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07.01.2008

08:00 Uhr

Studie

Keine Forscher, kein Wachstum - die Folgen des "Brain Drain"

VonOlaf Storbeck

Immer mehr talentierte Wissenschaftler verlassen Deutschland und arbeiten im Ausland. Wie groß ist der ökonomische Schaden, den dieser "Brain Drain" anrichtet? Zwei amerikanische Forscher bringen als erste Licht in das Dunkel - und kommen zu einem für Deutschland sehr unangenehmen Ergebnis.

Top-Forscher entscheiden über Erfolg und Misserfolg von Biotech-Unternehmen

Top-Forscher entscheiden über Erfolg und Misserfolg von Biotech-Unternehmen

Es gibt Floskeln, die dürfen in keiner Grundsatzrede zur Wissenschaftspolitik fehlen. Zum Beispiel die Feststellung, wie wichtig Bildung und Forschung für ein rohstoffarmes Land wie Deutschland sind. Tatsächlich aber bieten deutsche Universitäten Spitzenforschern oft keine wettbewerbsfähigen Arbeitsbedingungen. Quer über alle Fächer hinweg zieht es gerade die klügsten Köpfe ins Ausland.

Wie groß ist der ökonomische Schaden, den dieser "Brain Drain" anrichtet? Dieser Frage gehen Lynne Zucker und Michael Darby von der University of California in Los Angeles (UCLA) in einer jüngst veröffentlichten Studie nach.

Sie gehen von der Feststellung aus, dass Spitzenforschung ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist. Dies haben Zucker und Darby in einer Reihe von früheren Untersuchungen belegt. Allerdings kommt es dabei auf eine ganz besondere Spezies von Wissenschaftlern an - auf die Top-Forscher, die weltweit zu den führenden Köpfen in ihrem Gebiet gehören. Weder die Unilandschaft in ihrer Breite, noch die Forschungsergebnisse an sich seien entscheidend. "Star-Wissenschaftler - nicht die von ihrer Person losgelösten wissenschaftlichen Erkenntnisse - sind der Schlüssel für die Gründung von Hightech-Unternehmen", so Zucker und Darby.

In einer Fallstudie für Biotechnologie liefern sie detaillierte Belege dafür. Zunächst identifizierten sie die 327 produktivsten Genforscher der Welt, gemessen an ihren Beiträgen zur Entschlüsselung des menschlichen Erbguts. Weniger als ein Prozent aller Genforscher schafften es in diese Spitzengruppe. Sie sind aber für fast ein Fünftel aller Publikationen zu dem Thema verantwortlich.

"Diese Wissenschaftler spielen nicht nur eine große Rolle bei den wissenschaftlichen Fortschritten in der Biotechnologie", fassen Zucker und Darby ihre Forschung zusammen. "Sie sind auch maßgeblich mitverantwortlich dafür, wann und wo neue Biotechnologie-Unternehmen entstehen und welche dieser Firmen besonders erfolgreich sind." Biotech-Firmen mit engen Beziehungen zu einem Star-Wissenschaftler wachsen schneller, bringen mehr neue Produkte auf den Markt, haben mehr Beschäftigte und gehen seltener Pleite als Konkurrenten ohne Kontakt zu Spitzenforschern.

Ein Indiz dafür ist die Geschäftsentwicklung von 38 Pharma-Unternehmen, die im Jahr 1975 an der Börse notiert waren. 15 dieser Unternehmen holten sich bis 1990 einen oder mehrere Star-Wissenschaftler an Bord - 80 Prozent dieser Firmen existierten auch Ende der neunziger Jahre noch. Von ihren 23 Konkurrenten, die keine engen Kontakte zu Spitzenforschern knüpften, haben dagegen bis 1999 weniger als 20 Prozent überlebt.

Für die Biotech-Cluster in Kalifornien schauten die Forscher in einer separaten Studie genauer hin. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wäre vor allem die räumliche Nähe von Unternehmen zu universitären Forschungszentren für den Erfolg entscheidend. Berücksichtigt man aber die Verbindungen der Firmen mit Star-Forschern, zeigt sich: Nur Unternehmen mit solchen Kontakten geht es überdurchschnittlich gut. Firmen, die nicht mit Top-Forschern vernetzt sind, profitieren nicht von der Nähe zu den Unis.

In ihrer neuen Arbeit untersuchen Zucker und Darby, ob das Phänomen nur auf den Biotech-Sektor beschränkt ist. Die Forscher analysieren sechs verschiedene Sektoren, darunter die Nanotechnologie, die Computerindustrie und die Chip- und Halbleiterherstellung in den 25 wichtigsten Hightech-Ländern.

Die Top-Wissenschaftler in den einzelnen Disziplinen identifizierten sie anhand von Zitationsdaten des Institute for Scientific Information (ISI), die Rankings für 21 Disziplinen mit den 250 am häufigsten zitierten Wissenschaftlern erstellt. Zucker und Darby machen insgesamt 5 401 Star-Wissenschaftler aus, deren Karrierewege sie zwischen 1981 und 2004 detailliert nachverfolgen.

Die Studie führt das wissenschaftliche Übergewicht der USA eindrucksvoll vor Augen: 62 Prozent der Top-Forscher sind in den USA tätig. In Deutschland dagegen sind gerade weniger als fünf Prozent tätig, in Europa insgesamt nur knapp 25 Prozent.

Dies hat laut Zucker und Darby erhebliche Folgen für Wachstum und Wohlstand. Denn je mehr Top-Wissenschaftler einer Disziplin vor Ort tätig sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass in diesem Sektor neue Unternehmen gegründet werden, stellen die Forscher fest. Dies gilt sowohl auf der Ebene der 25 betrachteten Nationen als auch für die einzelnen Regionen innerhalb der Vereinigten Staaten.

Seit Anfang der achtziger Jahre hat die "alte Welt" beim Wettbewerb um die Top-Forscher zudem an Boden verloren, zeigt die Studie. Durch Ein- und Auswanderung von Spitzenforschern ist die Zahl der Star-Wissenschaftler in Deutschland seit 1981 unter dem Strich um drei Prozent gesunken. Noch größer ist das Minus mit 4,6 Prozent in Großbritannien. In den USA gibt es einen leichten Rückgang von 0,6 Prozent - vor allem, weil Forscher aus Schwellenländern in ihre Heimat zurückgekehrt sind.

"Für die USA ist die Abwanderung der Forschungsstars ein Signal zu Vorsicht", schreiben Zucker und Darby. "Für Länder wie Deutschland und Großbritannien ist die Entwicklung alarmierend."

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