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09.06.2011

00:00 Uhr

Tankstellen

Abzocker ungeschminkt

VonHans Christian Müller

Die Bundesregierung will den Tankstellen verbieten, ihre Preise mehr als einmal am Tag zu erhöhen. Das soll die Konsumenten schützen - könnte aber zum gefährlichen Bumerang werden, zeigen ökonomische Studien. Die ganz Wahrheit über die Preisbildung bei Tankstellen.

Tankstellenpreise in Köln. Quelle: dpa

Tankstellenpreise in Köln.

DüsseldorfAbzocke! Die Leserbrief-Spalten der Regionalzeitungen sind in diesen Tagen voll mit Zuschriften wütender Autofahrer.Ende Mai hatte das Bundeskartellamt den fünf großen Tankstellen-Ketten mangelnden Preis-Wettbewerb vorgeworfen - und Millionen von Pendlern damit aus der Seele gesprochen. Die Wettbewerbshüter konnten nachweisen, was viele immer schon vermutet hatten: Im Berufs- und Ferienverkehr steigen regelmäßig die Spritpreise, ohne dass der Ölpreis daran schuld wäre.

Auch sonst folge die Preissetzung der Tankstellen immer wiederkehrenden Mustern, so das Kartellamt. Zwar scheinen sich die Spritverkäufer nicht direkt abzusprechen - doch gleich seien die Preise trotzdem. Wenn die Marktführer Aral oder Shell die Preise änderten, zögen alle anderen innerhalb weniger Stunden nach. "Tacit Collusion" nennen die Wettbewerbsforscher ein solches Verhalten, "stillschweigende Absprachen". Illegal ist das nicht, auch wenn die Nachteile für die Verbraucher auf der Hand liegen: Preiskämpfe gibt es nicht, und die Anbieter schützen ihre Gewinn-Margen.

Die Wut des Volks ist in Berlin angekommen: Wirtschafts- und Verkehrsministerium wollen den Tankstellen verbieten, ihre Preise mehr als einmal am Tag zu erhöhen. Das könne verhindern, dass Benzin in der Rushhour teurer ist als am Rest des Tages.

Doch sind Preise, die sich seltener ändern, auch kundenfreundlicher - also niedriger? Wahrscheinlich nicht, zeigen neue ökonomische Studien.

Beispiel Italien: Dort hatte der Marktführer ENI im Jahr 2004 angekündigt, seine Preise länger konstant zu halten und nicht mehr jede Schwankung auf den Ölmärkten an die Kunden weiterzugeben.

Doch was erst einmal Verbraucher-freundlich klingt, hatte fatale Folgen für die Kunden, wie Patrick Andreoli-Versbach, Wettbewerbsforscher vom Münchener Max-Planck-Institut für Immaterialgüter- und Wettbewerbsrecht in einer Studie zeigt, für die er einen gigantischen Datensatz mit 50 000 Preisen analysiert hat.

Denn die Konkurrenz ahmte ENI einfach nach und zog bei jeder Preisänderung unverzüglich mit. Die Folge: Zwar schwankte der Benzinpreis nicht mehr so stark wie der weltweite Ölpreis, dafür aber war er meist höher als früher. Denn die Preiserhöhungen waren zwar seltener, fielen dafür aber größer aus. Erst als sich Italiens Spediteure ein Jahr später öffentlichkeitswirksam bei den Kartellbehörden beklagten, kam wieder Schwung in den Wettbewerb.

Das Beispiel macht deutlich: Je einfacher es für die Anbieter ist, die Preise der Konkurrenz vorherzusehen, desto leichter haben sie es, genauso viel zu verlangen und ihre Produkte künstlich teuer zu halten. Auf diese Weise verschärfen sich dann genau diejenigen Mechanismen, die das Kartellamt im Benzinmarkt kritisiert.

Umgekehrt gilt: Gibt es in einer Stadt viele unabhängige Tankstellen, die den großen Ketten Ärger machen, schwanken die Preise noch viel stärker und schneller hin und her. Das zeigte kürzlich der US-Forscher Michael Noel mit Hilfe kanadischer Daten.

Statt das letzte Bisschen an Preisschwankung zu verbieten, sollte sich die Bundesregierung lieber darüber freuen, dass Tankstellen ihre Preise nur mit Verzögerung an die der Konkurrenz angleichen können - und es zumindest stundenweise deutliche Preisunterschiede gibt. Denn wären Änderungen nur einmal täglich erlaubt, gäbe es diese wahrscheinlich gar nicht mehr.

Zurzeit können wenigstens noch diejenigen Kunden sparen, die gerne Preise vergleichen und rechtzeitig tanken - am Wochenende oder mittags. Ökonomisch gesehen ist das völlig normal: Ist die Nachfrage hoch, steigt der Preis. Wer sich darauf einstellt, kann sparen..

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