Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.09.2014

08:22 Uhr

Studie

Deindustrialisierung in Europa schreitet voran

ExklusivBrüssel gehen allmählich die Ideen aus: Kaum eine Maßnahme scheint die Deindustrialisierung in Europa stoppen zu können. Für Deutschland sieht es zwar noch gut aus – doch das kann sich aber schnell ändern.

An einem Sammelhefter der Heidelberger Druckmaschinen AG arbeiten Monteure in der Fertigungshalle des Unternehmens: Der Brüsseler Bestandsaufnahme zufolge kämpfen vor allem Europas kleine und mittelständische Industrieunternehmen mit einer nach wie vor schwierigen Kreditversorgung. dpa

An einem Sammelhefter der Heidelberger Druckmaschinen AG arbeiten Monteure in der Fertigungshalle des Unternehmens: Der Brüsseler Bestandsaufnahme zufolge kämpfen vor allem Europas kleine und mittelständische Industrieunternehmen mit einer nach wie vor schwierigen Kreditversorgung.

BrüsselTrotz aller Versuche, gegenzusteuern, geht die Deindustrialisierung in Europa weiter. Mit einem Anteil von 15,1 Prozent der Industrie an der Bruttowertschöpfung erreichte sie 2013 abermals einen Tiefpunkt. Das geht aus dem Report zur Wettbewerbsfähigkeit Europas hervor, der dem Handelsblatt (Donnerstagausgabe) vorliegt und den die EU-Kommission an diesem Donnerstag vorlegen will.

Das Ziel, den Anteil der Industrie bis 2020 wieder auf 20 Prozent zu steigern, gerät damit in Gefahr. Zu Beginn des neuen Jahrtausends hatte der Anteil der Industrie an der Bruttowertschöpfung noch bei 18,5 Prozent gelegen. Der niedrigste Wert wurde im Rezessionsjahr 2009 mit 14,8 Prozent erreicht.

Zwar erholte sich der Anteil leicht – aber ein Trend wurde daraus nicht. „Ohne zielgenaue Maßnahmen sowohl auf europäischer wie auch auf Ebene der Mitgliedstaaten wird es nicht gelingen, der Altlasten aus der Krise Herr zu werden“, stellt Brüssel nun fest.

Der Brüsseler Bestandsaufnahme zufolge kämpfen vor allem Europas kleine und mittelständischen Industrieunternehmen mit einer nach wie vor schwierigen Kreditversorgung, einem wachsenden Mangel an gut qualifizierten Fachkräften und hohen Energiekosten. „Verbesserungen bei der Energieeffizienz haben den negativen Effekt steigender Energiepreise nicht kompensieren können“, stellt die Kommission in ihrem Bericht fest. Außerdem müssten viele EU-Staaten dringend administrative Hürden bei der Neugründung von Unternehmen senken und Forschung und Entwicklung vorantreiben.

EU-Kritik am Reformvorbild Deutschland

Krise als Dauerzustand

Viele der jüngsten Empfehlungen zur deutschen Wirtschafts- und Finanzpolitik seitens der EU-Kommission ähneln denen der vorherigen Reformperiode. „Damit hat die schwarz-gelbe Regierung eine Ehrenrunde im Europäischen Semester gedreht und einen Reformstau verursacht“, sagte der Finanz- und Wirtschaftsexperte der Grünen, Sven Giegold, Handelsblatt Online.

Autor: Thomas Ludwig

Haushalt

Die Kommission ist der Meinung , „dass die öffentlichen Finanzen Deutschlands insgesamt solide sind und das mittelfristige Haushaltsziel erreicht worden ist. Das den Haushaltsprojektionen des Programms zugrunde liegende makroökonomische Szenario ist plausibel.“ Weiter so.

Schuldenbremse

Bei der Umsetzung der in der Verfassung niedergelegten Regel des ausgeglichenen Haushalts („Schuldenbremse“) wurden nach Ansicht der Kommission seit der letztjährigen Empfehlung einige Fortschritte erzielt: „Allerdings scheinen in den meisten Bundesländern noch die spezifischen Durchführungsbestimmungen erforderlich zu sein, um eine wirksame Anwendung der Schuldenbremse im jährlichen Haushaltsverfahren sicherzustellen.“

 

Mehrwertsteuer

Brüssel kritisiert, Deutschland schöpfe wachstumsfreundliche Einnahmequellen nicht in ausreichendem Maße aus: „Die Anwendung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes (von derzeit sieben Prozent) auf ein inzwischen recht breit gefächertes Spektrum von Waren und Dienstleistungen könnte eingeschränkt und die MwSt-Verwaltung geprüft werden, um die Effizienz, die Steuererhebung und die Betrugsbekämpfung zu verbessern.“

Öffentliche Aufträge

Was die öffentliche Auftragsvergabe anbelangt, ist der Wert der von den deutschen Behörden gemäß den EU-Vorschriften veröffentlichten Aufträge sehr gering.

Die Kommission empfiehlt der Bundesregierung daher, dass sie im Zeitraum 2013/2014 „dringend Maßnahmen ergreift, um den Wert der im öffentlichen Auftragswesen vergebenen Aufträge signifikant zu steigern.“

Gesundheit

Die  Effizienz bei der Verwendung der öffentlichen Ausgaben für Gesundheit und Pflege lässt nach Ansicht der Kommission zu wünschen übrig. Zwar gebe es Fortschritte. Diese seien aber begrenzt: „Die bisherigen Reformanstrengungen im Gesundheitssektor und die diesjährige Pflegereform scheinen nicht ausreichend, um die erwarteten künftigen Kostensteigerungen zu dämpfen.“

Bildung

Die Kommission sieht Deutschland auf einem gutem Wege, das nationale Ziel für Bildungs- und Forschungsausgaben einzuhalten. Aber: „Deutschland sollte sich noch ehrgeizigere Folgeziele setzen, um mit den innovativsten Volkswirtschaften gleichzuziehen.“ Bei der Anhebung des Bildungsniveaus benachteiligter Menschen sei die Bundesrepublik voran gekommen. Doch alle Bundesländer sollten weiter ehrgeizig daran arbeiten, ein Schulsystem zu schaffen, das gleiche Chancen für alle bietet, fordert die Kommission.

Berufstätige Frauen

Zufriedenheit klingt anders. „Deutschland hat keine Maßnahmen ergriffen, um die signifikanten Fehlanreize für Zweitverdiener abzuschaffen, und die Fortschritte beim Ausbau der Verfügbarkeit von Ganztagskindertagesstätten und -schulen bleiben begrenzt“, schreibt die Kommission der Bundesregierung ins Arbeitsheft.

Arbeitsmarkt

Die politischen Maßnahmen zur Verringerung der hohen Steuer- und Abgabenlast für Geringverdiener und zur Verbesserung der Integration von Langzeitarbeitslosen in den Arbeitsmarkt halten die Experten in Brüssel für begrenzt. „Deutschland sollte mehr tun, um die auf Niedriglöhne erhobenen hohen Steuern und Sozialabgaben zu verringern. Es sind weitere Anstrengungen notwendig, um die Umwandlung von bestimmten Beschäftigungsverhältnissen, z. B. Minijobs, in nachhaltigere Beschäftigungsformen zu verbessern und damit eine Segmentierung des Arbeitsmarkts zu vermeiden.“

Löhne

Die Reallöhne liegen der Kommissionsanalyse zufolge unter dem Stand von 2000. Das habe zum strukturellen Rückgang der Arbeitslosenquote von acht Prozent auf 5,5 Prozent beigetragen. Zuletzt aber habe bei den Reallöhnen ein dynamisches Wachstum eingesetzt, ohne dass die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt würde. Gleichzeitig aber wächst die Schere bei den Einkommen: „Die Lohndisparitäten haben zugenommen“, schreibt die EU-Kommission.

Energie

Hier sieht Brüssel enormen Handlungsbedarf. „Deutschland strebt an, die gesamtwirtschaftlichen Kosten des Umbaus des Energiesystems so gering wie möglich zu halten. Bislang hat dies keine greifbaren Ergebnisse gezeitigt und nach wie vor bestehen größere Risiken und potenzielle Ineffizienzen. Die Koordinierung seiner nationalen Energiepolitik mit den Energiepolitiken der Nachbarländer ist unzureichend.“

Finanzsektor

Der Regulierungs- und Aufsichtsrahmen wurde gestärkt. Brüssel würdigt das als „signifikante Anpassungen“. Die Entscheidungen der Kommission über staatliche Beihilfen, unter anderem der WestLB, hätten die Umstrukturierung der Landesbanken weiter vorangetrieben. „Nach wie vor scheinen jedoch einer marktgetriebenen Konsolidierung im Bankensektor Governance-Hindernisse entgegenzustehen, die die Gesamteffizienz des Finanzsektors beeinträchtigen.“

Dienstleistungen

In diesem Sektor hat sich die Situation seit dem vergangenen Jahr nicht signifikant verändert. Im Hinblick auf den Zugang zu bestimmten Berufen und deren Ausübung gibt es nach wie vor zahlreiche Beschränkungen. Rat der Kommission: „Deutschland sollte stärker an der Öffnung des Dienstleistungssektors arbeiten, indem ungerechtfertigte Beschränkungen und Marktzutrittsschranken abgeschafft werden, was das Preisniveau senken und Dienstleistungen für die unteren Einkommensgruppen bezahlbarer machen wird.“

Freie Berufe

Viele freiberufliche Dienstleistungen unterliegen Anforderungen an die Rechtsform und in Bezug auf die Gesellschafter. Deshalb fordert die Kommission Deutschland dazu auf, zu prüfen, ob sich die gleichen im öffentlichen Interesse liegenden Ziele nicht durch eine weniger strikte Reglementierung erreichen ließen: „Die verschiedenen Regelungen auf Länderebene weisen ebenfalls darauf hin, dass Spielraum für weitere Anstrengungen besteht, um die mit dem geringsten Aufwand verbundenen regulatorischen Ansätze zu ermitteln und deren Anwendung bundesweit auszudehnen und auf diese Weise den Verwaltungsaufwand für Unternehmen zu verringern.“

Die industrielle Leistungsfähigkeit bleibt in der EU höchst unterschiedlich. Deutschland, Dänemark, Irland und die Niederlande liegen bei der Wettbewerbsfähigkeit vorn. Darauf ausruhen können sie sich nicht. So sieht die EU-Kommission für die nächste Dekade in Deutschland erheblichen Bedarf für Investitionen in die Infrastruktur, bei der Versorgung mit Fachkräften angesichts der demografischen Entwicklung sowie bei der Bereitstellung von Risikokapital. „Zur Bewahrung ihrer Wettbewerbsfähigkeit steht Deutschlands Industrie mittel- und langfristig vor ernst zu nehmenden Herausforderungen“, warnt die Kommission.

Auf hohem Niveau stagnierend und vom Abstieg bedroht sieht die Kommission Belgien, Großbritannien, Frankreich, Italien, Österreich, Luxemburg, Schweden und Finnland.

Von

lud

Kommentare (32)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Drittes Auge

11.09.2014, 08:44 Uhr

"Trotz aller Versuche, gegenzusteuern, geht die Deindustrialisierung in Europa weiter."

Welche Versuche? Ist damit die Politik gemeint Frankreich oder Italien für ihre Illusion, ihr Nabel wäre der Nabel der Welt und Strukturreformen, die sich auch an ungeliebten durch die Globalisierung gesetzten Maßstäben messen lassen müssen, wären nicht nötig, sondern die Welt müssen sich an Sie anpassen und Deutschland solange bis das geschieht für ihre Ignoranz zahlen?

Diesbezüglich werden wir mit der neuen EU-Kommission unter Ex-Bankenparadies-König und Finanzindustrieprotege Juncker und seinen salonsozialistischen französischen Währungsillsuionisten Moscovici noch viel Freude haben.

Herr Peter Hubich

11.09.2014, 08:44 Uhr

Deindustrialisierung in Europa schreitet voran
Die Weichen dafür wurden doch in der Vergangenheit gesetzt. War da nicht Idee der Dienstleistungs-gesellschaft, der Ideenlieferanten, der Patentehalter? Die schmutzige Arbeit der Produktion sollten die billigen Länder liefern.
Wie kann Brüssel dagegen steuern wollen, wenn Brüssel gleichzeitig so vehement am Freihnadelsabkommen festhält? (Indien war da mutiger und shclauer und hat erkannt, wohin das WTO Freihandelsabkommen Indien geführt hätte.)

Herr Hans Maiser

11.09.2014, 09:05 Uhr

Brüssel gehen allmählich die Ideen aus: Kaum eine Maßnahme scheint die Deindustrialisierung in Europa stoppen zu können.
Tja woran wird das wohl liegen?
Vielleicht sollten wir die Energie in Europa noch teurer machen, noch mehr Beamte einstellen, die noch mehr Verordnungen schreiben und noch höhere Steuern auf alles einführen.
Und ganz wichtig wären noch mehr Verbote und noch mehr Konsumfeindlichkeit, denn nur das was nicht konsumiert wird muss auch produziert werden, oder so.
Vielleicht fragen wir mal die Bosse?
Der Schweizer Spezialchemie-Konzern Clariant wird vor allem wegen der hohen Energiepreise vorerst nicht mehr in deutsche Produktionsstätten investieren.
Das kündigte der deutsche Clariant-Chef Hariolf Kottmann im Interview an. „Warum sollten wir in Deutschland noch einen Cent in neue Anlagen investieren? Dafür sehe ich derzeit keinen Grund“, sagte Kottmann. „Wir hatten zwei, drei Projekte in Deutschland favorisiert. Wir investieren nun lieber in den USA.“ Als Grund nennt Kottmann die niedrigen Energiekosten in den USA und die hohe Belastung durch die EEG-Umlage in Deutschland. „Der nationale Alleingang bei der Energiewende ist Wahnsinn. Ich halte die gesamte EEG-Förderung für falsch“, kritisierte Kottmann.
Mit einer Breitseite gegen die schwarz-rote Energiepolitik meldet sich Kurt Bock zu Wort. Der Chef des weltgrößten Chemiekonzerns BASF warnt vor den Folgen für die deutsche Industrie. Im Ausland herrsche "Mitleid und Spott". Er fürchte wegen der steigenden Energiekosten um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie. BASF selbst werde in den kommenden fünf Jahren nur noch ein Viertel im Land investieren, nicht mehr ein Drittel wie in den fünf Jahren zuvor.
Und hier gibt es echt noch Leute die sich den USA überlegen fühlen. Vielleicht Arm aber stolz, sonst nichts.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×