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03.12.2012

14:30 Uhr

Strukturwandel

Der Westen sehnt sich nach mehr Industrie

VonNorbert Häring

Die westlichen Volkswirtschaften zahlen derzeit einen hohen Preis für ihre Umwandlung in reine Dienstleistungsstandorte. Denn wer die Industrie auslagert, verliert gleichzeitig den Anreiz für technische Innovationen.

Roboter arbeiten im Werk des Automobilherstellers Audi in Ingolstadt an Karosserien des Modells A4. dapd

Roboter arbeiten im Werk des Automobilherstellers Audi in Ingolstadt an Karosserien des Modells A4.

FrankfurtDie Deindustrialisierung war jahrzehntelang kein Thema, jedenfalls keines, was so genannt wurde. Sie hieß Strukturwandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft und galt als etwas ganz Normales für reiche "Industrie"-Länder. Das hat sich geändert. Alle Welt schaut vorwurfsvoll oder bewundernd auf Deutschland, das dank seiner starken Industrie in der Euro-Krise zum fast alleinigen wirtschaftlichen und politischen Machtzentrum in Europa aufgestiegen ist.

Allenthalben wird von der Notwendigkeit gesprochen, die Industrie zu fördern, selbst in angelsächsischen Ländern, wo jede Form von Industriepolitik bisher als planwirtschaftliche Wissensanmaßung verpönt war.

US-Präsident Barack Obama hat sogar eine "fortschrittliche Industriepartnerschaft" ausgerufen. Sein Wirtschaftsberater Gene Sperling hat ganz offen den starken Rückgang der Industriebeschäftigung seit etwa 2000 als nationales Problem ersten Ranges bezeichnet.

Industriefetischismus nennt John Kay das. Der einflussreiche britische Buch- und Kolumnenschreiber schüttet Häme über eine archaische Geisteshaltung aus, die nur das Machen von Sachen als vollwertige Arbeit betrachte und Pflege alter Menschen oder Haareschneiden als minderwertig einstufe.

Gene Sperling kennt solche Einwände aus seiner Heimat zur Genüge. Deshalb hat er sich in einer Rede bei einer "Konferenz zur Renaissance der amerikanischen Industrie" ausführlich damit auseinandergesetzt. Anders als bei solchen Anlässen oft üblich handelt es sich nicht um Sprechblasen, sondern um eine tiefschürfende ökonomische Analyse, gespickt mit Verweisen auf ein Dutzend Studien.

"Arbeit, um Sachen herzustellen, ist in einer globalisierten Welt ein billiger Standardinput", stellt Kay fest. Was wirklich Wert schaffe, seien die Fähigkeiten und Anstrengungen darum herum, die aus einfachen Dingen schöne, komplexe und höchsten Qualitätsansprüchen genügende Objekte machen, für die hohe Preise zu erzielen seien. Er nennt das Beispiel des iPhones, das für 20 Dollar in China hergestellt werde, für dessen Entwicklung in Kalifornien Apple jedoch Hunderte Dollar pro Stück erzielen könne.

Wenn sich bei allen Industrieprodukten Entwicklung und Produktion so gut räumlich trennen ließen wie bei Informations- und Telekommunikationsgütern, dann wäre es vielleicht möglich für ein führendes "Industrieland", sich auf die sauberen Bürojobs zu beschränken und trotzdem seinen Wohlstand zu bewahren. Doch das scheint eher die Ausnahme als die Regel zu sein.

Kommentare (11)

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Lachsack

03.12.2012, 15:07 Uhr

Äh, war nicht noch gerade die Dienstleistug das Gebot der Stunde?

Na ja, Die WiWis sind Glaskugelleser.
Die werfen schon mal die Dogmen von heue, gleich morgen in den Müll, wenn das Gegenteil grade Hip ist.

Das hat was für sich, zeigt Lernbereitschaft und Flexibilität.

Zeigt aber auch, dass die WiWi eher bei den Wellness- und Esoterik- Akrobaten anzusiedeln sind, denn als wirkliche Wissenschaft zu bezeichnen sind.

Republikaner

03.12.2012, 15:39 Uhr

John Kays "Industriefetischismus" war die Demontage des Mittelstandes und ist Amerikas Untergang. Die würden doch noch am liebsten ihre Fluzeugträger in China fertigen lassen und die Welt ansonsten am liebsten mit grünbedrucktem beglücken - funktioniert aber nicht mehr.

HolgerJahndel

03.12.2012, 16:55 Uhr

Manfred Julius Müller: Für Zollgrenzen, gegen Freihandel...Protektionismus nach Friedrich List und Emmanuel Todd

http://www.neo-liberalismus.de

http://www.anti-globalisierung.de


Bürgerbewegung Solidarität - gegen Deindustrialisierung und den Monetarismus der Chikagoer Schule der Volkswirtschaft nach Milton Friedman

http://www.bueso.de

Volksprotest - die wahren Zahlen abseits der monetaristischen Mainstream Medien

http://www.volksprotest.de

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