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26.03.2017

10:11 Uhr

Anke Rehlinger

Kampfstark, Bodenständig, Natürlich

Anke Rehlinger will neue Ministerpräsidentin des Saarlandes werden. Kampfgeist bringt sie mit: Sie ist Rekordhalterin im Kugelstoßen und Diskuswurf. Mit Martin Schulz ist sie zurzeit auch politisch auf Höhenflug.

Die Spitzenkandidatin der SPD Saarland zeigt für die kommende Landtagswahl Ausdauer und Kampfgeist. dpa

Anke Rehlinger

Die Spitzenkandidatin der SPD Saarland zeigt für die kommende Landtagswahl Ausdauer und Kampfgeist.

SaarbrückenAnke Rehlinger ist eine Kämpfernatur. Noch immer hält sie im Saarland den Rekord im Kugelstoßen (16,03 Meter) sowie den Jugendrekord im Diskuswurf (49,18 Meter). Und nach wie vor trainiert sie im Kraftraum ihres Leichtathletik-Vereins in Rehlingen, um sich fit zu halten für Kugel und Diskus. 2016 holte sie in beiden Disziplinen bei den Landesmeisterschaften der Senioren den Titel. „Ich bin in Form“, sagt sie. Auch als Vize-Regierungschefin ist sie zurzeit auf Höhenflug: Sie will bei der Landtagswahl am Sonntag den Ministerpräsidenten-Sessel von der CDU nach 18 Jahren zurückerobern.

Denn die Begeisterung um SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz verleiht ihr Flügel: „Wir sind knapp dran und damit auch knapp dran an unserem Ziel. Nämlich die stärkste Kraft in diesem Land zu werden und damit die Regierung auch anzuführen“, sagt sie kämpferisch. Seit Anfang 2014 regiert die Juristin mit Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) in einer großen Koalition das kleinste Flächenland Deutschlands, die SPD ist Juniorpartner.

Deren Verhältnis wird als „kollegial, freundschaftlich“ bezeichnet. Doch im Wahlkampf werden aus Partnern Gegner – Rehlinger schließt Rot-Rot nach der Wahl nicht aus. Sie hat Streitthemen gefunden, mit denen sie sich von der CDU absetzt. Zum Beispiel will sie die Kita-Gebühren abschaffen und „G9“ an Gymnasien wieder möglich machen.

Dafür steht SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz

Präsenz

Schulz verdankt seinen Aufstieg in Brüssel Eigenschaften, die ihm Freunde und Gegner gleichermaßen zuschreiben: Ehrgeiz, Arbeitseifer, klare Sprache, Machtbewusstsein. Vor allem als EU-Parlamentspräsident und als Spitzenkandidat der Sozialdemokraten bei der Europawahl 2014 schärfte er nicht nur sein eigenes Profil, sondern gab Europa eine starke Stimme. Der Christsoziale Manfred Weber würdigte Schulz zum Abschied aus Brüssel als kraftvollen und durchsetzungsstarken Europäer.

Klare Botschaften

Der designierte SPD-Kanzlerkandidat gilt als Politiker, der Streit nicht aus dem Weg geht. Zuletzt übte er zum Beispiel heftige Kritik am EU-Mitgliedsland Ungarn und dessen Referendum zur Flüchtlingspolitik. Wachsenden Nationalismus und Rechtspopulismus verurteilte er scharf und verlangte Einsatz für das europäische Gesellschaftsmodell gegen die „Feinde der Freiheit“. Seine eigene Partei mahnt er, normalen Menschen zuzuhören und auf ihre Nöte einzugehen. Die Krise der EU trieb ihn um – wobei er gerne die Brüsseler Perspektive einnahm und vor allem den Streit der Mitgliedsstaaten kritisierte.

Anpacken

Obwohl das Amt als EU-Parlamentspräsident eher zeremoniell angelegt ist, präsentierte sich Schulz als Macher. Ein Beispiel: der Handelspakt Ceta mit Kanada. Im Herbst überzeugte er die vom Streit mit der Wallonie völlig entnervte kanadische Ministerin Chrystia Freeland, ihre Abreise zu verschieben und sich noch ein letztes Mal mit ihm zu treffen. Fernsehkameras standen bereit, das Überraschungsgespräch im Morgengrauen zu dokumentieren. Letztlich wartete Kanada die europäischen Kapriolen dann geduldig ab, und das Abkommen kam doch noch zustande.

Allianzen

In Brüssel und Straßburg stand Schulz für die informelle große Koalition mit der Europäischen Volkspartei und deren Vorsitzendem Weber. 2014 unterzeichneten beide einen Pakt, der Schulz bei der Wiederwahl zum Parlamentspräsidenten EVP-Stimmen sicherte. Dafür sollte er im Januar 2017 seinen Posten für einen EVP-Kandidaten räumen. Es ging aber nicht nur um Personal: Die beiden größten Fraktionen sahen den Pakt als Mittel, in Europa stabil und effizient Politik zu machen und der EU-Kommission zu Mehrheiten zu verhelfen.

Machtanspruch

Kleinere Parlamentsfraktionen wie die Grünen oder Linken fühlten sich in der Ära Schulz an den Rand gedrängt und ignoriert. Auch wurden Schulz Eigenmächtigkeiten vorgeworfen – sowohl inhaltlich, wenn er für das Parlament sprach, als auch bei der Besetzung von Spitzenposten im Haus. Etliche Abgeordnete zeigen sich nun erleichtert, dass neue Zeiten anbrechen.

Gut versteht sich Rehlinger (40) mit Linke-Fraktionschef Oskar Lafontaine. Aber noch besser mit Schulz, mit dem sie sich derzeit besonders gerne blicken und ablichten lässt. „Lieber Martin, du bist die richtige Antwort auf die Herausforderungen in dieser Zeit!“, ruft sie Schulz bei einem seiner vielen Auftritte im Saarland zu.

Rehlinger stieg nach ihrem Studium in die Politik ein – erst auf Kreis-, dann auf Landesebene. Im Mai 2012 wurde sie zunächst zur Ministerin für Justiz, Umwelt und Verbraucherschutz berufen. Seit 2013 steht sie SPD-Landeschef Heiko Maas als Stellvertreterin zur Seite - nach dessen Wechsel als Bundesjustizminister nach Berlin „beerbte“ sie ihn als stellvertretende Ministerpräsidentin. Sie übernahm zudem das Ministerium für Wirtschaft und Verkehr.

Rehlinger kommt mit ihrer offenen Art gut bei den Saarländern an. „Sie ist bodenständig, authentisch. Das zeichnet sie einfach aus“, sagt der Vorsitzende des Leichtathletik Clubs Rehlingen, Thomas Klein. „Ich feiere auch gerne“, sagt sie selbst über sich.

Die Mutter eines Sohnes liebt ihre Heimat im Nordsaarland und Saarländer Platt: „Dialekte geheere zu uns Saarlänner unn sinn e Stigg Heimat“, sagt sie. Daher wirbt die SPD Saar mit kleinen Video-Clips über ihrer Wahlprogramm – auf Saarländisch.

Von

dpa

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