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11.01.2011

05:00 Uhr

Wissenswert

Bessere Schulen für den Wohlstand

VonJan Mallien

Gute Schulen sind der beste Weg zu mehr Wohlstand, zeigt eine Studie. Je besser Menschen schreiben, lesen und rechnen, desto höher ist auf Dauer das Wachstum. Überraschend ist, was die Schüler schlauer machen soll.

Kinder während einer Unterrichtsstunde: Je besser die Schulausbildung, desto größer das Wachstum des Landes. dpa

Kinder während einer Unterrichtsstunde: Je besser die Schulausbildung, desto größer das Wachstum des Landes.

LondonDie Aufholjagd hatte es in sich: Noch 1960 war das Einkommen eines Neuseeländers im Schnitt doppelt so hoch wie das eines Japaners. Zwölf Jahre später jedoch hatte Japan Neuseeland überholt. Bis 1990 hatte sich das Durchschnittseinkommen in Japan dann gar verfünffacht. In Neuseeland dagegen hatte es sich im gleichen Zeitraum noch nicht einmal verdoppelt.

Die in der Ökonomie gängigen Erklärungsmuster führen in diesem Fall weitgehend ins Leere. Beide Länder sind ähnlich stark in den Welthandel eingebunden, beide schützen das Privateigentum, und beide sind sich auch sonst sehr ähnlich.

Ludger Wößmann (LMU München) und Eric Hanushek (Stanford University) liefern in einer neuen Studie, die in der Fachzeitschrift "Economic Policy" erscheint, jetzt eine andere Erklärung für die Diskrepanz. Japan habe Neuseeland vor allem deshalb wirtschaftlich überholt, weil die Menschen dort besser schreiben, lesen und rechnen können.

Für 24 Industrieländer haben die beiden Bildungsökonomen Wachstumsdaten aus den Jahren von 1960 bis 2000 ausgewertet und mit dem Bildungsniveau in diesen Staaten verglichen. Die Grundfertigkeiten in Mathe, Naturwissenschaften und im Lesen, so stellen die Forscher fest, haben enormen Einfluss auf das langfristige Wachstumspotenzial von Volkswirtschaften.

Hanushek und Wößmann haben mit ihrer Studie mit dem Titel "How Much Do Educational Outcomes Matter in OECD Countries?" wissenschaftliches Neuland betreten. Statt wie bislang das Bildungsniveau eines Landes anhand der Zahl der Jahre, die die Menschen in der Schule verbringen, abzulesen, schauen sie sich die Ergebnisse internationaler Vergleichstests wie der Pisa-Studie an. So können sie die Qualität der Bildung besser erfassen. Wie wichtig gutes Humankapital für unseren Wohlstand ist, zeigt eine Simulationsrechnung der Forscher: Mit besseren Schulen könnten die Industrieländer ihr Wachstum deutlich steigern.

Wenn es alle OECD-Länder schaffen würden, innerhalb von 20 Jahren das Testniveau des Pisa-Musterlandes Finnland zu erreichen, wären bis zum Jahr 2090 Wohlfahrtsgewinne von rund 275 Billionen US-Dollar möglich, schätzen die Ökonomen. Dies entspräche einem Anteil von 13,8 Prozent der künftigen Wirtschaftsleistung. Solch ein Szenario halten allerdings selbst die Forscher für unwahrscheinlich - der Rückstand vieler Länder gegenüber Spitzenreiter Finnland sei zu groß. Auch bei realistischeren Zielen seien jedoch Gewinne von 90 Billionen US-Dollar möglich.

Aber was kann die Politik tun, um die Schulen zu verbessern? Die Antworten, die die Forscher geben, sind teilweise überraschend. So sind gute Schulen offenbar keine Frage des Geldes - es gibt keine Belege dafür, dass höhere Bildungsausgaben zu besseren Schulleistungen führen. Ähnlich ernüchternd ist ihr Fazit über den Einfluss der Klassengröße oder des Ausbildungsniveaus der Lehrer: Weder kleinere Klassen noch besser ausgebildete Lehrer machen die Schüler schlauer.

Als Alternative empfehlen die Ökonomen, sowohl Lehrern als auch Schulen stärkere Anreize zu setzen. Dafür müssten die Schulen mehr Autonomie erhalten und für ihre Ergebnisse zur Rechenschaft gezogen werden. Außerdem sei ein stärkerer Wettbewerb zwischen ihnen nötig. Wer den Wohlstand über bessere Schulen ankurbeln will, brauche aber einen langen Atem. Denn es dauere Jahrzehnte, bis die positiven Effekte sichtbar werden - sie kommen erst dann zum Tragen, wenn die betroffenen Schüler ins Erwerbsleben treten.

Kommentare (7)

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derherold

11.01.2011, 11:28 Uhr

Desinformation_nächste Runde.
Es ist Usus geworden, daß "Forschung" sich kreativ bemüht, gewünschte Ergebnisse zu erhalten... und irgendwie muß erklärt werden, warum Staaten mit (z.T. äußerst) restriktiver Einwanderungspolitik bessere PiSA-Ergebnisse haben.

Vielleicht könnten "Wissenschaftler" erklären, warum ausgerechnet autoritäre Gesellschafts- und bildungssysteme wie in Japan oder China "bessere Schulen" haben sollen als die skandinavischen Staaten.

... oder warum die Schweiz und PiSA-Schwächling Luxemburg ein erheblich höheres ProKopf-Einkommen haben als bspw. Finnland.

... oder warum Diversity-California so "schlechte Schulen" hat und teapartyMittlererWestenMinnesota bei Schultests in den USA alles wegfegt, was nicht Massachusettes heißt.

StefanSeuring

11.01.2011, 15:51 Uhr

Schulpolitik ist halt sehr schwierig, schon ganz und gar, wenn eine spezielle akademische Studie in einem kurzen, leicht verständlichen, teilweise plakativen beitrag erfasst wird. beides ist nicht falsch, hat aber Grenzen.
Wer selbst Kinder hat, wird wissen, welchen Unterschied die Klassengröße macht oder sagen wir besser machen kann. Für die anderen Variablen gilt das ähnlich. bildungsleistung lässt sich sicherlich ökonomisch messen, ob das der bildung selbst gerecht wird, ist eine andere Frage.
Schön zu sehen ist doch, dass es eines langen Atems in der bildungspolitik bedarf, und eben nicht einer Kurzfristreform und Evaluation auf was auch immer nach der änderen.
betriebswirt. Vater von zwei Schulkinder und Mitglied im Schulvorstand einer Grundschule.

Ate Heck

11.01.2011, 17:55 Uhr

Vielleicht sind es gar nicht nur die Fertigkeiten in Schreiben, Lesen und Rechnen, die den Unterschied machen, sondern die Relevanz des Lernstoffs zur Praxis des späteren Jobs.

ich finde es erschreckend, wie wenig Schüler über die Grundlagen einer Volkswirtschaft lernen, wie wenig betriebswirtschaftliche Kenntnisse vermittelt werden und warum die Fächer informatik und Logistik immer noch ein Nischendasein fristen.

Dass zu viele Eltern nicht mehr die Zeit haben, ihre Kinder auf das berufsleben vorzubereiten, ist ein weiterer Punkt auf der Manko-Skala, die von Pisa so nicht erfasst wird.

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