Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.10.2011

18:39 Uhr

Urban Legends

Die Mär vom Steuerdschungel

VonJohannes Pennekamp

80 Prozent der Steuerliteratur stammen aus Deutschland? Unsinn. Ein Finanzforscher hat die Behauptung mit einem einfachen Maßband als Mythos entlarvt. Unser Steuersystem ist unkomplizierter als sein Ruf.

Jedes Jahr ein Graus - die Steuererklärung. In anderen Ländern haben es die Steuerzahler aber auch nicht leichter als in Deutschland. dpa

Jedes Jahr ein Graus - die Steuererklärung. In anderen Ländern haben es die Steuerzahler aber auch nicht leichter als in Deutschland.

DüsseldorfEdmund Stoiber hat 2003 so argumentiert, Hans-Olaf Henkel gebrauchte das Argument drei Jahre später, und Guido Westerwelle führte es 2009 im Bundestagswahlkampf ebenfalls an: Die überwältigende Mehrheit der weltweiten Steuerliteratur sei auf Deutsch geschrieben, behaupteten alle drei mit dem Brustton der Überzeugung.

Stoiber sprach von "weit über 60 Prozent", Westerwelle gar von "70 bis 80 Prozent" - und das, obwohl weltweit nur zwei Prozent aller Steuerzahler aus Deutschland kämen. Alle benutzten die Anekdote als Beleg dafür, wie komplex, verworren und absurd das deutsche Steuersystem im weltweiten Vergleich doch sei. Stoiber: "Der einzelne Bürger hat kaum eine Chance, unser Steuersystem zu verstehen."

So schön und überzeugend die Anekdote zur Flut der deutschsprachigen Steuerliteratur aber auch klingt, sie hat einen kleinen Schönheitsfehler: Sie stimmt nicht. Es handelt sich um eine Räuberpistole, die seit vielen Jahren durch Talkshows, Wahlkampfreden und Leitartikel geistert, aber mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat.

Die Geschichte ist ein klassisches Beispiel für das, was der US-Literaturprofessor Jan Harold Brunvand eine "urban legend" nennt - eine moderne Sage, die frei erfunden ist, aber immer und immer wieder weitererzählt wird. Berühmte Beispiele dafür sind die Geschichten von der Vogelspinne, die sich in der Wurzel einer Yucca-Palme versteckt hat, und von der Amerikanerin, die angeblich ihre nasse Katze in der Mikrowelle trocknete und eine Entschädigung von mehreren Millionen Dollar bekommen haben soll, weil die Bedienungsanleitung des Geräts davor nicht gewarnt hatte.

In Wahrheit hat kein US-Gericht jemals über solch einen Fall entschieden. Das haben die beiden amerikanischen Wissenschaftler Georg Wenglorz und Patrick Ryan in einer Studie gezeigt.
Ähnlich wie Wenglorz und Ryan sind mehrere deutsche Experten der Steuergeschichte auf den Grund gegangen.

Fellowship: Ökonomie-Kongress: Stipendien für den Nachwuchs

Fellowship

Ökonomie-Kongress: Stipendien für den Nachwuchs

Tagung "Ökonomie neu denken": Die Stiftung "Geld und Währung" unterstützt 30 junge Wirtschaftswissenschaftler mit jeweils 1000 Euro. Interessenten können sich bis zum 20. November über das Handelsblatt bewerben.

Einer von ihnen ist der Tübinger Professor Franz Wagner. Seine Ergebnisse hat er gemeinsam mit seiner Koautorin Susanne Zeller in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Perspektiven der Wirtschaftspolitik" zusammengefasst. Wagners Fazit fällt eindeutig aus: "Keiner weiß, wer diese Steuergeschichte in die Welt gesetzt hat, es gibt keinerlei empirische Belege für sie."

Der inzwischen emeritierte Finanzforscher Albert Rädler hat die Behauptung mit einem einfachen Maßband als Mythos entlarvt. Rädler stieg in die Bibliothek des Amsterdamer International Bureau of Fiscal Documentation (IBFD), eine der umfassendsten Sammlungen von Steuerliteratur weltweit. Dort maß er aus, wie viele der insgesamt 2000 Regalmeter auf Bücher und Zeitschriften entfallen, die sich mit dem deutschen Steuerrecht beschäftigen.

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

kmhjet24

24.10.2011, 19:21 Uhr

Kann ich nur aus eigener Betrachtung bestaetigen- das U.S. Steuerrecht ist DEUTLICH komplizierter als das deutsche und ich freue mich wieder in Deutschland einen echten Finanzbeamten vor mir zu haben- in den USA gibt es annähernd nur inkompetente Leute in den Finanzaemter- da nehme ich die Birkenstock Schuhe gerne in Kauf

gerdstulle

24.10.2011, 20:32 Uhr

Der Autor lebt offensichtlich in einer Region in Deutschland, wo Finanzämter, Steuerberater und Rechtsanwälte eine andere Auffassungsgabe oder andere Bildungsangebote über das Steuerrecht erhalten haben.
Meine Erfahrungen und die meiner bisherigen Steuerberater sehen anders aus. Finanzämter, Steuerfachleute und betroffene Steuerzahler haben ständig nicht nur Kommunikationsprobleme, sondern sie befinden sich ständig im Konflikt zur den unterschiedlichen Auslegungen von Steuervorschriften.
Es kann doch wohl nicht sein, dass sich die Steuerzahler ständig mit den Rechtsauffassungen von Finanzämtern rumschlagen müssen. Ganz einfache Regelungen, wie z. b. Führung eines Kassenbuches haben z. b. bei mir bei einer Steuerprüfung zu erheblichen Diskussionen zwischen meinem Steuerberater und den Mitarbeitern vom Finanzamt geführt.
Weiterhin führten unterschiedliche Auffassungen zu Buchungen und fehlende eindeutige Regelungen zu Einlagen und deren Nachweis zu einem Widerspruchsverfahren beim Finanzamt. Da selbst eine Versicherung von Eides statt durch meine Kinder dem Finanzamt nicht ausreichend ist, wird es wohl zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung kommen. In meinem kleinen Betrieb beschäftige ich mich also mit Themen, die eigentlich bei eindeutigen Regelungen durch den Gesetzgeber, nicht zu einem solch enormen Aufwand und Stress zwischen mir als Steuerpflichtigen und dem Finanzamt geführt hätten.
Der Steuerbürger ist daher, aufgrund vieler undurchsichtiger Formulierungen von Steuergesetzen durch den Gesetzgeber, der Willkür der Finanzämter als Behörde ausgesetzt. Die Forderungen (Steuernachzahlungen) musste ich sofort dem Finanzamt überweisen. Bei der Klärung des Steuerstreites durch das Finanzamt und gegebenenfalls durch ein Gericht können Jahre vergehen.
Einfache klare nachvollziehbare Regelungen bei der Erstellung von Gesetzen würden dazu führen, dass die Akzeptanz und die Einhaltung von Gesetzen durch den Bürger erheblich verbessert werden.

Account gelöscht!

24.10.2011, 21:58 Uhr

Auf nur ein bzw. drei Länder (in Österreich und Teilen der Schweiz spricht man schließlich auch Deutsch) entfallen 15% der weltweiten Steuerliteratur - na wem das noch nicht eindeutig genug ist, der sollte sich mal die Tomaten von den Augen wischen.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob der Vergleich zwischen Deutschland und den USA angebracht ist. Meines Wissens haben die Bundesstaaten der USA weitgehende Steuerhoheit, so dass vielleicht eher ein Vergleich zwischen USA und EU angebracht wäre.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×