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13.03.2006

07:00 Uhr

Wirtschaftsgeschichte

Globalisierung, Anno 1503

VonOlaf Storbeck

Die Expedition dauerte gute zwei Jahre, von Juli 1497 bis Juli 1499. Nicht einmal jeder Dritte der rund 170 Teilnehmer kehrte lebend nach Portugal zurück. Zwei der vier Schiffe gingen unterwegs verloren, und ökonomisch war die Reise ein Fehlschlag.

Aber dennoch, die Sensation war perfekt: Vasco da Gama hatte endlich den Seeweg nach Indien gefunden. Mit seiner zweiten Expedition kam 1502/03 auch der wirtschaftliche Erfolg: Bei seiner Rückkehr hatte Da Gama 1700 Tonnen indische Gewürze an Bord, die er in Europa mit satten 400 Prozent Gewinn verkaufte.

Die Entdeckung des Seewegs nach Indien markiert die Geburtsstunde der Globalisierung. Das Zusammenwachsen der Weltwirtschaft, es begann am Anfang des 16. Jahrhunderts – das zeigen die beiden Wirtschaftshistoriker Kevin O’Rourke vom Trinity College in Dublin und Jeffrey Williamson von der Harvard University in einer jüngst veröffentlichten Studie.

Bis zu da Gamas Entdeckung des Seewegs war der Handel mit asiatischen Gewürzen in Europa fest in der Hand der Venezianer – Araber brachten die Waren über den Landweg nach Europa. Konstantinopel und Alexandria waren die wichtigsten Umschlagplätze, und Pfeffer wurde zeitweise in Gold aufgewogen. Pro Kilogramm kostete er nach heutigem Wert bis zu 80 000 Euro.

Ab Mitte des 15. Jahrhunderts stiegen für die Portugiesen massiv die finanziellen Anreize, den Gewürzimport unter ihre Kontrolle zu bringen. Denn in den Jahrzehnten vor der Entdeckung der „Passage to India“ hatten die realen Gewürzpreise in Europa bis auf wenige Ausnahmen stark zugenommen, wie die Autoren anhand detaillierter Daten über die relativen Preise von Pfeffer und anderer aus Indien importierter Gewürzen in wichtigen europäischen Handelszentren ermittelten.

Wahrscheinlich war das die Folge eines Angebotsschocks in Asien, wo die Flotten des chinesischen Admirals Zhen He die Handelsströme durcheinander brachten. Zugleich nahm in den nordeuropäischen Märkten die Nachfrage nach Pfeffer und Co. deutlich zu.

Die Wissenschaftler untersuchten, welche unmittelbaren ökonomischen Folgen die Öffnung des Seewegs nach Indien für die „alte Welt“ hatte –und wer vom wachsenden Handel zwischen den Kontinenten profitierte. Ihre Analyse liefert ein Lehrstück für die ökonomischen Folgen der Globalisierung.

Denn den Wirtschaftshistorikern gelingt der Nachweis:Die mit Gewürzen beladenen portugiesischen Handelsschiffe, die ab dem frühen 16. Jahrhundert zwischen Europa und Indien verkehrten, hatten letztlich die gleichen ökonomischen Effekte wie die Breitband-Datennetze, über die die westliche Welt im 21. Jahrhundert indische Software- und Finanz-Dienstleistungen importiert.„Das Zeitalter der Entdeckung veränderte die Struktur des Handels zwischen Europa und Asien auf Dauer“, lautet das Fazit der Untersuchung, die damit der unter Wirtschaftshistorikern herrschenden Meinung auf ganzer Linie widerspricht.

Bislang dominierte die Auffassung, die Entdeckung des Seewegs nach Indien hätte keine direkten ökonomischen Konsequenzen für Europa gehabt – eine These, die auf Arbeiten des Wirtschaftshistorikers Frederick Lane basiert. Dieser hatte in den sechziger Jahren die Entwicklung der nominale Gewürzpreise im 15. und 16. Jahrhundert analysiert und war zu dem Schluss gekommen, dass da Gamas Entdeckung für den europäischen Gewürzmarkt keine unmittelbare Bedeutung hatte.

O’Rourke und Williamson aber betonen, dass sich die tatsächliche Marktentwicklung nur anhand inflationsbereinigter Daten ablesen lasse. Denn allgemeine Preissteigerungen überlagern die Veränderungen der relativen Preise. In den Jahrzehnten nach der Entdeckung des Seewegs nach Indien fielen nach den Zahlen von O’Rourke und Williamson die realen Pfefferpreise in fast allen wichtigen europäischen Handelszentren kontinuierlich –im Schnitt pro Jahrzehnt um etwa zehn Prozent.Bei edleren Import-Gewürzen wie Kardamom, Zimt, Ingwer und Nelken war der Preisverfall noch stärker.

„Diese Preistrends stützen die These, dass die portugiesischen Entdeckungen den Handel mit Asien öffneten und die Transportkosten zwischen Asien und Europa senkten. Dies führte dazu, dass die relativen Preise asiatischer Güter im Europa des 16. Jahrhunderts fielen“, heißt es in der Studie Der Preisverfall bedeutet ökonomisch auch: Zumindest ein Teil der Wohlfahrtsgewinne des Handels kam den Konsumenten zugute. Die Marktkräfte zwangen die portugiesischen Händler dazu, einen Teil der Vorteile an ihre Kunden weiterzugeben. „Die Route um das Kap der Guten Hoffnung steigerte die Konsumentenwohlfahrt in Europa“, heißt es in der Untersuchung.

Zudem hatte der wachsende Handel mit Indien Folgen für die wirtschaftliche Integration Europas – die vorher voneinander weitgehend abgeschotteten Märkte für Gewürze wuchsen nach der Entdeckung der Seeroute mehr und mehr zusammen. Die Wirtschaftshistoriker zeigen: Vor 1503 entwickelten sich die Gewürzpreise in weiter von einander entfernten europäischen Handelszentren unabhängig voneinander – so hatte zum Beispiel die Preisentwicklung in Wien keinen Einfluss auf die in London. Das änderte sich in den Jahren nach 1503 schlagartig: Die Preise in verschiedenen Ländern Europas entwickelten sich fortan zunehmen im Gleichklang. Fazit: „Die Integration der europäischen Markte nahm nach 1503 beträchtlich zu.“

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