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16.05.2012

07:29 Uhr

Wirtschaftsweise Claudia Buch

„Die Bedingungen für Griechenland liegen auf dem Tisch“

VonDorit Marschall, Olaf Storbeck

Ein Austritt aus der Euro-Zone könnte Griechenland den staatlichen Kollaps bringen. Die Wirtschaftsweise Claudia Buch über die Finanzkrise, die Problematik von Euro-Bonds, und die schwierige Lage der EZB.

Claudia Buch gehört seit März 2012 dem Sachverständigenrat an. dapd

Claudia Buch gehört seit März 2012 dem Sachverständigenrat an.

EssenDer Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone ist inzwischen eine ernsthafte Politik-Option. Könnte der Rest der Euro-Zone das wirtschaftlich verkraften?

Die Geschäftsbanken dürften einen Teil der direkten Lasten, die mit Griechenland verbunden waren, verarbeitet haben. Natürlich gibt es auch weitere Risiken, die schwer zu beziffern sind. Aber das kann im Umkehrschluss nicht bedeuten, dass wir jedem Land immer und um jeden Preis helfen müssen. Die Bedingungen, zu denen Europa Griechenland beisteht, liegen seit Monaten klar auf dem Tisch. Jetzt ist es Sache der Griechen, sich darauf einzulassen.

Würde an den Finanzmärkten nicht sofort Panik ausbrechen?

Überlegungen zu den genauen Folgen eines Euro-Austritts halte ich für spekulativ. Es gibt die staatlichen Rettungsschirme, die aber überfordert sein können, wenn nicht die nötigen strukturellen Reformen glaubwürdig in Angriff genommen werden. Gleichzeitig wird die Lage in den einzelnen europäischen Ländern aber inzwischen von den Märkten durchaus differenziert wahrgenommen.

Woher nehmen Sie diese Zuversicht?

Aus der Tatsache, dass die Euro-Zone derzeit dabei ist, ihre realwirtschaftlichen Probleme zu lösen. Länder wie Irland, Spanien, Portugal und Italien kommen bei der Umsetzung wichtiger Strukturreformen gut voran. Der jetzt eingeschlagene Kurs wird die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in diesen Ländern erhöhen. Insgesamt halte ich die realwirtschaftlichen Unterschiede in der Euro-Zone nicht für zu groß, aber es darf auch keine Anreize zu übermäßiger Verschuldung geben.

Vita

Claudia Buch

Geboren 1966 in Paderborn, gehört seit März dem Sachverständigenrat an. Die Ökonomin, die es als eine von wenigen Frauen in Deutschland an die Spitze ihres Fachs geschafft hat, studierte VWL in Bonn und Wisconsin und promovierte und habilitierte sich am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Seit 2004 hat die Bankenexpertin in Tübingen einen Lehrstuhl für Geld und Währung, seit 2005 führt sie das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung. Vier Jahre lang leitete sie zudem den Wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums.

Im Rat

... löste Buch Beatrice Weder di Mauro ab, die als erste Frau dem Ökonomengremium angehörte.

Würde eine eigene Währung Griechenland die Anpassung erleichtern?

Eine eigene Währung würde helfen, den nötigen Rückgang der Realeinkommen ohne eine direkte Kürzung der Löhne im Inland zu erreichen. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Die Kehrseite ist, dass dem Land ein Zusammenbruch des Bankensystems, hohe Inflationsraten und ein Staatsbankrott drohen würden. Und wenn Griechenland den Euro verließe, wäre der Zugang zu Finanzhilfen viel schwerer.

Kann Griechenland die an die Hilfen geknüpften Auflagen überhaupt erfüllen?

Die erforderlichen Strukturreformen führen in einigen Teilen der Wirtschaft zu harten Anpassungen. Sie nehmen auch Privilegien. Aber wenn man die Reformen konsequent umsetzt, werden sie positive Wachstumsimpulse bringen. Reformen der sozialen Sicherungssysteme können zudem helfen, notwendige Anpassungen abzufedern.

Kommentare (12)

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Heilbronn1964

16.05.2012, 08:14 Uhr

Wenn ich die letzten Jahre betrachte, schockiert mich nur noch die Dummheit unserer Politiker. Jeder Bürger hier in Deutschland sah diese Situation kommen - bis auf unsere Politiker und manche Wirtschaftsweisen. Aber inzwischen haben wir Unsummen nach Griechenland verbracht die unwiederbringlich verloren sind und nichts bewirkt haben. Und dennoch bestehen unsere Politiker weiterhin auf den ganzen Rettungsschirmen die letztendlich unserem Land, uns und unseren Kindern die Luft abschnüren. Was für einen Anlaß haben diese Politiker, so verbohrt zu sein und sich nicht irgendwo einzugestehen, daß die Entscheidungen falsch waren. Die Zukunft wird richtig "scheiße" werden, das haben sie schon verbockt. Aber lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende..
Oder gibt es andere Gründe für solch ein verstocktes Verhalten?

steuer_michel

16.05.2012, 08:32 Uhr

Natürlich haben die Politiker dies verbockt!
Gehen Sie mal bitte davon aus, dass der Euro "alternativlos" ist. Frau Merkel und ihre Partei und alle anderen Parteien, außer ein paar "Abweichler", haben für den Erhalt des Euros gestimmt, obwohl sie gleichzeitig die Maastricht-Regeln gebrochen haben.

Es gibt kein einheitliches Konzept! Die Länder sind von ihrer Mentalität und Wirtschaftskraft zu unterschiedlich. Der Euro hätte am Schluss einer europäischen Einheit eingeführt werden können, aber nicht wie jetzt am Anfang. Solange wir eine nationale Fiskalpolitik haben, usw. wird es keine Besserung geben. Wir werden wahrscheinlich in eine Transferunion abgleiten, wenn nicht vorher die Bürger auf die Straße gehen und wie 1989 gegen die Politik demonstrieren.

Ich erwarte von diesen Politikern nichts mehr! Ich muss zusehen, dass ich mein Vermögen rette, bevor das Finanzamt, etc. kommt. Das wird die Wahrheit sein!

DrPfeiffer

16.05.2012, 08:38 Uhr

Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber hat nicht der Autor Groß in seinem Buch Spielgeld-ein neues Wirtschaftssystem schon 2008 geschrieben, dass das alles so kommt. Der hat den Nachweis für die Überschuldung durch den Zins gezeigt und hat ein neues auf Eigentum basierendes Wirtschaftssystem vorgestellt. 2008 war das schon, heute haben wir 2012!!!

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