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24.06.2012

12:52 Uhr

Rezension

Schnelles Denken, langsames Denken

Ob die moderne Verhaltensökonomie die Finanzkrise hätte verhindern können, bleibt ungeklärt. Nobelpreisträger Daniel Kahneman glaubt aber, dass zukünftige Krisen vermeidbar sind - mit Nachdenken statt Intuition.

Daniel Kahneman ist Preisträger des diesjährigen Weltwirtschaftlichen Preises. dapd

Daniel Kahneman ist Preisträger des diesjährigen Weltwirtschaftlichen Preises.

KielEigentlich sollte es ja egal sein, wie rum eine Frage gestellt wird. Doch für das menschliche Hirn ist es ein gewaltiger Unterschied. Da ist etwa das Beispiel der amerikanischen Betriebsrenten: Früher wurden die Arbeiter regelmäßig gefragt, ob sie künftig einen größeren Teil ihres Lohns auf die hohe Kante legen möchten - und nur wenige taten es. Heute ist es umgekehrt: Die Beiträge steigen automatisch - und die Arbeiter werden nur gefragt, ob sie wieder weniger sparen möchten. Der Effekt: Ihre Sparquote steigt - und die Gefahr der Arbeitsarmut sinkt.
"Sanfter Paternalismus" nennt sich dieses neue Paradigma der Verbraucherschutzpolitik. "Die Menschen bleiben in ihrer Entscheidung komplett frei", erklärt der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman im Handelsblatt-Gespräch. "Aber zur selben Zeit gilt: Wenn sie ohne groß nachzudenken die Standardantwort wählen, ist das die, die gut ist für sie - und für die Gesellschaft." Der Ansatz ist somit ein Mittelweg zwischen staatlicher Bevormundung und völliger Freiheit - und hat einen weiteren großen Vorteil: "Die Reformen kosten nichts und bringen viel", so Kahneman.
Kein Wunder also, dass Regierungen gerade in Zeiten des Sparens mehr und mehr auf diese Ideen setzen. In Washington und London arbeiten heute ganze Scharen von Verhaltensökonomen im Auftrag der Regierung daran, die typischen Ungereimtheiten des menschlichen Denkens gezielt zu nutzen - und berufen sich dabei auf die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie, die Kahneman begründet hat. Das Ziel: die Denkfaulen vor sich selber schützen, ohne letztlich Zwang auszuüben.

Und denkfaul, das sind die Menschen meistens, zeigt der Professor der US-Eliteuniversität Princeton in seinem neuen Buch "Schnelles Denken, langsames Denken", das jüngst auf Deutsch erschienen ist. Keine leichte Kost. Und dennoch eroberte es die oberen Plätze der Bestsellerliste des "Spiegels" schon in den ersten Wochen.
Wie viel Geld man für das Alter zurücklegt, sollte der Mensch eigentlich durch langsames, abwägendes Nachdenken entscheiden, sagt Kahneman, schließlich sei es eine folgenschwere Entscheidung. Doch das sei dem Hirn oft zu anstrengend. Stattdessen werde die Entscheidung, wie so oft, intuitiv gefällt: spontan, aus dem Bauch heraus, emotional, anfällig für Ablenkungen. Allzu gerne verlasse man sich dabei auf die vorgegebene Antwort: "Schließlich erscheint die als die normale", sagt Kahneman.
So auch bei der Organspende: Wenn die Menschen angeben müssen, dass ihre Organe nach dem Tod genutzt werden sollen, täten das nur wenige. Müsse man sich dagegen entscheiden, liege die Spenderrate bei fast 100 Prozent.

Kommentare (1)

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Alfred_Neumann

24.06.2012, 13:11 Uhr

Sicherlich sind Krisen vermeidbar, aber nicht mit diesen Politikern.

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