Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

Teure Wissenschaft

Seite 2 von 2

Neue Magazine haben es schwer

Insgesamt sind Journale, die von kommerziellen Verlagen herausgegeben werden, im Schnitt dreimal so teuer wie Fachzeitschriften von Non-Profit-Institutionen wie Universitätsverlagen, zeigen Daten von Bergstrom und Mcaffee. Die beiden Forscher erfassen die Preise von Wissenschaftsverlagen systematisch in einer Datenbank. Elsevier versuchte Hochschulbibliotheken mit juristischen Mitten daran zu hindern, den Forschern die Vertragsdetails zu offenbaren - verlor aber 2009 einen Prozess gegen die Washington State University.

Für Wettbewerbsexperten wie Justus Haucap, den Präsidenten der Monopolkommission, ist unstrittig: „Die Wissenschaftsverlage verfügen gegenüber den Bibliotheken über erhebliche Marktmacht.“ Ohne Zugang zu den führenden Fachzeitschriften können Wissenschaftler nicht arbeiten - eine Bibliothek kann eine überteuerte Zeitschrift nicht einfach kündigen. Zudem bündeln die Großverlage ihre Journale oft und verkaufen sie im Paket. Für Bibliotheken wird es dadurch unattraktiver, einzelne Zeitschriften abzubestellen.

Hinzu kommt, dass es extrem schwierig ist, neue Magazine zu etablieren. Denn Wissenschaftler haben einen Anreiz, ihre besten Arbeiten bei den angesehensten Zeitschriften zu veröffentlichen. Neue Journale brauchen Jahre, bis sie eine Reputation aufgebaut haben. Wie schwer die Neugründung einer Zeitschrift ist, erlebte die European Economic Association (EEA). Bis 2002 hatte die Vereinigung zusammen mit Elsevier den „European Economic Review“ (EER) herausgegeben - und immer wieder erfolglos auf niedrigere Abo-Gebühren gepocht. Nach langem Streit kündigte der Professorenverband den Vertrag mit Elsevier und gründete 2003 das nichtkommerzielle „Journal of the European Economic Association“ (JEEA). In einem spektakulären Schritt wechselte das gesamte Herausgebergremium zur neuen Zeitschrift.

Wissenschaftlich sei das JEEA heute eine „sehr erfolgreiche Zeitschrift“, sagt JEEA-Herausgeber Fabrizio Zilibotti. Gemessen daran, wie häufig ein Artikel zitiert werde, liege die neue Zeitschrift gleichauf mit dem EER. „Trotzdem ist das JEEA aber noch immer unzureichend in Bibliotheken vertreten“, klagt Zilibotti. Dabei kostet es nach Daten von Bergstrom deutlich weniger als der EER. Doch wegen der üblichen Bündelverträge können Bibliotheken nicht ohne weiteres die Elsevier-Zeitschrift abbestellen und dafür das JEEA abonnieren.

Dass der Boykottaufruf Elsevier und andere Verlage zum Umdenken bringt, bezweifeln Experten. „6000 protestierende Wissenschaftler klingt nach einer schönen Zahl, aber gemessen daran, wie viele Forscher jedes Jahr Aufsätze veröffentlichen, ist das wenig“, sagt ZBW-Experte Siegert.

Auch Haucap hat Zweifel: „Ich bin skeptisch, ob ohne koordiniertes Verhalten ein Boykott Erfolg hat.“ Wirklich etwas bewegen könnten nur Forschungsgesellschaften wie die DFG, die wissenschaftliche Projekte finanzieren. „Die könnten darauf bestehen, dass die von ihnen bezahlte Forschung in frei zugänglichen Zeitschriften erscheint“, so Haucap.

In den USA verfolgt das National Institute of Health solch eine „Open-Access“-Politik bereits. Doch einige amerikanische Parlamentarier wollen dies mit dem sog genannten "Research Works Act" gesetzlich verbieten - und werden dabei von Verlagen wie Elsevier unterstützt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×