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29.04.2012

20:21 Uhr

Wissenswert

Warum Forscher die Krise nicht kommen sahen

VonOlaf Storbeck

Für die meisten Konjunkturforscher kam die Krise 2008/09 überraschend. Denn ihre Daten bieten ihnen nur einen Einblick in die Nahe Zukunft - nicht aber in langfristige Entwicklungen.

Ein Börsenmakler 2008. Mit der Krise hatte niemand gerechnet - auch nicht die Konjunkturforscher. ap

Ein Börsenmakler 2008. Mit der Krise hatte niemand gerechnet - auch nicht die Konjunkturforscher.

LondonKein Grund zur Panik! Als die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute im April 2008 ihr gemeinsames Frühjahrsgutachten präsentierten, war das die große, beruhigende Botschaft. Die deutsche Wirtschaft sei in den vergangenen Jahren robuster geworden – ein „Abgleiten in die Rezession“ sei trotz der Probleme in den USA und im Bankensektor „wenig wahrscheinlich“. Tatsächlich fiel die Bundesrepublik nur ein halbes Jahr später in die tiefste Wirtschaftskrise der Nachkriegsgeschichte – im Jahr 2009 brach die Wirtschaftsleistung um mehr als fünf Prozent ein.

Warum haben die Konjunkturforscher die Risiken derart unterschätzt? Und gibt es Konjunkturindikatoren und Modelle, mit denen sie die Konjunkturwende früher und zuverlässiger hätten erkennen können? Dieser Frage ist das Düsseldorfer Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in einer Studie im Auftrag des Bundesfinanzministeriums auf den Grund gegangen.

Die Wissenschaftler haben die Prognosegüte 27 verschiedener Konjunkturindikatoren auf den Prüfstand gestellt. Sie betrachteten realwirtschaftliche Daten wie die Auftragseingänge und die Industrieproduktion, Stimmungsumfragen wie den Ifo-Geschäftsklima-Index und Finanzmarktdaten wie das Zinsniveau und die Aktienkurse.

Die Ergebnisse sind ernüchternd: Selbst mit den modernsten Verfahren und den besten Daten können Konjunkturforscher gerade einmal zwei bis vier Monate in die Zukunft blicken. „Viele Konjunkturforscher machen sich Illusionen über die Güte der verfügbaren Daten und Prognosemethoden“, sagt Gustav Horn, Chef des gewerkschaftsnahen Instituts. Er habe selbst anfangs mit besseren Resultaten gerechnet, räumt er im Gespräch mit dem Handelsblatt ein. Tatsächlich aber sei viel mehr als eine akkurate Beschreibung des konjunkturellen Status quo – im Fachjargon „nowcasting“ genannt – mit den derzeit verfügbaren Ansätzen der Konjunkturforschung nicht möglich.

Welche Euro-Regierungen ums Überleben kämpfen

Italien

Mario Montis Regierung aus 17 parteilosen Fachleuten soll nach dem Rücktritt Berlusconis im November 2011 verhindern, dass Italien noch tiefer in die Schuldenkrise abrutscht. Das Land trägt eine Schuldenlast von rund 1,9 Billionen Euro.
Italien hat mit einer Gesamtverschuldung von rund 120 Prozent der Wirtschaftsleistung nach Griechenland den höchsten Schuldenberg in der Eurozone. Monti versicherte, dass er die beschlossenen Spar- und Reformmaßnahmen umsetzen wolle. Doch der Druck seitens der EU ist groß.
Rom hat erst vergangene Woche seine Wachstumsprognose gesenkt. Demnach wird die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr mit 1,2 Prozent dreimal so stark schrumpfen wie bislang angenommen.

Griechenland

Griechenland wird seit zwei Jahren mit milliardenschweren Hilfspakten gerettet. Im Gegenzug für die Unterstützung durch Europa und den Internationalen Währungsfonds (IWF) muss Athen einen massiven Sparkurs fahren.
Die Regierung unter Leitung von Lucas Papademos sollte nach dem Rücktritt von Giorgos Papandreou im November 2011 das Vertrauen der Märkte zurückerobern. Sie sollte die maßgeblichen politischen Kräfte in Griechenland bündeln und die Vorgaben der Kreditgeber umsetzen. Funktioniert hat das nur in Maßen. Jetzt hat Papademos für den 6. Mai 2012 Neuwahlen angekündigt. Das Land müsse neue Stabilisierungs- und Reformmaßnahmen ergreifen, so der Präsident.
Griechenlands Finanzlage hat sich im vergangenen Jahr zwar etwas gebessert, zeigt aber weiter tiefrote Zahlen. Der Fehlbetrag im Staatshaushalt belief sich 2011 auf 9,1 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) - das war etwas weniger als die 10,3 Prozent in 2010.

Spanien

Der neue konservative Ministerpräsident Mariano Rajoy hat sein Volk nach den vorgezogenen Neuwahlen im November 2011 auf harte Zeiten eingestimmt. Das krisengeschüttelte Spanien ist im vergangenen Jahr auf den dritten Platz der größten Haushaltssünder im Euro-Raum aufgerückt, wie die Statistikbehörde Eurostat berichtete. Das Haushaltsdefizit sank zwar auf 8,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nach 9,3 Prozent im Vorjahr, war aber deutlich größer als angestrebt.
Schlimm sieht es für Spaniens Konjunktur aus, die Wirtschaft stürzte zu Jahresbeginn in die Rezession. Das Sparen wird für die Regierung deshalb noch schwerer. Dennoch will sie das Defizit in diesem Jahr auf 5,3 Prozent drücken. Spanien überholte sogar das Nachbarland Portugal, das Geld aus dem Euro-Krisenfonds erhält und strikt sparen muss.

Slowakei

Im Streit um die Beteiligung am Euro-Rettungsschirm EFSF hatte Ministerpräsidentin Iveta Radicova im Oktober ihren Rücktritt angekündigt. Im März 2012 gewann die Partei Smer-Sozialdemokratie mit Robert Fico klar die vorgezogene Parlamentswahl. Seit April ist Fico Ministerpräsident.

Portugal

Auch hier brachte die Schuldenkrise einen Regierungswechsel. Die sozialistische Regierung von José Sócrates wurde angesichts der schweren Wirtschaftskrise im Juni 2011 abgewählt. Aber auch die neue liberal-konservative Regierung unter Ministerpräsident Pedro Passos Coelho steht mächtig unter Druck.
Das Land ist weiterhin ein Sorgenkind der Eurozone.

Irland

In der schweren Wirtschaftskrise setzten die Iren auf eine neue Regierung. Bei der Parlamentswahl im Februar 2011 straften sie die wirtschaftsliberale Regierungspartei Fianna Fail von Premierminister Brian Cowen ab. Neuer Premierminister wurde Enda Kenny. In der neuen Regierung koaliert die konservative Fine Gael mit der linken Labour-Partei.
Die Regierung will das Staatsdefizit von zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung bis 2015 auf unter drei Prozent senken. Dazu sollen unter anderem Staatsbeteiligungen im Wert von zwei Milliarden Euro verkauft werden und im öffentlichen Dienst 25.000 Stellen wegfallen. Irland wurde von der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) mit einem 85 Milliarden Euro schweren Rettungspaket vor der Pleite bewahrt und muss im Gegenzug eisern sparen.

Niederlande

Die niederländische Regierung ist im April 2012 zurückgetreten. Am 12. September sollen vorgezogene Neuwahlen stattfinden. Die bisherige Regierung von Ministerpräsident Mark Rutte zerbrach an Verhandlungen über Sparmaßnahmen in Höhe von 14 Milliarden Euro. Die Partei des Rechtspopulisten Geert Wilders kündigte aufgrund der Verhandlungen den Regierungsvertrag auf. Ruttes Koaliton hat ohne Wilders' Partei keine Mehrheit im Parlament.

Mit dem Sparkurs wollen die Niederlande die Neuverschuldung auf das von der EU vorgeschriebene Niveau von drei Prozent drücken. Die Agentur Moody's behielt vorerst das AAA-Rating des Landes bei, warnt aber vor einer Herabstufung, wenn die Sparziele nicht weiter verfolgt werden.

Selbst die offiziellen Zahlen des Statistischen Bundesamts zur aktuellen Wirtschaftslage zeichnen oft ein schiefes Bild – sie seien systematisch verzerrt, stellen die IMK-Forscher fest. „Dieses Problem wird von vielen Konjunkturexperten unterschätzt“, betont Horn.

So fallen zum Beispiel die ersten Schätzungen zur Industrieproduktion regelmäßig zu niedrig aus – im Schnitt werden sie in den Folgemonaten um 0,5 Prozentpunkte nach oben revidiert. Ein ähnliches Bild gibt es bei den Auftragseingängen. Bei der Inflation dagegen ist es genau andersherum: Hier liegen die ersten Schätzungen tendenziell zu hoch und werden im Laufe der Zeit im Schnitt um 0,11 Prozentpunkte nach unten korrigiert.

Den einen, perfekten Konjunkturindikator gibt es nicht, lautet ein weiterer wichtiger Befund der IMK-Forscher. „Manche Konjunkturexperten meinen: Wenn ich auf den Ifo-Index schaue, weiß ich Bescheid“, sagt Horn. „Das ist aber ein Trugschluss.“ Das verlässlichste Bild erhalte, wer ein möglichst breites Spektrum von Indikatoren betrachtet.

Aber selbst das ist keine Garantie, dass man immer richtigliegt. Ein Beispiel dafür liefert der Konjunkturindikator des IMK, der State-of-the-Art-Methoden und viele verschiedene Daten verwendet und laut Horn schon ab April 2008 auf die steigende Rezessionsgefahr hingewiesen hat. In der zweiten Jahreshälfte 2011 löste der gleiche Indikator jedoch falschen Alarm aus: Damals schoss der Index nach oben und zeigte zeitweise eine Rezessionsgefahr von 70 Prozent an – tatsächlich aber stotterte die deutsche Wirtschaft am Jahresende nur leicht und der wirtschaftliche Absturz blieb aus. Inzwischen hat sich der IMK-Index wieder beruhigt und signalisiert nur sehr niedrige Rezessionsgefahr. Hoffen wir, dass er diesmal richtigliegt.

Europäische Regulierungen

Krisenreaktion

Im Zuge der globalen Finanzkrise haben die Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industriestaaten (G20) das Prinzip vereinbart, dass künftig kein Teilnehmer des Finanzsektors unreguliert bleiben soll.

Beschlüsse

Die Europäische Union setzte daraufhin mehrere Regulierungsinitiativen um. Eine wichtige davon ist die Richtlinie zur Regulierung von Hedge-Fonds und Private-Equity-Gesellschaften, die kurz AIFM-Richtlinie genannt wird. Ab dem nächsten Jahr müssen die Vorschriften befolgt werden.

AIFM

Die Abkürzung steht für Alternative Investment Fund Managers. Die Richtlinie setzt der Fondsbranche neue Regeln. Demnach müssen sich Manager von alternativen Fondsprodukten wie Hedge-Fonds künftig registrieren lassen. Sie müssen ihre Anlagestrategie und ihre Bewertungsmethoden Investoren und der Aufsicht offenlegen. Fondsmanager müssen ein Mindestkapital nachweisen und die Fondsvermögen von einer Depotbank verwahren lassen. Erfüllen sie alle Voraussetzungen, bekommen sie einen Pass, der den Fondsmanagern ihre Tätigkeit in der gesamten EU erlaubt.

Drittstaaten

Für Fondsmanagern aus Nicht-EU-Staaten soll mit zeitlicher Verzögerung über eine Stufenlösung der Zugang zu dem EU-Pass ermöglicht werden. Dazu müssen sie aber die Anforderungen der AIFM-Richtlinie erfüllen.

Schweiz

Die Schweiz passt gerade ihre Fondsgesetzgebung an das EU-Recht an. Die Revision des Gesetzes soll per Eilverfahren in diesem Jahr durch das Parlament gebracht werden. Fondsanbieter hoffen zudem, dass sie weiterhin per Delegation das Fondsmanagement für EU-Fonds von der Schweiz aus betreiben dürfen. Darum wird aber noch hinter den Kulissen gerungen.

Kommentare (22)

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Brasil

29.04.2012, 20:43 Uhr

Eine hoch bezahlte Zunft, die absolut keinerlei Nutzen bringt, sondern das Gegenteil, gehört abgeschafft! Zumindest nicht mehr mit Steuergeldern finanziert!
Soll sie beschäftigen, wer gerne Geld zum Fenster raus wirft, aber nicht das Volk sollte solche Parasiten zwangsweise fürstlich alimentieren müssen!

Dr.NorbertLeineweber

29.04.2012, 20:48 Uhr

Ist doch vollkommen klar: Wenn ich die Krise kommen sah, ist es fast schon ausgeschlossen, dass irgendwelche Forscher das auch könnten. Die forschen nämlich nicht in ganzheitlicher Ökonomie, sondern in der hinterletzten Verästelung der vorletzten Verästelungen der Konjunkturtheorie. Sagen wir es einmmal so: Ich habe meine Kredite nicht festgeschrieben und umgeschuldet, weil ich die Krise kommen sah. Nun, mich bewundert mein Banker. Der Rest der Ökonomen soll sich schämen. Also ich habe jedem gesagt, dass die größte Krise nach 1929 kommt und das Wachstum mindestens minus 5% beträgt. Nun, Norbert Walter kam ein gutes halbes Jahr nach mir mit der gleichen Prognose. Und für Deutschland sage ich eine Rezession voraus, die bis jetzt noch keiner auf dem Schirm hat. Der Konsens +2% ist hahnebüchen!

Dr.NorbertLeineweber

29.04.2012, 20:58 Uhr

Nichts ist so wertvoll, wie befähigte Ökonomen. Sie täuschen sich ! Allerdings liegt die Betonung auf befähigt!

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