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18.01.2007

16:37 Uhr

Vater der modernen Finanzwissenschaft

Richard A. Musgrave ist tot

VonDorit Marschall

Es hätte laut US-Ökonom Paul A. Samuelson längst so weit sein müssen. Richard A. Musgrave hätte den Nobelpreis für Ökonomie und damit die Ehre für seine Verdienste um die Wirtschaftswissenschaft bekommen sollen. Doch Musgrave wurde diese Ehre zu Lebzeiten nicht zuteil. Am vergangenen Montag starb er im Alter von 96 Jahren in den USA.

DÜSSELDORF. Der fehlende Nobelpreis schmälert keineswegs die große Bedeutung seines Lebenswerkes. Musgrave gilt als Vater der modernen Finanzwissenschaft. Diesen Ruf hat er sich unter anderem mit seinem berühmten Standardwerk „The Theory of Public Finance“ erworben, das er bereits 1959 schrieb.

Seine wesentliche Botschaft: Die Aufgaben des Staates bilden einen Dreiklang – Allokation, Distribution und Stabilisierung. Will heißen: Der Staat muss dafür sorgen, dass die Märkte funktionieren, umverteilen und die gesamtwirtschaftliche Stabilität herstellen. Warum ist der Staat notwendig, und wie erfüllt er seine Aufgaben möglichst effizient? Das trieb Musgrave um.

Als sozialdemokratisch orientierten Staatsoptimisten, der Schwachstellen des Marktes erkennt und politische Abhilfe verspricht, bezeichnete er sich selbst einmal. Auch Politiker machten Fehler, gestand er zwar einst im Handelsblatt ein. Das dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Staat zur Korrektur des Marktes unerlässlich sei.

Während Kritiker Musgraves Dreiklang als „heilige Dreifaltigkeit“ staatlicher Aufgaben bespötteln, begründen Anhänger auch heute noch staatliche Eingriffe in den Markt mit dem Konzept der „öffentlichen Güter“, das Musgrave mit seinem US-Kollegen Samuelson aufstellte. Das besagt: Güter, deren rein private Nutzung unmöglich ist, sollte der Staat bereitstellen.

Amerikaner wurde Musgrave erst 1940. Geboren wurde der Enkel jüdischer Großeltern 1910 als Deutscher in Königstein im Taunus. Sein Studium der Volkswirtschaftslehre begann er 1930 an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wechselte 1931 nach Heidelberg, wo er als Diplom-Volkswirt abschloss. Mit Hilfe eines Stipendiums des Deutschen Austauschdiensts gelang es ihm im Herbst 1933, Deutschland zu verlassen.

In den USA setzte er seine Studien an der Universität Rochester fort. 1937 promovierte er in Harvard, forschte am Federal Reserve Board, bevor ihn seine wissenschaftliche Karriere bis zu seiner Emeritierung 1981 an eine Reihe der berühmtesten US-Universitäten führte. Johns Hopkins, Princeton, Harvard und Berkeley – überall dort lehrte und forschte Musgrave. Seine erste, die Münchener Ludwig-Maximilians-Universität, verlieh ihm im Jahr 2000 die Ehrendoktorwürde. Bis zu seinem Tode lebte Richard A. Musgrave mit seiner Frau Peggy, ebenfalls Finanzwissenschaftlerin, in Kalifornien.

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