf der Paralleltagung gehört auch der Bestseller-Autor Max Otte.

LondonEs ist ein Duell der besonderen Art: Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und Ex-Finanzminister Oskar Lafontaine werden am Montag am Rande der Göttinger Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik (VfS) Bilanz ziehen über die Agenda 2010 - Schröder auf dem traditionellen Mittagsempfang des Berliner DIW, Lafontaine kurz darauf beim der vom Arbeitskreis „Real World Economics“ organisierten „Ergänzungstagung“ zum VfS-Kongress.

Zum ersten Mal in der Geschichte des Volkswirte-Verbands haben Ökonomen, die die Mainstream-VWL für zu eingleisig und engstirnig halten, eine Parallel-Veranstaltung organisiert. Die bisherigen Jahrestagungen des VfS ließen „kaum Raum für die Diskussion pluralistischer beziehungsweise heterodoxer Theorien, Methoden und Themen“, schreiben die Organisatoren Helge Peukert und Christoph Freydorf, die beide an der Uni Erfurt forschen.

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Zu den rund 50 Referenten auf der Paralleltagung gehören der Wirtschaftsweise Peter Bofinger (Würzburg), der Finanzmarktforscher Richard Werner (Southampton) und der Bestseller-Autor Max Otte. Auch der IWF-Ökonom Michael Kumhof, der jüngst mit einer Studie über die Vorteile eines Vollgeld-Bankensystems für Schlagzeilen sorgte, reist aus Washington an.

Die Forscher diskutieren über Fragen wie „Wem gehört die Welt?“, über die Finanzierungsprobleme des modernen Staates und den Ethik-Kodex des VfS. Zudem gibt es nach dem Vorbild der American Economic Association erstmals eine „Economics Humor Session“ - der Künstler Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig tritt am Montagabend als „Krisenkabarettist“ auf.

Auch die Reform der Ökonomenausbildung wird auf der Ergänzungstagung Thema sein. Im Vorfeld fordern 250 Professoren und Studenten in einem offenen Brief einen Umbau des Lehrprogramms. Neben den neoklassischen Grundmodellen sollten auch andere Theorien im Studium vorkommen, fordert das „Netzwerk Plurale Ökonomik“:

„Vielversprechende, aber derzeit weitestgehend vernachlässigte Ansätze sind beispielsweise: Alte Institutionenökonomik, Evolutorische Ökonomik, Feministische Ökonomik, Glücksforschung, Marxistische Ökonomik, Ökologische Ökonomik, Postkeynesianismus und Postwachstumsökonomik.“ Zudem sollten mindestens 20 Prozent der Lehrstühle an Universitäten mit Forschern besetzt werden, die abseits des Mainstreams forschen.

„Wir hoffen, dass die Ergänzungstagung eine einmalige Sache sein wird und sich der VfS in Zukunft entscheidet, pluralistische Ansätze mit ins Boot zu holen“, sagt Mit-Organisator Freydorf. Wer nicht in Göttingen sein kann, kann die Ergänzungstagung online per Livestream verfolgen - auch das hat es beim Verein für Socialpolitik noch nie gegeben.

Kommentare (3)

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07.09.2012, 22:08 Uhr

An sich eine gute Idee, die aber sicher wieder als Spinnerei oder Rechtsradikal abgetan werden wird. Kein Kritiker am EU- und Euro-Regime wird jemals eine Chance bekommen.

Elmo

09.09.2012, 01:47 Uhr

Das ist doch ein bisschen zu determinierend, nicht? Ich denke eine Forschungsdisziplin ist zu einem bestimmen Grad auch ein eingeschworener Kreis und gehorcht den Gesetzen einer menschlichen Clique. Die konservativen Ökonomen werden sich vor Öfnnung hüten und die Verarmung der VWL weitertreiben. Von daher ist es notwendig, lobenswert und schlichtweg genial eine Gegentagung zu organisieren. Weiter so :)

Varchmin

10.09.2012, 16:24 Uhr

Kommt spät, aber besser als gar nicht.
Kritische Wirtschaftswissenschaftler sind in der Lehre kaum noch zu finden, Publikationen findet man nur bei den gesellschaftlichen Gruppen, die diesem von Hayek geprägten und augenblicklich gelebten Liberalismus in Deutschland und der EU nicht gehuldigt haben und ständig auf die Folgen dieser Entwicklung hingewiesen hatten.

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