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08.09.2011

00:00 Uhr

Verein für Socialpolitik

Warten auf die nächste Krise

VonDorit Marschall, Olaf Storbeck

Auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik warnen Ökonomen: Die Instrumente der Politiker gegen die Krise wirken kaum - und die Banken sind zu wenig reguliert.

Verein für Socialpolitik - Jahrestagung 2011 in Frankfurt zum Thema " Die Ordnung der Weltwirtschaft: Lektionen aus der Krise" Katrin Denkewitz für Handelsblatt

Verein für Socialpolitik - Jahrestagung 2011 in Frankfurt zum Thema " Die Ordnung der Weltwirtschaft: Lektionen aus der Krise"

FrankfurtNotenbanken und Regierungen drohen im Kampf gegen die Finanz- und Schuldenkrise zunehmend an ihre Grenzen zu geraten. Das ist eine der Kernbotschaften der Jahrestagung der Vereins für Socialpolitik (VfS) in Frankfurt, auf der von Montag bis Mittwoch 800 Volkswirte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz über die Lehren aus der Finanzkrise diskutiert haben. Zudem offenbarte sich eine tiefe Unzufriedenheit der führenden Ökonomen des Landes mit den bisher beschlossenen Reformen bei der Bankenregulierung. "Die nächste Krise ist keine Frage des Ob, sondern des Wann", warnte daher der Bonner Ökonom Martin Hellwig.

Eine Reihe von Ökonomen meldete Zweifel an der Wirksamkeit der wirtschaftspolitischen Maßnahmen gegen die Krise an. So betonte der Londoner Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl, der Parallelen zwischen der aktuellen Krise und der Großen Depression in den 20er- und 30er-Jahren zog: "Vielleicht ist die Unwirksamkeit der Makropolitik die große Gemeinsamkeit zwischen den beiden Krisen."

Auch der Bonner Makroökonom Gernot Müller bezweifelte ernsthaft die Effektivität der Konjunkturpolitik im derzeitigen Umfeld. Er präsentierte in Frankfurt ein makroökonomisches Modell, das zu dem Ergebnis kommt: In Staatsschuldenkrisen, in denen das Vertrauen der Finanzmärkte in die Zahlungsfähigkeit der Regierungen erschüttert ist, haben Konjunkturprogramme demnach einen deutlich geringeren Wirkungsgrad als in wirtschaftlich normalen Zeiten.

Unstrittig ist unter Volkswirten dagegen, dass der Handlungsspielraum der Zentralbanken inzwischen arg begrenzt ist. Die konventionelle Geldpolitik hat zumindest in den USA ihr Pulver verschossen - tiefer als null können die Leitzinsen nicht sinken. Daher haben die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) und die Bank of England (BoE) versucht, die Wirtschaft auf anderen Wegen anzukurbeln - sie haben in großem Stil Staatsanleihen und andere Wertpapiere gekauft, um so neues Geld in Umlauf zu bringen und die Zinsen zu senken.

Im Fachjargon wird diese Strategie "quantitative easing" (QE) genannt. Wegen der Konjunkturschwäche in den USA fordern dort immer mehr Ökonomen, die Fed solle in eine neue Runde von QE einsteigen.

Mehrere Makroökonomen meldeten in Frankfurt jedoch Zweifel an der universellen Wirksamkeit dieser Politik der "quantitativen Lockerung" an. So präsentierte Andreas Schabert, Professor an der Uni Dortmund, ein komplexes theoretisches Modell, das zeigt: QE hat nur unter sehr bestimmten Voraussetzungen spürbar positive Effekte auf die Realwirtschaft - und in den USA sind diese Bedingungen derzeit nicht mehr erfüllt.

Skeptisch stimmt auch eine empirische Analyse des Münchener Volkswirts Sebastian Watzka. Er hat empirisch untersucht, wie die "quantitative Lockerung" der Bank of Japan zwischen 1995 und 2010 auf die Realwirtschaft gewirkt hat. Er stellt fest: QE hat zwar die Industrieproduktion in Japan spürbar positiv beeinflusst - die Effekte waren allerdings stets nur sehr kurzlebig und waren bereits nach zwei Jahren wieder verpufft.

Die Gefahren, die von internationalen Großbanken für die Stabilität des Finanzsystems und den Rest der Wirtschaft ausgehen, sind nach Überzeugung vieler Volkswirte noch nicht ansatzweise gebannt. "Wir brauchen eine Regulierung, die die Rückwirkungen von Problemen in Bankensektor auf den Rest der Wirtschaft minimiert", sagte Martin Hellwig, Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern.

Zahlreiche nach der Krise beschlossene neue Regulierungen gehen aus seiner Sicht am Kern des Problems vorbei. Als ein Beispiel nannte Hellwig neue Vorschriften für Hedge-Fonds - die Finanzkrise sei durch ganz normale Banken verursacht worden, nicht durch Hedge-Fonds. Viele politische Akteure hätten eine Agenda und nähmen die Krise als Vorwand, diese umzusetzen. "Ich nenne das den Irak-Effekt", sagte der Ökonom. Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 habe die US-Regierung den Irak angegriffen - obwohl das Land mit den Anschlägen nichts zu tun hatte.

Was die Politiker stattdessen tun sollten? Hellwig wie auch die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro forderten: Der Staat sollte die Banken zwingen, ihre Kreditrisiken mit deutlich mehr Eigenkapital zu unterlegen. "Die bisherigen Reformen der Bankenregulierung greifen zu kurz und kommen zu spät", sagte Weder di Mauro.

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