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27.10.2012

09:19 Uhr

Schuld der Ökonomen

Selbstgemachte Krise

VonOlaf Storbeck

Yanis Varoufakis hat früh die Fehler des Euros erkannt. Heute warnt er davor, die Krise nur in einzelnen Ländern zu sehen. An der Misere gibt er seinen Kollegen eine Mitschuld. Viele ihrer Modelle seien zu simpel.

Yanis Varoufakis hätte gerne unrecht behalten, als er vor den Fehlern des Euros gewarnt hat. Hollandse Hoogte/laif

Yanis Varoufakis hätte gerne unrecht behalten, als er vor den Fehlern des Euros gewarnt hat.

Yanis Varoufakis könnte triumphieren, aber er ist frustriert. Die Geschichte hat ihm recht gegeben, doch das gefällt dem 51-Jährigen mit griechischem und australischem Pass ganz und gar nicht. Schon Anfang der 90er-Jahre hat er als junger Assistenz-Professor der Universität Sydney in wissenschaftlichen Papieren vor Konstruktionsfehlern bei der europäischen Währungsunion gewarnt. Ernst nahm ihn damals fast niemand.

„Die Einzigen, die mir zuhörten, waren britische Europa-Skeptiker.“ Doch das waren so ziemlich die Letzten, die der bekennende Befürworter der europäischen Integration als Verbündete wollte. Aber so richtig freuen darüber, dass er recht hatte, kann er sich nicht. Sein Heimatland Griechenland steckt in der wirtschaftlichen Depression, in ganz Europa sind Millionen Menschen arbeitslos, die europäische Integration ist bedroht.

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Die Krise der Wirtschaft ist auch eine Krise der Wirtschaftswissenschaft. Die klassischen Modelle passen nicht zur Realität. Doch die Disziplin steht nicht still. Im Gegenteil. Junge Ökonomen revolutionieren das Fach.

„Was mich wirklich frustriert, ist, dass es all diese Probleme eigentlich nicht geben müsste.“ Kein Erdbeben, kein Tsunami sei für das Elend verantwortlich, sondern eine falsche ökonomische Logik und verkehrte Wirtschaftspolitik. „Wir reden über eine Krise in Griechenland, über eine Krise in Irland und eine Krise in Spanien - kaum jemand versteht, dass es sich um eine systemische Krise handelt.“ Deutschland sei genauso betroffen wie die anderen Länder auch.

Um die Ursache der Krise zu erklären, spannt Varoufakis den ganz großen Bogen. Er führt die heutigen Probleme im Kern auf den Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems im Jahr 1971 zurück. Nach dem Ende der festen Wechselkurse hätten die USA sich um den Abbau ihrer Handelsbilanz-Defizite gedrückt, indem sie weltweit Kapital anlockten - dies habe im Laufe der Jahrzehnte zu einem vollkommen überdimensionierten Finanzsektor in den USA geführt. Dieses System sei 2008 zusammengebrochen und habe die Weltwirtschaft in die Krise gestürzt.

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Zusammen mit seinem Fachkollegen Stuart Holland hat er ein Konzept zur Lösung der Euro-Krise entwickelt. Neben der Schaffung einer echten Bankenunion in Europa propagiert Varoufakis beschränkte Euro-Bonds und ein umfassendes europäisches Investitionsprogramm in den Krisenländern.

Dass sich diese Ideen politisch kaum durchsetzen lassen, dafür macht Varoufakis seine Fachkollegen mitverantwortlich. Diese lieferten mit ihren zu simplen Modellen die intellektuelle Rechtfertigung für eine „toxische Politik“.

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

27.10.2012, 10:30 Uhr

Nichts gegen Herrn Varoufakis, aber dass er der einzige war, der die Konstruktionsfehler des Euro erkannte, ist doch ausgemachter Unfug. Noch vor der Einführung haben sich sogar viele deutsche Ökonomen wegen der für jeden erkennbaren Risiken öffentlich in einem Aufruf gegen den Euro ausgesprochen. Der Euro ist das Produkt europatrunkener Politiker, die nicht wissen wollten, was sie anrichten. Eine Schönwetter-Währung ist gescheitert, und nun will man uns erklären, dass mehr Europa das Problem löst. Heilige Einfalt!

Hans

27.10.2012, 10:54 Uhr

Die Modelle der Ökonomen sind nicht zu simpel, sondern die basieren auf Vorgaben, das immer bestimmte Klientel (Banken, Beamte, Rentner etc.) geschont werden müssen. So dass bestimmte Klientels weiter gemästet werden sollen, während der Normale Bürge geschlachtet werden soll.

Bestes Beispiel Deutsche Energiewende. Die hohen Subventionen hat die Politik schön so gelassen. Statt die Subventionen anzupassen, bekommen jetzt die Stromgroßverbraucher zusätzlich Subventionen. Das bezahlt die Konsumenten, Klein- und Mittelbetriebe. Also die Schichten, die in Deutschland noch Geld ausgeben, und nicht nach China verschieben.

Das Modell von Varoufakis wird genauso laufen. Das Geld für die neuen Subventionen von den Industrien der PIIGS wird den Restlichen Konsumenten, Klein- und Mittelbetriebe aufgebürdet, die dadurch weniger Geld in ihrem Land ausgeben können. Das Modell sorgt nur dafür, dass die anderen sehr schnell auch in eine ähnlich Krise geraten.

Rapid

27.10.2012, 11:24 Uhr

Zur Therapie der kranken Euro-Zone, neben Bankenunion, Euro-Bonds und Invstitionsprogrammen, hat Varoufakis auch nichts Neues zu bieten.
Die Süd-Länder können mit dem Euro nicht mehr abwerten, ihre Wettbewerbsfähigkeit ist eingeschränkt und "innere" Abwertungen etwa durch eine "Agenda"-Politik, wie sie in Deutschland gefahren wurde, um aus einem "kranken" Mann wieder einen gesunden Mann zu machen, ist nur schwer durchzustehen und in Griechenland bei der Klientel-Politik und in Hinblick auf reform-resistente Staatsbeamte schon mal gar nicht in dem Maß das erforderlich wäre. Deshalb auch die "Zeitstreckungspolitik", die Herr Schäuble einmal zu akzeptieren gewillt ist und dann wieder nicht.
Griechenland benötigt wieder eine eigene Währung, andere Südländer unter Umständen auch.
Die Politik den Euro in seiner jetzigen Form unter allen Umständen mit den Mittel des Herrn Draghi zu erhalten, weil dieser Euro angeblich "mehr" als eine Währung ist, was die Meinung einer Nichtfachfrau in Währungsangelegenheiten, nämlich der Bundeskanzlerin ist,wird zum Scheitern verurteilt sein.
Eine Währung ist eine Währung und hat als Währung zu funktionieren und kann kein Dauerexperimentierfeld sein.

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