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02.01.2006

15:55 Uhr

Wirtschaftsjournale im Internet

Ökonomen entdecken das Bloggen

VonTorsten Riecke

Ob Nobelpreisträger oder Provinzprofessor - in den USA diskutieren Wissenschaftler ihre Ideen zunehmend in Internet-Tagebüchern. Auch die Politik wird heiß diskutiert. Jüngst sorgte das Thema Todesstrafe für große Aufregung unter den Schreibern.

Vom Kolumnenschreiber zum Blogger: Gary Becker. Foto: dpa.

Vom Kolumnenschreiber zum Blogger: Gary Becker. Foto: dpa.

NEW YORK. Fast 20 Jahre lang hat Gary Becker jede Woche für das Wirtschaftsmagazin "Business Week" eine Kolumne geschrieben. "Am Ende war ich einfach müde davon und wollte etwas Neues ausprobieren", sagt der 74-jährige Ökonomie-Nobelpreisträger. Zusammen mit seinem Freund und Kollegen Richard Posner an der University of Chicago startete Becker Ende 2004 im Internet ein gemeinsames Weblog.

"Ein Blog ist sehr schnell und interaktiv. Mit einem Mausklick kann man ein weltweites Publikum erreichen", sagt der Wirtschaftsprofessor. Auf seine Beiträge erhalte er regelmäßig mehr Kommentare, als er jemals auf die Kolumne in der "Business Week" bekommen habe. "Wir bekommen pro Beitrag zwischen 50 und 150 Reaktionen, etwa 20 Prozent davon aus dem Ausland", erzählt Becker, der mehr als 9 000 Stammleser hat.

Der Nobelpreisträger ist das prominenteste Mitglied einer stetig wachsenden Zahl von Ökonomen in den USA, die ihre Ideen, Meinungen und Analysen regelmäßig in ein Weblog schreiben. Die tagebuchähnlichen Online-Journale, in denen die Leser mit den Autoren direkt diskutieren können und die einst von Technik-Freaks ins Leben gerufen wurden, erleben seit zwei Jahren auch in der Politik- und Wissenschaftsszene einen Boom.

Volkswirte nutzen das neue Medium für ihre fachlichen Debatten. Ob es sich um die Prognose für den Ölpreis, den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas oder ökonomische Betrachtungen zur Verantwortung der Eltern für ihre Kinder handelt - der Themenvielfalt von Weblogs sind keine Grenzen gesetzt. "Hier werden oft die Themen diskutiert, die in den herkömmlichen Medien zu kurz kommen", sagt Barry Ritholtz, Ökonom beim New Yorker Investmenthaus Maxim Group.

Ritholtz ist Autor des Blogs "The Big Picture", eines der populärsten Wirtschaftsjournale im Internet. Das Bloggen gibt dem professionellen Finanzmarktexperten die Möglichkeit, gegen den Strom der Mehrheitsmeinung an der Wall Street zu schwimmen. So erklärt er zum Beispiel, dass die US-Arbeitslosenquote deutlich über der offiziellen Zahl von fünf Prozent liege. "Bedenkt man, dass die niedrige Quote nicht durch neue Jobs, sondern durch den Rückzug der Arbeitssuchenden in die stille Reserve zu Stande kommt, ergibt sich ein ganz anderes Bild", sagt Ritholtz.

Volkswirte schätzen das neue Medium vor allem deshalb, weil es informelle Debatten zu aktuellen Zeitfragen ermöglicht, die Reaktionen auf ihre Ideen unmittelbar sind und sie Einfluss auf die öffentliche Debatte nehmen können. Becker zum Beispiel kritisierte vor kurzem einen Report des amerikanischen Institute for Medicine, der einen engen Zusammenhang zwischen der Fernsehwerbung und der wachsenden Fettleibigkeit bei Kindern behauptete. Presse und Fernsehen berichteten breit über die Studie. Der Nobelpreisträger bezweifelte in seinem Blog die empirische Basis der Untersuchung. Er präsentierte Forschungsergebnisse, wonach nicht die Reklame von McDonald?s und Co. die größten Dickmacher sind, sondern die niedrigen Burger-Preise, wachsende Bequemlichkeit und mangelnde Bewegung der Kinder. "Das Institut hat seine Studie korrigiert", sagt Becker mit ein wenig Stolz in der Stimme.

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