Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.04.2013

17:00 Uhr

Rechenfehler von Rogoff und Reinhardt

„Es gibt keine Anzeichen für eine historische Schuldengrenze“

VonNorbert Häring

Die US-Ökonomen Reinhard und Rogoff lieferten die Grundlage für radikale Sparmaßnahmen. Nun haben Michael Ash und zwei Fachkollegen schwere Fehler in ihrer Arbeit gefunden. Die Kritik hat es in sich.

Havard-Ökonom Kenneth Rogoff: Ihm müssen schwere Rechenfehler unterlaufen sein. Reuters

Havard-Ökonom Kenneth Rogoff: Ihm müssen schwere Rechenfehler unterlaufen sein.

Der US-Ökonom Michael Ash sieht keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass ab einer Schuldenquote von 90 Prozent das Wirtschaftswachstum zum Erliegen kommt. Gemeinsam mit seinen Fachkollegen Thomas Herndon und Robert Pollin hat Ash Fehler in einer einflussreichen Studie der beiden Harvard-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff aufgedeckt. Reinhardt und Rogoff vertraten darin die These: Staatsschulden in Höhe von mehr als 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verhindern Wachstum, erdrücken also die Wirtschaft.

Wie sich jetzt herausstellte, hatten Rogoff und Reinhardt versehentlich auf ihren Rechenblättern ganze Spalten mit den Daten der ersten Länder im Alphabet nicht berücksichtigt. Diesen Fehler räumten sie unumwunden ein. Außerdem hatten sie von Neuseeland von fünf Jahren mit einem Schuldenstand über 90 Prozent die ersten vier (guten) Jahre nicht berücksichtigt. Allein dieses Auslassen sorgte in der ungewöhnlichen Art, wie sie verschiedene Länder gewichteten, dafür, dass für hoch verschuldete Industrieländer ein leicht negatives Wachstum herauskam. Das wiederum war die Basis für die 90-Prozent-Grenze, die Reinhart und Rogoff so erfolgreich popularisierten.

Volkswirtschaftslehre: Die Renaissance der Wirtschaftsgeschichte

Volkswirtschaftslehre

Die Renaissance der Wirtschaftsgeschichte

Die Wirtschaftsgeschichte erlebt eine Renaissance in der Volkswirtschaftslehre.

Die drei US-Ökonomen Thomas Herndon, Michael Ash und Robert Pollin, die den Fehler in einer Studie aufdeckten, stellten fest: ergänzt man die fehlenden Jahre für Neuseeland und korrigiert einige andere Fehler, so kommt gemäß einer aktuellen Studie dreier US-Ökonomen ein durchschnittliches Wachstum von 2,2 Prozent heraus. Das ist zwar etwas niedriger als für gering verschuldete Länder, aber eben nur etwas.

Nachdem bereits der bekannte Ökonom Paul Krugman sich in seinem Blog enttäuscht über die Stellungnahme äußerte, die Reinhart und Rogoff am Mittwoch verbreiteten, nimmt nun auch Ko-Autor Michael Ash gegenüber dem Handelsblatt sehr kritisch zu den Argumenten Stellung, mit denen sich Reinhart und Rogoff verteidigen. Hier die Reaktion von Ash zusammen mit den Passagen aus der Stellungnahme von Reinhart und Rogoff, auf die er sich bezieht.

Reinhart-Rogoff: Wir danken Herndon et al. für ihre gewissenhafte Untersuchung unseres Originalartikels “Growth in a Time of Debt” im American Economic Review und dafür, dass sie auf eine wichtige Korrektur zu Schaubild 2 in diesem Aufsatz hinweisen. Es ist ernüchternd, dass sich ein solcher Fehler in einen unserer Aufsätze eingeschlichen hat, trotz unserer Bemühungen durchgängig gewissenhaft zu sein.

ASH: Ich weiß die Offenheit von Reinhart und Rogoff zu schätzen, mit der sie die Fehler in ihrem Aufsatz zugeben.

Kommentare (26)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Ich_kritisch

20.04.2013, 18:21 Uhr

wenn das Wachstum zurück geht muss der Staat gegensteurn. Dadurch macht jeder Staat bei geringem Wachstum hohe Schulden.

Also sind nicht die Schulden ursächlich für das geringe Wachstum, sondern das geringe Wachstum für die Schulden.

Das heutige Problem ist halt nur, dass die Staaten in den 70er Jahren es versäumt haben zu sparen und Schulden abzubauen. Damals gab es fast überall ein riesiges Wachstum. Dieses wurde z.B. in Deutschland an Rentner und Sozialhilfeempfänger generös verteilt. Ich kann mich an die Zeit noch recht gut erinnern. Mein Großvater erhielt so in seinem 5. Rentenjahr mehr Rente als er jemals während er arbeitete verdient hatte.

So wurden zu den Schulden der schlechten Jahre noch Schulden in guten Jahren aufgetürmt. Diese Schulden wurden dann in die heutigen schlechten Jahre mitgeschleppt. Bei hohen Zinsen ist ab einem gewissen verschuldungsgrad dann einfach kein Geld mehr für eine Ankurbelung der Wirtschaft da.

MIB

20.04.2013, 18:48 Uhr

Angesichts der "Fehler" von Rogoff und Reinhardt ist die Arbeit der beiden wissenschaftlich wertlos und real-ökonomisch bzw.wirtschaftspolitisch sogar schädlich. Sollte hier Vorsatz bestanden haben, wäre dies ein Skandal ersten Ranges.
Interessengeleiteter Schwindel ist, in den "Wirtschaftswissenschaften", ja aber spätestens seit Arthur B. Laffer und seiner "Kurve" bekannt.

Die Angelegenheit bestätigt nur die Auffassung, dass die sog. "Wirtschaftswissenschaftler" keine Wissenschaft betreiben, sondern weltanschauliche Heilslehren propagieren; eben politische Ökonomie!

simpl

20.04.2013, 18:52 Uhr

Soviel zu der "wissenschaftlichkeit" von Wirtschaftswissenschaften!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×