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16.05.2011

08:47 Uhr

Wissenswert

Krise macht krank

VonJohannes Pennekamp

Die Finanzkrise hat die Menschen emotional und gesundheitlich viel stärker belastet als gedacht. Das schließen Ökonomen aus einer Analyse der Suchbegriffe bei Google.

Während der Krise suchten Menschen im Internet häufiger nach Krankheitssymptomen und Nebenwirkungen von Medikamenten. Forscher folgern daraus, dass die Menschen häufiger krank waren. dpa

Während der Krise suchten Menschen im Internet häufiger nach Krankheitssymptomen und Nebenwirkungen von Medikamenten. Forscher folgern daraus, dass die Menschen häufiger krank waren.

DüsseldorfIst die Wirtschaftskrise nicht am Ende ganz glimpflich ausgegangen? Die düsteren Untergangsszenarien
nach dem Bankencrash sind nicht eingetroffen, und zumindest in Deutschland war der Arbeitsmarkt
erstaunlich stabil. Doch die direkten ökonomischen Folgen sind nicht der einzige Schaden, den die Rezession angerichtet hat – das Chaos an den Finanzmärkten hat auch Lebenszufriedenheit und Gesundheit der Deutschen massiv belastet. „Diese Auswirkungen
sind real“, lautet das Fazit der Bonner Ökonomen Nikolaos Askitas und Klaus Zimmermann.


Um herauszufinden, wie sehr die Krise die Menschen emotional und
physisch belastet hat, gingen die Forscher des Instituts zur Zukunft der
Arbeit (IZA) unkonventionell vor: Sie analysierten, nach welchen Begriffen
die Deutschen bei Google gesucht haben. Die Internetsuchmaschine veröffentlicht seit einigen Jahren in ihrem Dienst „Insights“ detailliert, ob Internetnutzer häufiger oder seltener nach bestimmten Begriffen
gegoogelt haben. Anders als Umfrage-Ergebnisse sind die Suchdaten in Echtzeit verfügbar und offenbaren, was die Menschen wirklich bewegt, argumentieren die Forscher. In Interviews geben Menschen dagegen oft verzerrte Antworten – Männer zum Beispiel lassen dann Krankheiten oft unter den Tisch fallen.

Die Google-Daten, so sind die Wissenschaftler überzeugt, machen es
nicht nur möglich, die Vergangenheit zu erklären – sie erlauben es,
„die Gegenwart vorherzusagen“. Mit Hilfe der Google-Zahlen ist es
den Ökonomen bereits gelungen, Grippewellen zu erkennen und die
künftige Entwicklung der Arbeitslosenzahlen vorherzusagen. Askitas
und Zimmermann haben in Deutschland, Amerika und sechs weiteren
Ländern untersucht,wie häufig Google-Nutzer nach Symptomen und Nebenwirkungen von Medikamenten suchten, die unter anderem auf Depressionen und Herzkrankheiten hindeuten.


Nachdem die US-Regierung im Oktober 2008 ihr milliardenschweres
Notfallpaket verabschiedet hatte, suchten die Menschen überall deutlich
häufiger nach Begriffen wie „Angst“, „Herzinfarkt“ und „Bluthochdruck“. Askitas: „Vergleicht man 2007 und 2010, dann hat sich das Suchvolumen nach Krankheitssymptomen mehr als verdreifacht.“ Auch bei der Suche nach Nebenwirkungen von Medikamenten gab es einen massiven Anstieg. In Deutschland setztedie Steigerung etwas verspätet erst im Frühjahr 2009 ein. „Das stimmt mit der Ausbreitung der Krise überein“, sagt der Ökonom.


Askitas und Zimmermann sind überzeugt: Die vermehrten Suchanfragen sind ein klares Indiz dafür, dass die Menschen wegen der Krise tatsächlich häufiger krank waren. Alternative Erklärungen schließen sie aus. So lasse sich der Anstieg des Suchvolumens zum Beispiel nicht damit erklären, dass die Internetnutzer in der Rezession einfach mehr Zeit zum Surfen hatten. Studien würden zeigen, „dass die Menschen während der Krise weniger Zeit im Netz verbrachten“, schreiben die Autoren. Die ausführliche Berichterstattung über Finanzchaos und Rezessionsgefahr habe die Bevölkerung ängstlich und anfälliger für Krankheiten gemacht. Dafür sprechen auch steigende Verkaufszahlen von Medikamenten während der Krise.


Trübe Aussichten offenbaren die Google-Daten für Deutschland. Während die Anfragen nach Krankheitssymptomen in Amerika seit einem Jahr zurückgehen, steigen sie hier seit Anfang 2011 wieder. „Die Krise“, fürchtet Askitas, „ist noch nicht vorbei.“

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