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26.05.2011

00:00 Uhr

World Economics Association

Angriff auf das Establishment

VonOlaf Storbeck

Ökonomen in aller Welt wollen ihr Fach erneuern, für andere Analyseansätze öffnen und die Dominanz der Amerikaner brechen. Dafür haben die World Economics Association gegründet - und werden von Mitgliedern überrannt.

Volkswirte streiten nach der Finanzkrise über die richtigen Methoden und Forschungsansätze. Quelle: Lutz Widmaier

Volkswirte streiten nach der Finanzkrise über die richtigen Methoden und Forschungsansätze.

Die Revolution begann mit einer guten Woche Verspätung. Monatelang hatten 141 Volkswirte aus aller Welt die Gründung der "World Economics Association" (WEA) vorbereitet. Das Ziel: die Disziplin grundlegend umkrempeln. Doch zunächst hielten technische Schwierigkeiten beim Online-Bezahldienstleister Paypal das Projekt auf. Am Montag vergangener Woche dann war die "erste wirklich internationale und pluralistische Volkswirte-Vereinigung", endlich arbeitsfähig.
Seitdem wird sie von Ökonomen aus aller Welt überrannt. Mehr als 3600 Wirtschaftswissenschaftler aus 110 Ländern traten in den ersten zehn Tagen bei. "Das ist mehr, als wir erwartet haben", sagt der Vater der WEA, der britische Ökonom Edward Fulbrook.

Der neue Verband hat damit schon jetzt ähnlich viele Mitglieder wie der Verein für Socialpolitik (VfS) oder die britische Royal Economic Association (RES).

Die WEA macht sich für eine inhaltliche und methodische Erneuerung der Volkswirtschaftslehre stark. Die Mainstream-VWL ist im Zuge der Finanzkrise massiv in die Kritik geraten. Viele Theorien seien weltfremd und für die konkrete Wirtschaftspolitik wenig hilfreich, lauten zentrale Vorwürfe. "Die ökonomische Profession verwechselte mathematische Eleganz mit Wahrheit", kritisiert zum Beispiel Nobelpreisträger Paul Krugman.

"Wir teilen die öffentliche Wahrnehmung, dass die Sachkunde in Teilen der ökonomischen Profession zu wünschen übrig lässt", heißt es im Gründungsaufruf der WEA. Es ist nicht die erste Initiative, die die VWL modernisieren will. Das im vergangenen Jahr mit einer Millionenspende des Hedge-Fonds-Managers George Soros gegründete Institute for New Economic Thinking (INET) hat ähnliche Ziele. "Wir sind natürliche Partner", sagt INET-Chef Robert Johnson, der der WEA bereits beigetreten ist.

Die WEA geht bislang eher auf Distanz zur INET und betont ihre Unabhängigkeit. "Deshalb haben wir nicht versucht, Großspender zu gewinnen", betont Fulbrook. "Das schließt nicht aus, dass wir in Zukunft mit nationalen oder regionalen Verbänden kooperieren oder Geld von Stiftungen oder Organisationen akzeptieren." Konkrete Pläne dafür gebe es aber nicht. Einzelne Mitglieder hätten insgesamt 14000 Dollar gespendet. "Das reicht vorerst für das, was wir uns vorgenommen haben."

Zu den Unterstützern der ersten Stunde gehören die Professoren Dani Rodrik (Harvard) und James Galbraith (University of Austin, Texas), der Nomura-Chefvolkswirt Richard Koo und der Handelsblatt-Journalist und Buchautor Norbert Häring. Viele Initiatoren wie Fulbrook stammen aus dem Umfeld der "post-autistischen Ökonomen". Diese Bewegung kritisiert die Mainstream-VWL seit Jahren als realitätsfremd und engstirnig.

Die Gründung der WEA ist ein Angriff auf die Dominanz der American Economic Association (AEA). Die Organisation, die bereits seit 1885 besteht, hat weltweit 18000 Mitglieder, gibt einflussreiche Fachzeitschriften heraus und veranstaltet den wichtigsten Ökonomiekongress der Welt. "Viele alternative Forschungsansätze - von der Dogmen- und Wirtschaftsgeschichte bis hin zu Forschungsansätzen, die nicht von Gleichgewichtsmodellen ausgehen - sind in der AEA dramatisch unterrepräsentiert", sagt INET-Chef Robert Johnson. Auch Richard Baldwin, Professor am Graduate Institute in Genf und Policy Director des Londonder Ökonomen-Netzwerks CEPR, ist überzeugt: "Die US-Dominanz treibt das Fach in die falsche Richtung."

Die WEA will daher zwei eigene, neue Fachzeitschriften herausgeben: das "World Economics Journal" und "Economic Thought". Diese Journale sollen für alle Inhalte und Methoden offen sein.

Wie bei etablierten Fachzeitschriften üblich, sollen Aufsätze vor der Veröffentlichung eine strenge Qualitätskontrolle durchlaufen, bei der sie von unabhängigen Fachleuten ("Peers") begutachtet werden. Anders als bisher üblich propagiert die WEA allerdings ein offenes und transparentes Verfahren: Sämtliche Mitglieder der Organisation sollen zusammen mit Experten der jeweiligen Fachrichtung über eingereichte Arbeiten in einem Onlineforum diskutieren.

Bei den etablierten Fachzeitschriften agieren die Gutachter dagegen anonym und im Verborgenen. Kritiker monieren, diese Form des "Peer Review" behindere den wissenschaftlichen Fortschritt. "Wir legen zu viel Gewicht auf Veröffentlichungen in den besten Fachzeitschriften, in denen Fachgutachter entscheiden, die oft ein Interesse daran haben, alte Forschung vor neuen Ideen zu schützen", sagt Baldwin.

Obwohl es gute Argumente für die Gründung eines neuen Verbands gibt, sehen etablierte Ökonomen die WEA skeptisch. "Ich bin mir nicht sicher, ob wir so etwas brauchen", sagt der Berliner Professor und VfS-Vorsitzende Lars-Hendrik Röller. "Die bisherigen Verbände sind ja keine geschlossenen Veranstaltungen, sondern offen für alle Ökonomen. Viele Deutsche Kollegen sind zum Beispiel Mitglied in der AEA."

Auch Richard Baldwin sieht die WEA kritisch. "Die Initiatoren sind wahrscheinlich genau die falschen Leute, um dauerhaften Wandel herbeizuführen." Dafür sei gute und relevante Forschung notwendig, die die Aufmerksamkeit der politischen Entscheidungsträger bekomme und von der "alten Garde" des Fachs mitgetragen werde. Baldwin prophezeit: "Eine alternative Fachzeitschrift, die von alternativen Leuten getragen wird, wird schlechte Forschung anziehen."

Die AEA versucht den neuen Wettbewerber zu ignorieren. "Ich weiß nicht genug über die Organisation und die Themen", sagt Princeton-Professor und AEA-Vorsitzende Orley Ashenfelter. "Ich kann daher nichts dazu sagen."

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels wurden die Zitate von Richard Baldwin irrtümlich dem Londoner Ökonomie-Professor und Vorsitzenden der Royal Economic Society, Richard Baldwin, zugeschrieben. Wir bitten um Entschuldigung.

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