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16.07.2012

21:05 Uhr

Wissenswert

Wer die Einkommen auseinander treibt

VonOlaf Storbeck

In den Industriestaaten wird die Kluft zwischen arm und reich wird immer größer. Es gibt viele Faktoren, die dafür verantwortlich sind. Einige Wirtschaftswissenschaftler halten die Zentralbanken für einen solchen Faktor.

Sind die Notenbanken für die Einkommensunterschiede in den Industrieländern mitverantwortlich? dpa

Sind die Notenbanken für die Einkommensunterschiede in den Industrieländern mitverantwortlich?

LondonWir sind die 99 Prozent!", lautete der Schlachtruf, mit dem die Occupy-Bewegung auf die Straßen zog. Tatsächlich profitierte vor der Krise in den USA das reichste eine Prozent der Bevölkerung überproportional stark vom Wirtschaftswachstum - bei den restlichen 99 Prozent kam kaum etwas an, zeigen Forschungsergebnisse des Berkeley-Ökonomen Emmanuel Saez. Auch in Deutschland ist die Kluft zwischen unten und oben in den vergangenen Jahren immer größer geworden, stellte die OECD fest.

Volkswirte erklären die steigende Einkommensungleichheit normalerweise so: Durch den technischen Fortschritt steige die Nachfrage nach sehr gut ausgebildeten Beschäftigten - und damit auch ihre Löhne. Zugleich seien Geringqualifizierte unter Druck. Denn die Gewerkschaften verlieren an Einfluss, und im Zuge der Globalisierung werden einfache Tätigkeiten immer stärker ins Ausland verlagert.

Doch diese Erklärungen sind möglicherweise unvollständig. Auch die Geldpolitik der Notenbanken hat offenbar einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf die Einkommensverteilung. Zu diesem Fazit kommt ein vierköpfiges Forscherteam um Yuriy Gorodnichenko von der University of California, Berkeley, in einer jetzt veröffentlichten Studie.

Die Volkswirte begeben sich mit ihrer Arbeit in ein wissenschaftliches Minenfeld, denn die Verteilungswirkungen von Geldpolitik waren für Mainstream-Volkswirte bislang ein Tabu-Thema. Von stabilen Preisen, so nahmen Ökonomen an, profitieren alle Bevölkerungsgruppen in gleichem Maße.

Doch hat das Forscherquartett um Gorodnichenko recht, dann ist das ein Irrtum. Die Ökonomen beleuchten die Frage am Beispiel der Vereinigten Staaten seit 1980. Basis der Studie sind Daten des Bureau of Labor Statistics, mit denen die Forscher die monatliche Entwicklung von Einkommen und Konsum einer repräsentativen Stichprobe von US-Privathaushalten nachvollziehen können.

Wenn die US-Notenbank die Leitzinsen anhebt, gibt es laut Studie klare Gewinner und Verlierer: Die reichsten zehn Prozent der Gesellschaft profitieren, die ärmsten zehn Prozent dagegen leiden. "Die Effekte sind signifikant, halten lange an und erhöhen die Einkommensungleichheit zwischen den Haushalten", heißt es in der Studie mit dem Titel "Innocent Bystanders? Monetary Policy and Inequality in the U.S."

Der wichtigste Wirkungskanal, über den restriktive Geldpolitik auf die Ungleichheit wirkt, sind offenbar die Löhne: "Die Arbeitseinkommen am oberen Ende der Einkommensverteilung steigen, die am unteren Ende sinken."

Warum das so ist, darüber können die Forscher allerdings nur spekulieren: Geldpolitik wirke hauptsächlich über das Zinsniveau auf die Wirtschaft. Möglicherweise sei die Erklärung, dass die Nachfrage nach Kapital unterschiedliche Effekte auf die Nachfrage nach einfacher und nach qualifizierter Arbeit habe.

Einen wichtigen Aspekt aber blenden die Forscher in ihrer Studie aus: Welche Verteilungswirkungen hätte es, wenn die Notenbank auf restriktive Geldpolitik verzichten würde? Über kurz oder lang dürfte eine höhere Inflationsrate die Folge sein. Und darunter, das lehrt die Geschichte, leiden die unteren Einkommensschichten am meisten. Löhne und Gehälter können in der Regel mit der Geldentwertung nicht mithalten, und einfache Leute haben ihr Vermögen seltener in Sachwerten wie Immobilien angelegt.

Kommentare (17)

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DERRichter

16.07.2012, 21:53 Uhr

Es gibt einfache Gründe für diese Entwicklung:1) Weite Teile der Mittelschicht haben Ihre Ersparnisse in den Börsenkrisen 2000/2001 und 2007-2009 eingebüsst. 2)Zudem
hat die Euroeinführung die Preise in die Höhe getrieben
und grenzenloses Spekulieren und Produktionsverlagerung ermöglicht. Die Freigabe von Derivaten ermöglicht es
die Preise von Agrarrohstoffen und Energie in die Höhe zu treiben. Für die frühere Mittelschicht bleiben nur Zeitarbeit, Hartz IV und für die Rentner Rentenerhöhungen unter der Inflationsrate. Nur die Reichen profitieren. Erhellen auch das Statement des Autors dass Lohnerhöhungen immer unter der Geldentwertung bleiben müssen. Ist das eigentlich wirklich ein Naturgesetz, oder wünscht da ein kapitalismusfreundlicher Schreiberling den neoliberalen Täterschichten nur möglichst niedrige Lohnerhöhungen bei ihren Mitarbeitern?

Account gelöscht!

16.07.2012, 22:40 Uhr

Bereits 2007 besahen die oberen 10% der Bevölkerung 65% des Geldvermögens - inzwischen dürfte es weit mehr sein. Wobei die Top 2.5% sogar 44% des Geldvermögens besitzen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Vermögensverteilung_in_Deutschland

Allerdings ist es so, dass die oberen, wie die unteren 10%, nicht Arbeiten - an der Qualifikation liegt es also nicht.

Die Kapitalkonzentration entsteht in erster Linie durch nicht leistungsbezogene Einahmen, z.B. Zinsen, Mieten, etc. Dieses Kapital steht der Marktwirtschaft praktisch nicht mehr zur Verfügung und ohne Umlaufkapital, funktioniert weder der Kapitalismus noch die freie Marktwirtschaft.

Würde eine Umverteilung die Krise beenden? Für sich alleine nicht, da inzwischen die Zinsbelastungen durch die enormen Schulden (Staat + Banken) nicht mehr zu erwirtschaften sind, bzw. nur durch schmerzende und zerstörerische Sparmassnahmen und dann auch nur noch temporär.

Wer ist denn nun Schuld an der Krise? Einen direkten Schuldigen gibt es nicht. Im Prinzip hat jeder alles richtig gemacht. Die Kapitalkonzentration ist Systembedingt - es wurde versäumt hier sinnvoll entgegen zu wirken. Aktuelle Massnahmen, wie z.B. Zwangsabgaben oder Sparmassnahmen bleiben ohne Effekt, da keine Schulden abgetragen werden.

Gibt es eine Lösung? Ja, es gibt mehrere effektive Lösungen, die unmittelbar zur Auflösung der Krise führen würden. Ein ist, z.B. der Forderungsverzicht - dadurch würde das Giralkapital verschwinden und es könnten weitere, sinnvolle Massnahmen zur Stabilisierung unternommen werden.

Oder ein andere Geldsystem, wie z.B. Plan-B von der Wissensmanufaktur. Damit wäre aber Schluss mit der spätrömischen Dekadenz. Das haben die obern 1% nicht so gerne.

Caesarenwahn

16.07.2012, 23:19 Uhr

ganz einfach, die Wertschöpfung fliesst seit mehr als 20 Jahren einzig in die Taschen von 1,7% der Bevölkeung, die die Grossaktionäre in der Bundesrepublik darstellen, die zudem von Steuervergünstigungen profitieren, die der Rest der Bevölkerung zu löhnen hat, dank der Politik von CDUCSUSPDFDPGrüne

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