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04.04.2012

12:54 Uhr

Stimmt es, dass...

Ist die Staatsschuldenkrise eine Folge der Bankenkrise?

VonNorbert Häring

Kritiker der öffentlichen Miesen verweisen reflexhaft auf stetig ansteigende Schulden seit den 50er Jahren. Doch das überzeugt nur begrenzt, denn seitdem ist die Wirtschaft gewachsen und die Währung im Wert gesunken.

Waren die Banken Schuld an den vielen Schulden? Ein genauer Blick lohnt sich. dpa

Waren die Banken Schuld an den vielen Schulden? Ein genauer Blick lohnt sich.

Unser aufmerksamer Leser Wolfgang Junkes hält den Zusammenhang zwischen belasteten Bankbilanzen und öffentlichen Schulden für eine reine Schutzbehauptung, wie sie Politiker gern in Talkshows zum Besten geben und empfiehlt einen Blick auf die Website des Bundes der Steuerzahler. In der Tat sieht man auf der dort dargestellten Grafik zur Staatsverschuldung, wie die Zunahme der Staatsschulden seit 1950 beständig steiler geworden ist. Nach der Wiedervereinigung verstärkt sich dies vorübergehend, aber einen Effekt der Bankenkrise kann der Augenschein nicht entdecken.

Die Grafik ist ein sehr schönes Beispiel dafür, wie man mit geeigneten Schaubildern desinformieren kann. Der Anstieg von 1950 bis 1955 um umgerechnet 11 Milliarden Euro auf 21 Milliarden Euro, immerhin 110 Prozent, ist fast nicht erkennbar. Die Zunahme von 2000 bis 2005 um 12 Prozent, in Prozent ausgedrückt also ein Neuntel der Zunahme in der ersten Hälfte der 1950er, wirkt optisch wie ein sehr steiler Anstieg. Das liegt daran, dass die absolute Zunahme mit 189 Milliarden 17-mal so groß ist wie damals. Es ist aber angesichts des Wirtschaftswachstums und der Geldentwertung von 50 Jahren unsinnig und unseriös, so zu tun, als könnte man diese Werte direkt vergleichen.

Norbert Häring ist Handelsblatt-Korrespondent in Frankfurt und Autor des Buchs „So funktioniert die Wirtschaft“. An dieser Stelle erläutert er täglich grundsätzliche Fragen zum wirtschaftlichen Geschehen. Bernd Roselieb für Handelsblatt

Norbert Häring ist Handelsblatt-Korrespondent in Frankfurt und Autor des Buchs „So funktioniert die Wirtschaft“. An dieser Stelle erläutert er täglich grundsätzliche Fragen zum wirtschaftlichen Geschehen.

Blickt man auf das Staatsdefizit im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, so zeigt sich ein deutliches Bild. In den fünf größeren Kernländern der Währungsunion, ebenso wie in den fünf Randländern Italien, Spanien, Portugal, Irland und Griechenland, lag dieses von 2001 bis 2005 überwiegend zwischen zwei und drei Prozent. An der Peripherie nur ein wenig höher als im Kern. Länder wie Spanien und Irland wiesen sogar jahrelang Haushaltsüberschüsse auf. 2006 und 2007 lag das Defizit im Kern unter einem Prozent, in der Peripherie unter zwei Prozent.

Dann schoss es im Zuge der Finanzkrise nach oben, in den Kernländern ab 2009 auf über fünf Prozent, in der Peripherie über zehn Prozent. In Deutschland sprang die Verschuldung aufgrund der Kosten der Bankenrettung 2009 und 2010 um 16,5 Prozent auf 83,2 Prozent nach oben. Das „hochverschuldete“ Spanien, wie es in den Medien reflexartig genannt wird, hatte 2007 noch einen Verschuldungsgrad von weniger als 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und liegt trotz des kräftigen Anstiegs seither noch unter dem deutschen Wert. In Irland schoss die Verschuldungsquote in nur drei Jahren wegen der Bankenkrise um rund 40 Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts nach oben. Die Aussage, dass die Finanzkrise ursächlich für die europäische Staatsschuldenkrise ist, scheint nicht allzu gewagt.

Kommentare (14)

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AntiEnergieelite

04.04.2012, 13:12 Uhr

dann müssten wir alle politheinis, die diese bankenrettung befürworteten, sofort in die zwangsjacke stecken, einweisen bzw. in den kartoffelsack stecken und so lange draufklopfen, bis wir keinen mucks mehr hören. solche annahmen durch irgendwelche zahlen zu belegen ist schon grund genug, aber die politheinis haben auch die inflation nun angeheizt, was sich am besten bei den energiepreisen ablesen kann. und was tut die politik. sie schickt das zahnlose kartellamt, dass seit jahren zubeißen wollte, aber bisher keine bissen abbekommen hat.

Dr.NorbertLeineweber

04.04.2012, 13:20 Uhr

Ich bitte um Beachtung, dass die Massenarbeitslosigkeit in der EU von 25 Mio. allein in der Staatsschuldenkrise begründet liegt. Man darf Ursache und Wirkung nicht vertauschen. Ursächlich ist die Staatsschuldenkrise. Erst die hat dann auf die Banken übergegriffen. Alle anderen Behauptungen sind grundfalsch, um von der Ursachenanalyse abzulenken. Da trifft es nämlich die unfähigen EU-Politiker. Erklärung folgt!

Arno

04.04.2012, 13:27 Uhr

Was ist das denn für eine Logik?
Die Verschuldungssprünge der Staaten vor der Immobilienkrise waren doch gerade in den jetzt wackligen Ländern nur so gering, weil sich deren Privatsektor "als Ersatz" verschuldet hat.
Dieses Kreditgeld führte zu einem Wirtschaftswachstum auf Pump, einhergehend mit Steuereinnahmen aus diesem Fakewachstum, die die Staatenverschuldung nicht groß wachsen ließ.
Jetzt so zu tun, als wäre dies nachhaltiges Wachstum gewesen zeugt von absoluter Unkenntnis der Zusammenhänge.

Die Staaten haben nach Ende des Fakebooms aus der Privatverschuldung nur auf einen Schlag das bezahlen müssen, was sie ohne ihn in dieser Zeit ausgegeben hätten.

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