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07.05.2012

12:40 Uhr

Stimmt es, dass ...

... die Finanzkrise die angelsächsisch geprägte Rechnungslegung infrage stellt?

Angelsächsische, marktorientierte Verfahren setzen sich immer stärker durch - zulasten der konservativeren deutschen Bilanzierungs- und Bewertungsmethoden. Aber ist das wirklich sinnvoll?

Nach IFRS weisen die Commerzbank und die meisten anderen europäischen Banken Gewinne aus. Haufe

Nach IFRS weisen die Commerzbank und die meisten anderen europäischen Banken Gewinne aus.

Die deutsche Tradition der Volkswirtschaftslehre wird zu Unrecht ignoriert. Das hatte ich in der Kolumne vom 11. April geschrieben. „Der deutschen Tradition in der Betriebswirtschaftslehre geht es kaum besser“, schreibt dazu Professor Gerrit Brösel. Zwar hat sie in der Wissenschaft überlebt. Aber in der Praxis wird sie von angelsächsischen, marktorientierten Verfahren verdrängt. Das betrifft besonders die Bilanzierungsregeln und die Unternehmensbewertung.

Die marktorientierten IFRS-Regeln (International Financial Reporting Standards) setzen sich immer stärker zulasten der konservativeren deutschen Bilanzierungs- und Bewertungsmethoden durch. Dabei sollte die Finanzkrise den Verantwortlichen eigentlich genügend Grund zum Innehalten bieten. Denn die marktbasierten Regeln fußen auf der Annahme von vollkommenen Gleichgewichtsmärkten mit vollständiger Information und ohne Transaktionskosten.

Diese Annahme wurde von der Finanzkrise als absolut unrealistisch entlarvt. Weil Informationen alles andere als vollständig, Transaktionskosten hoch sind und der Wettbewerb unvollkommen ist, gibt es keine objektiv richtigen Werte. Daher sind Marktpreise keine gute Annäherung an ein solches Konstrukt. Wenn Märkte vollkommen wären, gäbe es keine Unternehmen, denn Unternehmen sind Planwirtschaften, die Unvollkommenheiten der Märkte ausbügeln.

Norbert Häring

Norbert Häring ist Korrespondent in Frankfurt.

Weil die Theorie fehlerhaft ist, kann auch die darauf aufbauende Praxis nicht konsistent sein. Ein Beispiel: Wenn die von einem Konzern ausgegebenen Anleihen im Kurs sinken, weil es dem Unternehmen schlechtgeht, dann sinkt der Marktwert seiner Verbindlichkeiten. Das Unternehmen kann deshalb nach IFRS höhere Gewinne ausweisen und ausschütten. So weisen nach IFRS die Commerzbank und die meisten anderen europäischen Banken Gewinne aus. Wer glaubt, dass es ihnen gutgeht? Die anderen Banken jedenfalls nicht; sie leihen sich gegenseitig kein Geld.

Ein anderes Beispiel: Wer nicht lange genug Ökonomie oder angelsächsische Finanztheorie studiert hat, der fragt noch naiv: „Welcher Zins?“, wenn vom Gleichgewichtszins die Rede ist. Sind die zwei Prozent gemeint, die ich bekomme, wenn ich Geld bei der Bank anlege, oder die vier bis zwölf Prozent, die ich zahle, wenn ich Geld leihe.

Über solche Unterschiede von enormer praktischer Bedeutung geht die marktorientierte Bewertungstheorie hinweg; die darauf aufbauende Praxis behilft sich, indem sie mehr oder weniger willkürlich gewählte Durchschnitte bildet. Das Ergebnis ist eine Scheinobjektivität, die vorgibt, den Anleger besser zu informieren, diesem Anspruch aber nicht gerecht werden kann.

Von

noh

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