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28.03.2011

16:27 Uhr

Volkswirtschaftslehre

Das Große Vergessen

VonNorbert Häring

Ausgerechnet mitten in der Krise der etablierten Ökonomie müssen Ideengeschichtler um das Überleben ihres Fachs kämpfen.

Illustration für Handelsblatt: Pascal Behning

Illustration für Handelsblatt: Pascal Behning

FrankfurtKaum ein Ökonom hat so viel zur wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland beigetragen wie er. Der Mann kämpfte erfolgreich gegen Kleinstaaterei und Rückständigkeit. Wissenschaftlich war er ein wichtiger Gegenspieler von Adam Smith. Aus Schulbüchern kennt man ihn, aber in modernen Lehrbüchern der Volkswirtschaftslehre taucht Friedrich List bestenfalls in Fußnoten auf.

Damit befindet er sich in guter Gesellschaft. Theoriegeschichte führt in der Volkswirtschaftslehre nur noch ein Schattendasein. Viele führende Universitäten haben ihre Angebote lautlos auslaufen lassen. Zu den wenigen verbliebenen Leuchttürmen gehörte bis vor kurzem die große dogmenhistorische Abteilung der Universität Amsterdam. Sie wird jetzt abgewickelt.

So könnte es auch anderen verbliebenen Bastionen ergehen: Die ökonomischen Ideengeschichtler und Wirtschaftshistoriker kämpfen ums Überleben. Akuter Anlass sind die neuen Richtlinien des European Research Council (ERC), der wichtigsten Quelle von Forschungsförderung in Europa, der in diesem Jahr über eine Milliarde Euro zu verteilen hat. In der neuen Zuständigkeitsbeschreibung für die Bewilligungsausschüsse, an die Forscher ihre Anträge richten sollen, taucht allgemeine Wirtschaftshistorie ebenso wenig auf wie ökonomische Ideengeschichte. In den Augen der Betroffenen ist das eine Katastrophe. Sie befürchten nicht nur, künftig von europäischen Fördergeldern abgeschnitten zu werden, sondern auch, dass die stets nach Harmonisierung strebenden nationalen Förderinstanzen sich an der Klassifikation des ERC ausrichten.

Es hagelte Protestschreiben aus allen Richtungen, vom Verein für Socialpolitik (VfS), der wichtigsten Ökonomenvereinigung im deutschsprachigen Raum, von Ökonomenvereinigungen in Italien und Frankreich ebenso wie von der European Society for the History of Economic Thought (ESHET).

Dadurch, dass es in den Förderlisten des ERC nicht mehr auftaucht, könnte ein ganzes Fachgebiet der Wirtschaftswissenschaften eliminiert werden, zumal eines, in dem sich Europa bisher gegenüber den USA gut behaupten kann, befürchtet Hans-Michael Trautwein, Vorsitzender des dogmenhistorischen Ausschusses des VfS.

Die Präsidentin des ERC, Helga Nowotny, wiegelte die protestierenden Verbände mit dem Hinweis ab, es handele sich lediglich um Hinweise an die Bewerber, an welchen Bewilligungsausschuss sie ihre Bewerbung richten sollen. Wer quantitative Wirtschaftsgeschichte oder Institutionengeschichte betreibt, finde im Fachgebiet Ökonomie einen passenden Bewilligungsausschuss. Die anderen müssten sich eben an einen Ausschuss zur Menschheitsgeschichte wenden, der Archäologe und Geschichte zusammenfasst. "Wir haben die Wahl, uns von Theoretikern ohne historische Kompetenz oder von Historikern ohne theoretische, ökonomische Kompetenz begutachten zu lassen", beklagt Trautwein.

Auf Anfrage des Handelsblatts macht die ERC-Präsidentin den Wirtschaftshistorikern und Ideengeschichtlern allerdings wieder etwas Hoffnung. "Ich habe großes Verständnis für die Argumente der 'scientific community'", schreibt sie und fügt hinzu: "Mich haben die Argumente überzeugt und ich werde mein Möglichstes tun."

Kommentare (6)

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fjhoffmann

30.03.2011, 16:28 Uhr

Lieber Herr Storbeck,
wie recht Sie haben! Gerade die Ideengeschichte ist der Fundus, aus dem vielleicht die Erkenntnisse kommen könnten, die uns in Zukunft weiterhelfen. Die "Historische Schule" hatte im Grunde dasselbe zum Prinzip erhoben, daher der Name! Leider ist es dem wirtschaftlichen Liberalismus, der Klassik und der Neoklassik, also dem anglo-amerikanischen Denken, gelungen, alle anderen Ideen zu verdrängen. Dabei waren es nicht die Ideen selbst, die diesen Ökonomen den "Sieg" verschafft haben, sondern ihre zwei gewonnenen Kriege. Unsere deutschen Ideen waren nach den Niederlagen kaum mehr etwas wert. Lediglich die neue Idee Müller-Armarcks, die Soziale Marktwirtschaft, bekam die Chance zu reussieren, aber das auch nur, weil sie die Ordo-Liberalen, die größten Feinde der Historischen Schule, integrierte. Aber: Die Integration ist gerade dabei zu scheitern, die Soziale Marktwirtschaft ist dabei unterzugehen, als Folge der globalen Ausbreitung von deren liberalistischen Mont-Pelerin-Ideen. Das amerikanische Kartellrecht - von Ludwig Erhard 1958 eingeführt - lässt grüßen! Dabei ist es eigentlich ein Leichtes, den Ökonomen ihr grundsätzliches Defizit nachzuweisen: Die Anhänger der Neoklassik sind Anhänger einer Schule, keiner wissenschaftlichen Lehre, sie sind Mitglieder einer Adam-Smith-Schule, die alle Ideen ignorieren, die nicht in ihr Theorien-Modell passen. Dementsprechend arm sind ihre Ergebnisse. Sie können weder den Begriff "Markt", noch den Begriff "Wettbewerb" definieren, reden aber den ganzen Tag über nichts anderes als "Marktwirtschaft". Was soll denn da rauskommen? Nur Unsinn! (Ich finde es witzig, dass Sie Ihre Beiträge ausgerechnet von London aus schreiben.)
Florian Josef Hoffmann, European Trust Institute, Düsseldorf

Boehringer

30.03.2011, 20:57 Uhr

Als Unternehmer sehe ich die pseudosoziale Ideologie der "progressiven synthetischen Steuerstruktur" als Haupthindernis für den Aufschwung der Entwicklungsländer, der Arbeitnehmer und auch der Existenzgründer an. Man bestraft heute steuerlich die Mehrarbeit, das Sparen und das Investieren.
Das Grundprinzip der Klassensteuer dagegen hatte fixe Steuerbeträge je nach Beruf – sie besteuerte weder Mehrarbeit, noch Sparen, oder Investieren. Sie hatte nur den Nachteil, dass der Schwächste in einem Beruf genau so viel zu zahlen hatte, wie der Stärkste. Mein „Fixabgaben-Konzept“ stellt dagegen auf den Stundenlohn, - der echten Leistungsfähigkeit - als Differenzierung ab.
Ich bin mir sicher, dass dadurch die Leute länger hochproduktiv in ihrem Beruf arbeiten würden, anstatt Heimwerker zu spielen.
Dass sie mehr sparen würden um sich damit ihre Zukunft zu verbessern.
Und dass die Entlastung des Investierens die Produktivität und damit die Lohnsumme weit über die dadurch ausgefallene Steuersumme erhöhen würde.
Bei den Entwicklungsländern bewirkt deren geringerer technischer Standard, dass die Besteuerung oft den Rationalisierungseffekt übersteigt und dadurch diese Investitionen unterbleiben.
Mit freundlichen Grüßen, Ihr Fritz-Boehringer.de

F.Knight

31.03.2011, 11:23 Uhr

Das Problem der "Historischen Schule" war und ist, neben dem mangelnden analytischen und formal theoretischen Rahmen, dass sie davon ausgeht das man aus vergangenen ökonomischen Vorgängen allgemein gültige Regeln ableiten kann. Dabei übersehen sie die von Lucas aufgezeigte Problematik, dass ökonomische Zusammenhänge zusammenbrechen wenn man sie versucht auszunutzen. Da der Mensch das Erfahrungsobjekt der VWL ist und seine Verhaltensweise seiner Umgebung anpasst, kann die "Historische Schule" nichts weiter als eine nette Geschichtsstunde bleiben.
Des weiteren ist die Kritik an der Neoklassik zwar angebracht aber wenig Ziel führend, da schon seit 30 Jahren die bedeutensten neuen Erkenntnisse in dieser Disziplin sich außerhalb dieser einengenden Gedankenschule bewegen. In diesem Zusammenhang sind auch die Theorien von Wicksell, Mises und Schumpeter darin eingeflochten, so dass die reine Lehre dieser Theorien keine Tragik ist, vor allem in anbetracht ihrer Unbrauchbarkeit für die Analye heutiger Phänomäne aufgrund ihres Alters und fehlender Behavioristischer Ansätze.
Abschließend ist auch die Lobpreisung von List übertrieben, da er zum ersten ein Außenhandelstheoretiker dessen Theorien, die sich auf Ricardo gründen, seit den 70-gern durch Krugmann´s Außenhandelsbeiträge nicht mehr relevant sind und zweitens, ohne seine originäre akademische Leistung herabwürdigen zu wollen, war er ein Rassist mit den Engländern als Herrenrasse, den Deutschen als Soldaten, den Franzosen als Weinanbauer und dem ganzen Rest als niedere Arbeits-"Skalven".

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