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31.01.2010

12:00 Uhr

Studie

Mittelmaß kommt oft an die Spitze

VonMalte Buhse

Nicht die Besten, sondern lediglich das Mittelmaß kommt in Unternehmen oft bis ganz an die Spitze. Ein Bonner Betriebswirt findet dafür jetzt eine erstaunliche Erklärung – und weist auf die problematischen Folgen seiner Erkenntnisse hin.

Trotz nur mittelmäßigem Uni-Abschluss reichte es bei George W. Bush zum Amt des US-Präsidenten. Quelle: dpa

Trotz nur mittelmäßigem Uni-Abschluss reichte es bei George W. Bush zum Amt des US-Präsidenten.

KÖLN. Göran Persson brachte es ohne Hochschuldiplom bis zum schwedischen Premierminister, John Major arbeitete sich vom Buchhalter bei einer Versicherungsmakler-Firma zum britischen Regierungschef hoch, und der einstige US-Präsident George W. Bush hatte nur einen mittelmäßigen Uni-Abschluss in der Tasche.

Die Beispiele zeigen: Oft regiert das Mittelmaß – angelsächische Forscher haben dafür den Begriff „mediocracy“ geprägt. Dahinter steckt System, lautet die These des Bonner Betriebswirts Matthias Kräkel. Der Forscher hat das Phänomen in einem theoretischen Modell analysiert und kommt zu dem Schluss: In Bewerbungsrunden für Spitzenpositionen gewinnen oft die unqualifiziertesten Kandidaten.

Denn schwächere Bewerber, so stellt Kräkel fest, strengen sich in Auswahlverfahren oft besonders an – und können so ihre fachlichen Defizite überspielen und geeignetere Konkurrenten ausstechen. Was ihnen Beine macht, ist die Angst vor dem Absturz. Hochqualifizierte können damit rechnen, einen guten Alternativ-Job zu finden, falls ihre Bewerbung scheitert. Schwache Bewerber dagegen müssen fürchten, am Ende mit leeren Händen dazustehen. Die Bewerbung um die Spitzenposition ist ihre einzige Chance, und dementsprechend engagiert sind sie.

Die Besten strengen sich in den Bewerberrunden weniger an

„Es setzen sich diejenigen durch, die keinen Plan B haben“, fasst Kräkel seine Erkenntnisse zusammen. Besonders in der Politik komme dies häufig vor. „Wenn sich zum Beispiel ein Ingenieur mit Einser-Zeugnis und einer mit Vierer-Zeugnis für den Parteivorsitz bewerben, wird der mit dem schlechten Zeugnis wahrscheinlich gewinnen“, sagt Kräkel. Er habe keine gute Alternative, weil er in der freien Wirtschaft nur einen schlechten Job finden würde. Der Einser-Absolvent dagegen würde in einem Unternehmen wahrscheinlich besser bezahlt als in der Partei und habe daher schwächere Anreize, sich richtig ins Zeug zu legen.

Kräkels Modell ist rein theoretisch und basiert auf der Annahme, dass die Bewerber rational Kosten und Nutzen abwägen und ihren Nutzen maximieren. Der Forscher sieht es als theoretische Stütze für empirische Beobachtungen wie die von Laurence Peter, einem kanadischen Erziehungswissenschaftler, der schon vor gut 40 Jahren in unterschiedlichen Branchen zahlreiche Beispiele von überforderten Führungskräften fand und die These aufstellte: Arbeitnehmer werden nicht befördert, weil sie für einen neuen Job besonders geeignet erscheinen, sondern weil sie in ihrer aktuellen Position eine gute Figur machen. So landen sie laut Peter über kurz oder lang immer in einem Job, dem sie nicht gewachsen sind – als „Peter-Prinzip“ erhielt dieses Theorem Einzug in die Personalforschung.

Kommentare (31)

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Tsukasu

31.01.2010, 13:15 Uhr

Schön und und gut, wenn sich Kräkel das so vorstellt, aber das Problem an sich ist doch, wenn er die höher qualifizierten in die Spitzenpositionen setzen will, dann haben alle anderen Pech und ein ziemliches Problem, denn wie er schon schreibt, meist hat man sonst keine Möglichkeit. Das heißt, wenn es nun noch hochqualifizierte Leute in die Spitzenpositonen schaffen, wird die Schere zwischen arm und reich nur noch mehr auseinander klappen und es wird nur noch schwieriger diese wieder zu schließen, denn wenn der Durchschnittsmensch wieder keine Arbeit hat, dann fehlt das Einkommen, denn die, sagen wir mal, "Normalen" haben nicht die Chance auf einen Ausweichsjob, wie es in dem Artikel auch schon erwähnt wird. Vielleicht ist es sogar besser, wenn nur normale weiter aufsteigen, denn dann weiß man in den meisten Fällen, dass sie sich wirklich anstrengen. Die "Hochqualifizierten" hingegen bauen nur darauf auf, was sie gelernt haben und und denken nciht unbedingt so über das Leben nach, wie die "Normalen". Es gibt schlicht weg unterschiedliche Sichtweisen, vielleicht sollte das Wissen der "Hchqualifizierten" lieber in der Forschung Schritte nach vorne machen, statt nur mit Lehren, die oft schon veraltet sind, zu versuchen die aktuellen Geschicke zu lenken.

goldfinger

31.01.2010, 13:59 Uhr

ist es nicht ein weit verbreiteter irrtum, dass man Qualifikation, fachliche, und vor allem soziale Kompetenz ausschließlich an exzelenten Schul- und Hochschulzeugnissen ausmachen kann? Läßt man da nicht dem bildungssystem eine sehr hohe Überbewertung zukommen? ist nicht z.b. Ludwig Erhard als zweifellos hervorragender Wirtschaftsexperte, als bundeskanzler schließlich gescheitert, während sein Vorgänger und manche seiner Nachfolger mit breiterem Erfahrungshintergrund, die komplexen Anforderungen an eine hohe Führungsfunktion besser bewältigten?

Steffen22

31.01.2010, 14:42 Uhr

Wir befinden uns soch schon längst im nächsten Stadium: eigentlich unqualifizierte Mitarbeiter besitzen die Entscheidungsgewalt über die Vergabe neuer Jobs. Und wer erwartet ernsthaft, das die den qualifiziertesten bewerber einstellen, der sie irgendwann ablösen könnte? Das Niveau wird in solchen Unternehmen immer weiter sinken - das ist das Diskotheken-Türsteher-Prinzip.

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