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15.05.2012

14:42 Uhr

US-Ökonom Allan Meltzer

„Die Idee der Euro-Zone war falsch“

VonMarkus Ziener

Vor radikalen Ideen hatte Allan Meltzer noch nie eine Scheu. Im Interview spricht der US-Ökonom über die falsche deutschen Euro-Politik und erklärt, warum in den USA die Krise noch nicht vorüber ist.

Allan Meltzer hält die Euro-Politik der Bundesregierung für zu rigide. Bloomberg

Allan Meltzer hält die Euro-Politik der Bundesregierung für zu rigide.

PittsburghHerr Professor Meltzer, verfolgt man die Debatte um die Finanz- und Eurokrise in den USA, dann hat man den Eindruck, dass die Probleme alleine in Europa liegen. Warum diese schiefe Wahrnehmung?
Ich glaube, sie sind hier in den USA blind. Es muss doch jedem klar sein, dass wir ein unhaltbares Schuldenproblem haben. Und unhaltbare Probleme nehmen irgendwann ein böses Ende. Die Frage ist, ob wir die Courage aufbringen, das Problem in den Griff zu bekommen, so lange das noch möglich ist. Das Volumen der ungedeckten Verbindlichkeiten liegt bei 700 Milliarden bis zu einer Billion Dollar. Wir können das gesamte Vermögen der reichsten zehn Prozent Reichen wegsteuern – aber es wird dem Schuldenberg nicht einmal eine Delle zufügen. Es gibt nur einen Weg: Wir müssen die Ausgaben kürzen.

Newsweek titelte jetzt: Die USA sind wieder zurück. Macht man sich da etwas vor?

Wir haben hier doch eine ganze Reihe von Problemen: Das Budgetdefizit habe ich bereits genannt. Dann das Bildungssystem: Wir schicken viel zu viele junge Menschen aufs College – obwohl sie dort gar nicht hingehören. Auf dem College müssen sie dann das nachholen, was in der Schule an Ausbildung versäumt wurde. Das funktioniert aber nicht – und es ist Verschwendung! Da seid Ihr in Deutschland viel weiter. In Eurem System wird viel stärker gefiltert – und vor allem früher gefiltert.

Allan Meltzer

Die graue Eminenz

Allan Meltzer gilt als die graue Eminenz der amerikanischen Finanzwissenschaften: Zweimal gehörte der Professor dem Wirtschaftsrat des Weißen Hauses an, unter den Präsidenten John F. Kennedy und Ronald Reagan. Nach ihm ist die sogenannte Meltzer-Kommission benannt, die über Jahre hinweg die Arbeit des IWF und der Weltbank analysierte.

Als Dozent

Und noch heute, 84-Jährig, sind seine Vorlesungen an der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh so populär, dass es für eine Teilnahme Wartelisten gibt. Als Dozent beim konservativen American Enterprise Instituts (AEI) in Washington setzt Meltzer immer wieder einen Kontrapunkt zur mächtigen Medienpräsenz liberaler Ökonomen wie Paul Krugman und Joseph Stiglitz.

In der Politik

Die Kampagne des designierten republikanischen Herausforderers von Barack Obama, Mitt Romney, sucht regelmäßig bei Meltzer ökonomischen Rat.

Plus die schwache Exportbilanz...

Ja, die USA müssen ein Exportland werden. Warum? Weil wir eine Auslandsverschuldung von drei Billionen Dollar haben. Und der einzige Weg, um diese Auslandsschulden abzubauen besteht darin, zu exportieren. Es gibt aber eine Hoffnung und das sind die großen Schiefergasvorkommen in den USA. Was hier in der Erde liegt ist größer als die Ölvorkommen Saudi-Arabiens. Wenn wir das Schiefergas ausbeuten, dann kann das unserer Zahlungsbilanz enorm helfen. Aber zu sagen, Amerika sei wieder da und die Probleme lägen hinter uns – das ist Unsinn, kompletter Unsinn.

Fachbegriffe zum Thema Lohn

Inflation

Als Inflation bezeichnet man eine Geldentwertung (Sinken des Geldwertes), die sich durch Steigen des Preisniveaus für Endprodukte (Konsumgüter, Investitionsgüter) ausdrückt. Nach klassischer Theorie entsteht eine Inflation durch anhaltende überhöhte Güternachfrage über das gesamtwirtschaftliche Güterangebot hinaus. Erfahrungsgemäß geht sie mit einer Erhöhung der umlaufenden Geldmenge und/oder der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes einher. Die Höhe der Inflation wird durch die Inflationsrate ausgedrückt.

Phillipskurve

Graphische Darstellung des Zusammenhangs zwischen Preissteigerungsrate und Beschäftigungsgrad in einer Volkswirtschaft. Sie behauptet, dass mit steigender Beschäftigung auch das Preisniveau steigt. Die ursprüngliche Phillipskurve führt auf den britischen Ökonometriker A.W. Phillips (1958) zurück, sie beschreibt den negativen Zusammenhang zwischen Unterbeschäftigung und der Änderungsrate des Nominallohnsatzes. Er bewies damit, dass bei geringerer Arbeitslosigkeit die Nominallöhne der Arbeiter steigen und umgekehrt (Großbritannien 1861 - 1957). Seine Überlegungen gingen dahin, dass die Arbeitnehmer bei einem hohen Beschäftigungsstand, eine höhere Verhandlungsmacht haben, und dadurch höhere Löhne durchsetzen könnten (keynesianische Erklärung), dies geschieht allerdings nur einseitig und kann nicht umgekehrt verstanden werden. Im Laufe der Zeit wurden mehrfach Modifikationen an der Phillipskurve vorgenommen.

Reallohn

In der Volkswirtschaftslehre ist der Reallohn ein Maß für die Kaufkraft. Er stellt die Höhe der Arbeitsentgelte unter Berücksichtigung der Geldwertentwicklung dar. Für einen Arbeitnehmer ist somit nicht unbedingt die absolute Höhe seines Lohns oder Gehalts bedeutsam. Entscheidend ist vielmehr die Kaufkraft, also die Güter- und Leistungsmenge, die er für sein Einkommen kaufen kann.

Reservationslohn

Dies ist die Bezeichnung für den Lohn für Arbeit, zu dem ein Arbeitnehmer gerade noch bereit ist, seine Arbeitskraft anzubieten. Wenn der angebotene Lohn unter dem Reservationslohn liegt, so wird der Arbeitnehmer keine Arbeitskraft mehr anbieten. Freizeit stellt für den Arbeitnehmer ein ökonomisches Gut dar und deshalb muss er abwägen zwischen denjenigen Gütern, die er für den Lohn erwerben könnte und der Freizeit, die er für die Lohnarbeit opfern muss. Wird ein Lohn in Höhe des Reservationslohns angeboten, so ist der Arbeitnehmer indifferent zwischen der Arbeitsaufnahme und der Freizeit. Eine Arbeitsaufnahme kann also nur bei einem Lohnangebot größer oder gleich dem Reservationslohn erwartet werden.

Rezession

Die Rezession ist eine Abschwungphase der Konjunktur. Dieser wirtschaftliche Abschwung ist oftmals auf anhaltende Kursverluste an der Börse (Baisse) zurückzuführen. Die Rezession ist eine abgeschwächte Form der wirtschaftlichen Depression, doch entwickelt sich im allgemeinen weniger dramatisch. Rückgang des saisonbereinigten realen BIP in mindesten zwei aufeinander folgenden Quartalen. Zur Messung werden die Werte mit dem jeweiligen Quartal des Vorjahres verglichen. Eine Rezession ist an der Abschwächung der Hochkonjunktur, der schlechten Beurteilung der Wirtschaftslage, der sinkenden Nachfrage, an überfüllten Lagern, den Abbauc von Überstunden und der beginnenden Kurzarbeit, sowie fehlenden Investitionen, der teilweisen Stilllegung von Produktionsanlagen und den stagnierenden bzw. sinkenden Preisen/ Löhne oder Zinsen zu erkennen.

Tarifvertrag

Arbeitgeber oder Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften schließen einen schriftlichen Tarifvertrag, um die Rechte und Pflichten der Vertragspartner zu regeln. Hinzu kommen rechtliche Vereinbarungen über den Inhalt, den Abschluss und die Beendigung von Arbeitsverhältnissen (beispielsweise die Höhe von Lohn und Gehalt oder sonstige Arbeitsbedingungen). Außerdem enthalten Tarifverträge betriebsverfassungsrechtliche Regelungen. Tarifverträge sind auf der rechtlichen Grundlage der Tarifautonomie, die es den Tarifpartnern ermöglicht Verträge über Arbeitsbedingungen ohne staatliche Mitsprache auszuhandeln, abzuschließen und auch zu beenden. Rechtliche Grundlage ist das Tarifvertragsgesetz (TVG).

Warenkorb

Der Warenkorb ist eine statistische Größe. Es handelt sich um die Zusammenstellung von Waren und Dienstleistungen, die eine bestimmte Person oder eine Gruppe in einer gewissen Zeit typischerweise anbietet oder nachfragt. Der Inhalt eines Warenkorbes muss immer wieder überprüft und bei Bedarf angepasst werden.

Als Indiz für das Wiedererstarken der US-Wirtschaft wird gerne auf die Beispiele GM und Chrysler verwiesen, die heute wieder Autos in Rekordzahlen verkaufen. Aber wird dabei nicht vergessen, dass der Staat diesen Firmen sämtliche Altlasten abgenommen hat? Ist das der freie Markt, der stets propagiert wird?

Nein, sicher nicht. Ich war nicht für den Bailout der Autofirmen. Natürlich verstehe ich, dass die Menschen Angst bekommen, wenn so ein Unternehmen Pleite geht. Aber das Geld so hinterherzuwerfen und dabei auch noch die Schuldenabkommen zu verletzen – das war eine sehr schlechte Sache. Dazu kommt aber noch eine andere Dimension: Bisher waren wir immer ein Staat des Rechts. Jetzt aber werden wir ein Staat der Regulierung. Wo es aber viel Regulierung gibt, da gibt es auch viel Korruption. Es schafft ein Privilegiensystem für jene, die von bestimmten Vorschriften profitieren, während andere benachteiligt werden.

Wie beurteilen sie die Bilanz der US-Notenbank Fed? Hat sie sich mit ihren Interventionen verhoben?

Die Bilanz ist nicht ganz so schlecht wie die der EZB (lacht). Aber beide Banken liefern sich ein Wettrennen um diesen Titel. Das Schlimmste aber ist: Die Fed hat keinen Plan, zumindest keinen durchdachten Plan, wie sie die schlechten Kredite, die in ihrer Bilanz stehen, wieder loswerden kann.

Kommentare (38)

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Courdt_Cobaine

15.05.2012, 15:20 Uhr

"Da seid Ihr in Deutschland viel weiter. In Eurem System wird viel stärker gefiltert – und vor allem früher gefiltert."

Sie meinten wohl, wir waren in Deutschland viel weiter. Ein Glück, dass wir jetzt das Filtern sein lassen und endlich eine Gesamtschule anstreben *ironie*

Account gelöscht!

15.05.2012, 15:31 Uhr

Habe GENAU diesen Punkt des gesamten Interviews als wichtigsten herausgegriffen (alles andere Spekulationen und Blick in den Kaffeesatz...), denn wir befinden uns ohne Not auf den falschen Weg. Aber man muss ja alle Fehler selber noch einmal machen...

Oeconomicus

15.05.2012, 16:18 Uhr

Chapeau!

Eines der besten Interviews seit Jahren von herausragender Brillanz

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