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08.01.2007

06:00 Uhr

Wie konkurrenzfähig sind deutsche Univeristäten - Interview mit dem Mannheimer Ökonomen Konrad Stahl

"Das Lehrdeputat ist viel zu hoch"

VonOlaf Storbeck

Bis September 2006 war Konkrad Stahl Rektor der Mannheimer VWL-Fakultät. Immer wieder hat er versucht, Top-Forscher aus dem Ausland an seine Universität zu holen. Im Gespräch mit dem Handelsblatt zieht er eine Bilanz und benennt die Schwächen des deutschen Hochschulsystems.

Herr Professor Stahl, als Dekan in Mannheim haben Sie immer wieder versucht, Spitzenforscher aus dem Ausland an Ihre Fakultät zu hoheln. Wie leicht oder schwer ist es, Top-Leute aus dem Ausland für eine Professur in Deutschland zu begeistern?

Unter den Deutschen, die im Ausland, speziell in den USA leben, gibt es viele, die meinem Eindruck nach gerne nach Deutschland zurückkommen, wenn die Arbeitsbedingungen stimmen. Einige sind allerdings inzwischen durch familiäre Beziehungen in den USA fest verankert. Typische Beispiele sind Dirk Bergemann in Yale oder Frank Schorfheide in Penn. Ich denke, die kriegt man nicht mehr nach Hause zurück.

Wie sieht es mit Ausländern aus?

Da ist es noch schwieriger, weil es zwei weitere Hürden gibt. Einmal deutsch als Unterrichtssprache. Das ist an den deutschen Spitzenfakultäten aber im Rückgang, im Konkreten in Mannheim kein Problem, weil ein großer Teil des Unterrichts bereits in englischer Sprache läuft. Deutsch als Umgangssprache bleibt aber ein Problem, hinzu kommen die Besonderheiten der deutschen Kultur, die sich, zumindest im Vergleich zu den USA oder auch England, nicht gerade durch hohe Absorptionsfähigkeit von Ausländern auszeichnet. Ich denke allerdings, dass die universitären Probleme gewichtiger sind.

Was sind denn die größten Hürden?

Ein Problem ist, dass es einem deutschen Department zu wenig Hochschullehrer gibt, die auf ähnlichen oder gleichen Gebieten nach internationalen Kriterien forschen und untereinander auf Augenhöhe kommunizieren können. In einem typischen US-amerikanischen Department of Economics gibt es 25 Professoren in Dauerstellung und in etwa 15 Assistenzprofessoren in befristeten Arbeitsverhältnissen. Natürlich sagen die reinen Zahlen nichts über die Qualität der Forschung. Die sollte auch entsprechend sein.

Welche Rolle spielen die Lehrverpflichtungen?

Die sind ebenfalls ein Problem. Das Lehrdeputat für die Hochschullehrer ist in Deutschland viel zu hoch. Es liegt rein von der Stundenzahl her um mehr als das Doppelte über dem Deputat an international vergleichbaren Universitäten. Allerdings sollte man dem Umstand Rechnung tragen, dass in den letzteren die Lehre deutlich intensiver vor- und nachbereitet wird, so dass „eine Vorlesungsstunde“ dort mehr Aufwand verursacht als in Deutschland. Ich bin der Ansicht, dass man auf die internationale Gepflogenheit intensiverer Lehre mit weniger Stundenumfang hin arbeiten sollte.

Sind wir wenigstens beim Gehalt konkurrenzfähig?

Nein, zumindest im Vergleich zu den US-amerikanischen Spitzenuniversitäten. Hier schafft das neue W-Beseldungssystem Flexibilität, jedoch nur für Professoren auf Lebenszeit, nicht für befristet angestellte Nachwuchsforscher. Darüber hinaus sind der Flexibilität durch die Deckelung der Einkommensbudgets der Rektoren – zumindest in Baden-Württemberg - enge Grenzen gesetzt. Eine weitere Hürde ist, dass es in Deutschland kein echtes „tenure track“-System gibt , in dem für einen befristet beschäftigten Hochschullehrer bei Eignung auf seiner oder einer für ihn vorgehaltenen Stelle unbefristet weiterbeschäftigt werden kann.

Schrecken auch die administrativen Belastungen Forscher ab?

Es ist tatsächlich ein Unding, dass ein Professor mit seinem Lehrstuhl einen Haushalt mit Stellen und Budget administrieren muss. Unsere Departments haben eine zu dezentrale administrative Struktur. Dass Doktoranden, die auf Assistentenstellen arbeiten, zu Lehrveranstatlungen verpflichtet werden, ist ebenfalls ein Problem.

Was müsste die deutsche Hochschulpolitik tun, um die Universitäten für ausländische Topforscher attraktiver zu machen?

Ich sehe insgesamt sieben wesentliche Punkte: Schaffung kritischer Massen von Hochschullehrern pro Department; Reduktion des Lehrdeputats und Intensivierung des Lehrangebots pro Unterrichtsstunde; Erhöhung der Einkommensbudgets für die Hochschullehrer; Einrichtung von echten tenure track Stellen, die flexibel mit jungen Hochschullehrern auf Zeit oder mit avancierten Hochschullehrern auf Dauer besetzt werden können; Flexibilisierung der Strukturpläne zur Gewinnung von Flexibilität bei dem Timing von Angeboten an interessante Kandidaten, die sich gerade auf dem Markt befinden; Abschaffung der Lehrstühle als Organisationseinheiten, zugunsten von Assistenz- und auf Dauer besetzten Professuren, dazu Umstellung der Finanzierung von Promotionen nicht über Stellen, sondern über Stipendien plus Lehraufträge bei Interesse und Eignung.

Wie realistisch sind diese Forderungen?

Meine Behauptung ist: Das alles ist erreichbar, in wesentlichen Teilen sogar unter Kostenneutralität. Es ist „nur“ der gemeinsame Wille der Hochschullehrer und der politische Wille vonnöten.

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