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17.10.2011

16:49 Uhr

Schuldenkrise

EZB - ein Staubsauger für Staatsanleihen?

Sollte die EZB Staatsanleihen von Krisenstaaten kaufen? Der belgische Ökonom Paul de Grauwe entwickelt einen radikalen Plan: Die Notenbank solle auch auf den Bondmärkten stets als "lender of last resort" agieren.

Turbulente Zeiten für den Euro. Sollte die EZB mehr tun? dpa

Turbulente Zeiten für den Euro. Sollte die EZB mehr tun?

Die Erkenntnis ist 138 Jahre alt und geht auf den Londoner Ökonomen und Journalisten Walter Bagehot zurück: Die Zentralbank soll als Kreditgeber der letzten Instanz ("lender of last resort") für private Banken agieren. Um Bank Runs zu verhindern, solle die Notenbank kriselnden Geldinstituten im Fall der Fälle unbegrenzt Liquidität zur Verfügung stellen. Denn: Wenn alle Sparer gleichzeitig ihr Geld abheben wollen, bricht auch die solideste Bank zusammen.

Der belgische Ökonom Paul de Grauwe fordert nun, die EZB soll dieses Prinzip auch bei Staatsanleihen anwenden. Wenn Panik auf den Bond-Märkten aufkomme, sollte sie rigoros Staatsanleihen von illiquiden Ländern kaufen, um die Märkte zu stabilisieren: "Die Märkte für Staatsanleihen in einer Währungsunion haben die gleiche Struktur wie das Bankensystem", ist de Grauwe überzeugt.

Der angesehene Makroökonom der Universität Leuven widerspricht damit klar der Bundesbank und konservativen Geldpolitikern wie dem zurückgetretenen EZB-Chefvolkswirten Jürgen Stark, die die bislang eher widerwilligen Ankäufe von Staatsanleihen durch die EZB heftig kritisieren.

De Grauwe plädiert in seinem Papier mit dem Titel "The European Central Bank: Lender of Last Resort in the Government Bond Markets?" für einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der Geldpolitik: Die Zentralbank solle nicht nur die Inflation bekämpfen, sondern auch für ein stabiles Finanzsystem sorgen. Er liefert in seinem gestern erschienenen Papier eine umfassende wissenschaftliche Rechtfertigung dafür, dass die Käufe von Staatsanleihen in einer Krise richtig und ungefährlich sind.

Sein Kernargument ist, dass die Währungsunion die Märkte für Staatsanleihen deutlich anfälliger für Vertrauenskrisen gemacht hat. Früher verschuldeten sich Regierungen in nationalen Währungen, die sie selbst drucken konnten. Dadurch hätte es für die Käufer von Staatsanleihen stets eine implizite Garantie der Schulden gegeben - weil die Länder ihre Verbindlichkeiten im Zweifel mit frisch gedrucktem Geld bezahlen konnten. Das sei in der Euro-Zone anders. Die Staaten verschulden sich in einer Währung, die sie nicht selbst drucken können.

Das mache die Märkte für Staatsanleihen anfällig für Liquiditätskrisen und Ansteckungseffekte. Eine regional begrenzte Schuldenkrise wie in Griechenland könne schnell auf andere Staaten überschwappen und eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale in Gang setzen: Die Investoren misstrauen der Zahlungsfähigkeit anderer Regierungen, flüchten aus den Staatsanleihen und sorgen so dafür, dass weitere Länder tatsächlich in eine Liquiditätskrise geraten. "Die Zentralbank kann dieses Koordinationsversagen lösen, indem sie als 'lender of last resort' agiert", so de Grauwe.

Die Sorge, dass dies zu höheren Inflationsgefahren führt, hält der Ökonom für unbegründet. Denn die Geldmenge, die in der Wirtschaft im Umlauf ist, steige keineswegs automatisch - weil Banken und andere Finanzmarktakteure in der Krise die zusätzliche Liquidität horten und diese nicht nachfragewirksam werde. Hoch sei zudem die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB ihre Garantien gar nicht erst einlösen müsse, weil dank ihrer Garantie keine Panik ausbreche.

De Grauwe sieht dagegen die Gefahr, dass die Regierungen die EZB-Garantie ausnutzen könnten, um sich übermäßig zu verschulden ("moral hazard"). Das gleiche Problem bestehe aber auch bei privaten Banken - dennoch sei es richtig, dass die Zentralbanken dort als "lender of last resort" agieren. Die Anreiz-Probleme müsse man auf anderem Wege in den Griff bekommen - durch strenge Regeln, die verhindern, dass Staaten zu viele Schulden aufhäufen.

Von

ost

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

17.10.2011, 17:11 Uhr

RAUS AUS DEM EURO. Dann kann die EZB machen, was sie für richtig hält!

Benjamin

17.10.2011, 17:22 Uhr

Wenn man strikte, unbrechbare, unbeugbare Verschuldungsbeschränkungen in die Verfassungen der Euro-Länder aufnimmt, dann beseitigt man die Ursache für solche Krisen. Dann hat sich auch das Moral-Hazard-Problem erledigt. Insofern wäre die LOLR-Haltung der EZB redundant und überflüssig. Zusätzlich zur Gefährlichkeit, Staatsanleihen unbeschränkt zu garantieren.

Siegfried_Bosch

18.10.2011, 02:21 Uhr

"Die Sorge, dass dies zu höheren Inflationsgefahren führt, hält der Ökonom für unbegründet. Denn die Geldmenge, die in der Wirtschaft im Umlauf ist, steige keineswegs automatisch - weil Banken und andere Finanzmarktakteure in der Krise die zusätzliche Liquidität horten und diese nicht nachfragewirksam werde. Hoch sei zudem die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB ihre Garantien gar nicht erst einlösen müsse, weil dank ihrer Garantie keine Panik ausbreche": Hört sich wie schönes Wunschdenken an. Dass das nicht aufgeht, sieht man z.B. in Großbritannien (oder auch zur Zeit in Deutschland (von den 2% sind wir weit entfernt!)).

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