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12.09.2012

17:25 Uhr

Tagung in Göttingen

Ökonomen entschlüsseln deutsches Jobwunder

VonHans Christian Müller-Dröge

Vom kranken Mann Europas zur starken Frau des Kontinents: Das deutsche Jobwunder war Thema der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik. Dabei haben die Ökonomen einen Hauptgrund für die Lage in Deutschland ausgemacht.

Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) bei der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik in Göttingen. dpa

Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) bei der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik in Göttingen.

GöttingenEs ist kaum zehn Jahre her, da beschäftigten sich deutsche Ökonomen vor allem mit der Frage, warum die Arbeitslosigkeit in Deutschland so kolossal hoch ist. Heute ist es anders: Heute suchen sie eher nach den Gründen für den enormen Boom auf dem Arbeitsmarkt. So auch bei der Göttinger Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik, der wichtigsten Konferenz von deutschsprachigen Ökonomen, die in diesem Jahr die Arbeitsmarktökonomie als Schwerpunktthema hatte.

Der Hauptgrund für den Job-Boom, da waren sich die meisten Vortragenden einig: Die Hartz-Reformen der rot-grünen Bundesregierung. Schließlich fanden in den Folgejahren auch viele schlecht Qualifizierte einen Job, gleichzeitig sank die Wachstumsschwelle, ab der neue Stellen entstehen, deutlich ab. Zwei sichtlich stolze Protagonisten der Agenda 2010 durften daher in Göttingen Bilanz ziehen: Altkanzler Gerhard Schröder und Bundesarbeitsagentur-Chef  Frank-Jürgen Weise. „Vor zehn Jahren war Deutschland der kranke Mann Europas“, sagte Schröder. Und mit einem ironischen Seitenhieb auf Angela Merkel:  „Heute ist es eher die starke Frau des Kontinents.“

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Doch auch Schröder und Weise wissen um die Probleme im Detail: So stieg die Zahl der Beschäftigten zwar seit der Jahrtausendwende massiv an – doch Zuwächse gab es nur bei den sogenannten atypischen Arbeitsverhältnissen, also bei Teilzeit oder Leiharbeit. Gleichzeitig sind die Reallöhne im unteren Einkommensbereich inzwischen bis auf das Niveau von Anfang der frühen 80er Jahre abgesunken – nennenswert gestiegen sind nur die der Hochqualifizierten.

Ob ein flächendeckender Mindestlohn vor diesem Hintergrund eine Lösung sein kann, war deshalb eine der zentralen Fragen in Göttingen. Mit Hilfe von internationalen Daten zeigte etwa der britische Forscher Alan Manning von der renommierten London School of Economics, dass die Einführung von Mindestlöhnen durchaus dazu beitragen kann, das Einkommensniveau der Geringqualifizierten zu erhöhen, ohne allzu viele Jobs zu zerstören. Gerade das war den Befürwortern des Mindestlohns in der Debatte oft vorgeworfen worden.

Ein Phänomen, das die Forscher in Göttingen besonders interessierte: Das sogenannte deutsche Jobwunder in der Rezession des Jahres 2009. Damals brach die Wirtschaftsleistung in Deutschland mit einem Minus von mehr als fünf Prozent stärker ein als in anderen Industrieländern. Gleichzeitig entwickelte sich der Arbeitsmarkt deutlich besser - was Kommentatoren meist auf das deutsche Kurzarbeitergeld zurückführen: Dabei übernimmt die Arbeitsagentur einen Teil der Löhne – im Gegenzug entlässt der Arbeitgeber seine Mitarbeiter nicht.

Kommentare (9)

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Rechner

12.09.2012, 17:59 Uhr

O-Ton Gutwirte
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Mit Hilfe von internationalen Daten zeigte etwa der britische Forscher Alan Manning von der renommierten London School of Economics, dass die Einführung von Mindestlöhnen durchaus dazu beitragen kann, das Einkommensniveau der Geringqualifizierten zu erhöhen, ohne allzu viele Jobs zu zerstören.
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Würde mich 'mal interessieren wie dieser "Forscher" seine "internationalen Daten" massiert hat um davon abzulenken daß die Volkswirtschaften mit Mindestlohn USA und UK wesentlich höhere Arbeitslosigkeit haben als Deutschland und Schweiz ohne.

Abgesehen davon, daß der gesunde Menschenverstand dagegen spricht daß die Nachfrage nach Arbeit nicht sinkt wenn ihr Preis steigt.

...

Kommt wohl d'rauf an, wieviele Jobs "allzuviele" sind.

Rechner

12.09.2012, 18:05 Uhr

O-Ton Gutwirte
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Als Hauptgrund dafür machte der Harvard-Ökonom Richard Freeman die Schwäche der amerikanischen Gewerkschaften aus, die seit Jahren an Mitgliedern und Einfluss verlieren. „Sie waren zu schwach, um die Deregulierung der Finanzmärkte zu stoppen“, sagte Freeman.
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Die US-Gewerkschaften waren nicht zu schwach General Motors und Kodak mit wahnwitzigen Lohnnebenkosten in die Pleite zu schicken.

Account gelöscht!

12.09.2012, 18:14 Uhr

Woher diese "Forscher" ihre Kenntnisse über Deutschland haben, würde mich mal interessieren.

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