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13.09.2012

21:41 Uhr

Verein für Socialpolitik

Wenn Ökonomen aufeinanderprallen

VonNorbert Häring, Hans Christian Müller-Dröge

Der traditionsreiche Verein für Socialpolitik hatte sich auf einen ruhigen Ablauf seiner Jahrestagung in Göttingen eingestellt. Doch vor Ort veranstalteten Kritiker eine Gegenveranstaltung - mit prominenter Besetzung.

Vorlesung an der Uni Göttingen: Auf dem Campus tagten kürzlich zeitgleich Ökonomen eines Traditionsverbands und deren Kritiker. Die Teilnehmer reagierten mit Ignoranz bis Unmut. dpa

Vorlesung an der Uni Göttingen: Auf dem Campus tagten kürzlich zeitgleich Ökonomen eines Traditionsverbands und deren Kritiker. Die Teilnehmer reagierten mit Ignoranz bis Unmut.

GöttingenDas jährliche Großereignis der Ökonomen im deutschsprachigen Raum, die Tagung des Vereins für Socialpolitik (VfS), hatte in diesem Jahr einen Schatten, über den die Veranstalter gar nicht glücklich waren. Rund 1000 der 3800 Mitglieder des 1873 gegründeten Traditionsvereins kamen von Sonntag bis Mittwoch nach Göttingen - und sahen sich erstmals in der Geschichte des Vereins Konkurrenz ausgesetzt.

Eine Gruppe von kritischen Wissenschaftlern aus dem Arbeitskreis Real World Economics um Helge Peukert und Christoph Freydorf von der Uni Erfurt hatte ein mehrtägiges Parallelprogramm auf die Beine gestellt. Darin sollten all die Forschungsrichtungen und Forscher Platz finden, die nach Ansicht der Organisatoren ansonsten ausgegrenzt würden.

Mit Publikumsmagneten wie dem Fernsehkabarettisten Erwin Pelzig alias Frank-Markus Barwasser, dem als „Crash-Propheten“ bekannt gewordenen Buchautor Max Otte, dem Wirtschaftsweisen Peter Bofinger und Oskar Lafontaine zogen sie Scharen von Zuhörern an. Obwohl die Parallelveranstaltung ebenfalls auf dem Campus der Göttinger Uni stattfand, straften die meisten Besucher der offiziellen Tagung sie allerdings mit Nichtbeachtung.

Aber man merkte es der Vereinsführung deutlich an, wie sehr sie sich über den Vorwurf ärgerten, der mit dem „Ergänzungsveranstaltung“ getauften Konkurrenzprogramm transportiert wurde: „Der Verein ist keine bornierte Organisation, die mit Scheuklappen durch das Land geht“, sagte der VfS-Vorsitzende Michael Burda, VWL-Professor an der Berliner Humboldt-Uni.

Kommentare (9)

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AntiPostnormal

13.09.2012, 14:25 Uhr

Die sog. Realweltökonomen oder "Postautisten" (wie schmeichelhaft für den Mainstream), wie sie sich bis vor kurzem nannten, träumen davon, die Ökonomie zu einer postnormalen Wissenschaft zu machen, in der die (überwiegende stramm linke) ideologische Zugehörigkeit über den "gesellschaftlichen" Wert von Forschungsergebnissen entscheidet. Man fragt sich besorgt, was denn mit unliebsamen Ergebnissen passieren soll und mit Forschern, die sich nicht politisch vereinnamen lassen wollen? Gulag? Nein Danke, schon nach Durchsicht des Programms, ein kruder Mix aus Esoterik, linker Sozialromantik und Weltrettertrum (am schlimmsten die sog. ökologischen Ökonomen, die immer Ihre CO2 Bilanz auf der Stirn tragen), war klar, dass sich ein Besuch nicht lohnen würde. Und von wegen Unterdrückung durch den Mainstream - es gibt doch eine hinreichende Anzahl von Journals, die aus deren Kreis heraus gegründet wurden. Nur können die Postnormalen nicht ernsthaft erwarten, dass sie damit in die Mainstream Journals kommen oder überhaupt wissenschaftlich wahrgenommen werden. Ganz absurd die Forderung nach der Heterodoxen-Quote an deutschen Unis. Klar, wenn man es selbst nicht bringt, dann ruft man nach der Quote (oder der EZB...)

whisky

13.09.2012, 14:47 Uhr

Es sind ja nicht nur die Ökonomen, die nach Öffnung der Mainstream-Ökonomie rufen. Nochmal der Hinweis auf "Memorandum besorgter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler - Für eine Erneuerung der Ökonomie".
In dem Memorandum wird ausführlich dargelegt, warum die über 100 unterzeichnenden Professoren (keine Ökonomen!) bezweifeln, daß die Deutsche Mainstream-Ökonomie in der derzeit in Deutschland vorherrschenden Form noch eine Wissenschaft ist.
http://www.mem-wirtschaftsethik.de/memorandum-2012/

LenaKaiser

13.09.2012, 15:44 Uhr

Zur Erklärung: Mein Vorredner bezieht sich mit der Heterodoxen Quote auf eine Forderung des Netzwerkes Plurale Ökonomik, die in einem Offenen Brief an den Verein für Socialpolitik formuliert wurde.
http://www.plurale-oekonomik.de/?page_id=4

Bedauerlicherweise scheint mein Vorredner das Netzwerk in einem wichtigen Punkt misszuverstehen. Gerade um zu verhindern, dass eine blinde "ideologische Zugehörigkeit über den 'gesellschaftlichen' Wert von Forschungsergebnissen entscheidet" , setzt sich das Netzwerk für eine wissenschaftliche Diskussion der normativen Annahmen in der Volkswirtschaftslehre ein. Im Offenen Brief steht zudem, dass eben diese Debatte um politische und ethische Ziele unter Volkswirten derzeit vermisst wird.

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