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22.01.2007

12:55 Uhr

Was Ökonomen zu einer besseren Bildungspolitik beitragen können

Jenseits von Pisa

VonAstrid Dörner

Deutschlands Schulsystem steckt in der Krise – unter anderem, weil Politik und Pädagogen Bildungsökonomen kaum beachten.

ap

Nach dem Pisa-Schock wurde es geselliger. Ludger Wößmann war auf einmal nicht mehr der Einzige, der im Verein für Socialpolitik über Bildungsökonomie sprach. Plötzlich gab es auf den Jahrestagungen der Ökonomen-Vereinigung ganze Sessions zu seinem Spezialgebiet. „Die Forschung hat sich explosionsartig verstärkt“, erinnert sich der Bildungsökonom des Münchener Ifo-Instituts. Nachdem die OECD vor gut fünf Jahren die Ergebnisse des ersten internationalen Schülervergleichs veröffentlicht hatte, witterten Deutschlands Bildungsökonomen ihre große Chance. Sie wollten ihren Teil dazu beitragen, das Schulsystem aus dem Mittelfeld wieder nach vorn zu bringen – und lieferten Antworten auf brennende Fragen: Sollen Schulen mehr Freiheiten bekommen? Welche Anreize brauchen Lehrer? Was bringen regelmäßige Leistungsüberprüfungen? So zeigt Wößmann: Im internationalen Vergleich schneiden die Schüler besser ab, deren Schulen Autonomie haben, also unter anderem Lehrer und Lehrbücher selbst aussuchen können. Verstärkt wird der Effekt, wenn die Schüler externe Examina wie das Zentralabitur ablegen müssen. „Nur so lässt sich überprüfen, ob die Schulen ihre Freiheiten richtig eingesetzt haben“, sagt der Ökonom, der auch an der LMU München Bildungsökonomie lehrt. Doch Wößmanns Ergebnisse will so recht niemand hören. „Vereinzelt gibt es Modellversuche, aber die Verwaltungsrealität verhindert ein konsequentes Umsetzen.“ Wie ihm ergeht es vielen. Trotz „Pisa-Schock“ haben Ökonomen kaum das Gehör der Bildungspolitiker gefunden. Bei interdisziplinären Gruppen bleibt ökonomischer Rat oft außen vor. „Kultusminister haben vor allem Pädagogen in ihren Beraterteams“, sagt Kerstin Schneider, Bildungsökonomin an der Universität Wuppertal. In den erlauchten Kreis aufgenommen zu werden sei bislang nicht geglückt. Schneider hat mit Co-Autoren untersucht, wie sich die Leistung der Lehrer durch Anreize verbessern lässt. Ihr Fazit: Sowohl monetäre als auch nicht-monetäre Anreize spornen die Lehrer an und verbessern die Leistungen der Schüler. „Es bringt mehr, wenn man engagierte Lehrer besser bezahlt, statt der Schule des Lehrers mehr Mittel zur Verfügung zu stellen“, heißt es in ihrer Studie. Alternativ könnten auch Anreize geschaffen werden, die den Ruf des Lehrers unter Kollegen, Schülern und Eltern verbessern. Schneider schlägt vor, in jedem Bundesland einheitliche Standards zu setzen und die Schüler anhand dieser Standards zu testen. „Werden die Ergebnisse veröffentlicht, hätten Lehrer den Ansporn, dass ihre Klasse gut abschneidet“, sagt Schneider. Dabei solle auch der soziale Hintergrund der Schule und der Schüler beachtet werden. „Wir wollen ja nicht eine Schule dafür belohnen, dass sie in einer guten Gegend steht.“ Doch Anreize seien im deutschen Bildungssystem kaum zu finden. Der Blick werde zu eng auf pädagogische Aspekte gerichtet. „Pädagogen schauen auf das Schüler-Lehrer-Verhältnis und fragen nach guten didaktischen Strukturen. Das ist wichtig, aber das kann nicht alles sein“, betont Schneider. Einig sind sich die meisten Bildungsökonomen mit den Pädagogen darin, dass die frühe Aufteilung der Schüler in Gymnasium, Realschulen und Hauptschulen sehr problematisch ist. So haben finnische Ökonomen festgestellt, dass der Übergang zur Einheitsschule bis 16 die Chancengleichheit förderte, ohne dem allgemeinen Bildungsniveau zu schaden. Auch Andreas Ammermüller, Ökonom beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, stellte fest: Durch diese Besonderheit des deutschen Schulsystems bestimmt der soziale Hintergrund der Eltern die Bildungschancen eines Kinders besonders stark. Im Kampf um mehr Anerkennung bekommen die Bildungsökonomen Unterstützung von prominenter Stelle: Andreas Schleicher, Bildungsexperte der OECD und Erfinder der Pisa-Studie, ist ein scharfer Kritiker der deutschen Bildungspolitik. „In allen anderen Bereichen der Gesellschaft ist es selbstverständlich, dass wir ökonomische Aspekte berücksichtigen. Bei der Bildung fehlt ein solches Denken“, beanstandet Schleicher. Deutschland habe hier den Anschluss verpasst: Nur noch wenige OECD-Länder würden auf Bildungsökonomen verzichten. Dabei geht es nicht darum, Bildung zu ökonomisieren. „Es ist aber wichtig zu wissen, wie man investieren soll, um Bildung nachhaltig finanzierbar zu machen.“ Neben der Ignoranz stoßen Bildungsökonomen in Deutschland immer wieder auf ein weiteres Problem: Es fehlen Daten. „Verglichen mit anderen Ländern, haben wir wenig Mikro-Informationen über die Schüler“, sagt Kerstin Schneider. Sie und ihre Kollegen würden es gern genauer wissen: Welcher Schüler geht in welches Bundesland und in welche Schule? Was für eine Sprache spricht er mit den Eltern? Wie viele Bücher gibt es zu Hause? „Dabei ist kein Wissenschaftler an der Karriere eines einzelnen Schülers interessiert. Wir schauen uns Gruppen an, um herauszufinden, wo Handlungsbedarf besteht.“ Auch Michael Fertig, Bildungsökonom am Rheinisch-Westfälischen Institut (RWI) in Essen, hat sich schon oft darüber geärgert: „Wir haben 16 leicht unterschiedliche Schulsysteme. Das wäre die perfekte Situation, um herauszufinden, wie etwas funktioniert.“ Doch aus Datenschutzgründen, so die Begründung der Kultusministerkonferenz, werden diese Informationen nicht erhoben oder nicht freigegeben. Dabei ist genau dieser Blick aufs Detail unumgänglich. „Wir müssen das System flexibler organisieren – das muss schon mit der Einschulung anfangen“, sagt Fertig. Er fordert, jeden Schüler genau dann einzuschulen, wenn er bereit dazu ist: mit fünf, mit sechs oder mit sieben Jahren. „Das bisherige Modell, das sich nur am Alter orientiert, führt nicht zum bestmöglichen Ergebnis“, kritisiert der RWI-Volkswirt. Zur Verwunderung der Bildungsökonomen stoßen ihre Ergebnisse gerade bei denjenigen auf Interesse, die es am wenigsten nötig haben. Ifo-Volkswirt Wößmann erinnert sich noch gut an einen Vortrag, den er im vergangenen Jahr vor dem Rat der europäischen Bildungsminister hielt. „Ausgerechnet die finnische Bildungsministerin kam offen auf mich zu und lud mich ein, den Vortrag noch einmal in ihrem Land zu halten.“ Finnland war Pisa-Spitzenreiter. Langsam regt sich aber auch in Deutschland Interesse. Immerhin: Mit den Kultusministerien aus Bayern und Sachsen hatte Wößmann schon Kontakt.

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