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05.09.2016

18:32 Uhr

Anwalt Robert Tibbo im Interview

„Ich versteckte Edward, wo ihn niemand suchen würde“

VonSönke Iwersen

Nur Minuten, nachdem er Edward Snowden traf, musste er ihn außer Sichtweite schaffen. Anwalt Robert Tibbo brachte Snowden im Juni 2013 an einem Ort unter, wo ihn niemand suchen würde: bei Flüchtlingen in Hongkong, die selbst auf Asyl warteten. Tibbos Plan, den meistgesuchten Mann der Welt zu verstecken, war abenteuerlich. Aber er ging auf.

Snowdens Anwalt

„Ich versteckte ihn, wo ihn keiner Suchen würde - bei Asylsuchenden“

Snowdens Anwalt: „Ich versteckte ihn, wo ihn keiner Suchen würde - bei Asylsuchenden“

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Es kann keinen besseren Ort für ein Interview mit Edward Snowdens Anwalt geben als das Mira Hotel in Hongkong. Der Ort, von dem aus Snowden die US-Geheimdienste bloßstellte. Der Ort, an dem Snowden dann feststeckte, bis Robert Tibbo sein Anwalt wurde und den Amerikaner unbemerkt aus dem Hotel bugsierte, während die ganze Welt nach Snowden suchte.
Es ist deshalb eine gewisse Spannung, mit der Investigativ-Chef Sönke Iwersen im Mira Hotel auf Robert Tibbo wartet. Der Mann kommt mit einiger Verspätung – einer seiner Mandanten wieder einmal von den Behörden drangsaliert. Doch jetzt ist er da. Tibbo, eben der brütenden Hitze in Hongkong entkommen, lässt sich auf den gepolsterten Sitz fallen, und nimmt einen langen Schluck Wasser. Dann steht er Rede und Antwort zu seinem berühmtesten Mandanten: Edward Snowden. Und zu dessen Fluchthelfern.

Herr Tibbo, wir sind heute an dem Ort, wo alles begann. Im Mira Hotel in Hongkong, in dem Edward Snowden sein berühmtes Interview gab. Was sind Ihre Erinnerungen an das Mira Hotel?
Als Anwalt von Edward Snowden war damals meine Priorität, dass er das Mira Hotel verlässt und nicht wieder hierher zurückkommt.

Wie haben Sie ihn aus dem Mira geschafft, ohne dass ihn jemand erkannte?
Das war eine Zeitfrage. Wir mussten so schnell wie möglich handeln, bevor jemand Mister Snowden im Mira entdecken konnte - und dann seinen Weg aus dem Hotel nachvollziehen würde.

Wer half Edward Snowden bei seiner Flucht?
Ich war zu der Überzeugung gelangt, dass es das Beste für Edwards Sicherheit sei, ihn in einer Gegend und unter Leuten unterzubringen, wo die Regierungen nicht einmal daran denken würden, zu suchen. Mit diesem Ansatz habe ich überlegt, Edward bei der Gruppe unterzubringen, die in dieser Gesellschaft am stärksten marginalisiert war. Und das waren die Flüchtlinge, die Asylsuchenden.

Robert Tibbo ist Direktor der Flüchtlingshilfeorganisation „Vision First Refugee Services“ und Rechtsberater der „Hong Kong Helpers Campaign“, die sich um die Belange von Haushaltshilfen kümmert. Peter Thompson/National Post

Snowdens Anwalt Robert Tibbo

Robert Tibbo ist Direktor der Flüchtlingshilfeorganisation „Vision First Refugee Services“ und Rechtsberater der „Hong Kong Helpers Campaign“, die sich um die Belange von Haushaltshilfen kümmert.

Welchen Status haben diese Menschen hier? Wie viele sind es und wie leben sie?
Im Moment gibt es ungefähr 12.000 Asylsuchende in Hongkong. Sie haben hier sehr begrenzte Rechte. Zum Beispiel dürfen sie nicht arbeiten, auch nicht als Freiwillige. Und da die Regierung diesen Menschen keine ausreichende Hilfe zukommen lässt, finden sie sich in einer Lage, in der sie zur Selbsthilfe greifen müssen – also dann doch arbeiten. Die Folge davon ist, dass sie festgenommen werden können und nach einem Prozess zu einer Haftstrafe von 22 Monaten verurteilt werden können.

Fast zwei Jahre Gefängnis weil jemand arbeitet, um seine Familie zu ernähren?
Sehr oft gibt es Asylsuchende, die kein Milchpulver für ihre Kinder haben. Oder bestimmte Medikamente brauchen, die ihnen von den Krankenhäusern hier verweigert werden. Die zuständige Einrichtung, International Social Services (ISS), gibt zum Beispiel keine Windeln aus. Auch Milchpulver wird nicht notwendigerweise verteilt. Die Asylsuchenden werden in eine Lage gebracht, in der die Hongkonger Verwaltung - über den ISS - auch nicht alle Mietkosten übernimmt. Oder die Kosten für Strom- und Gas. Oder Wasser. Das bedeutet für die Asylsuchenden, dass sie jeden Monat aus ihren Wohnungen geschmissen werden können oder dass ihnen der Hahn zugedreht wird.

Mussten Sie denn lang suchen, bis Sie jemanden fanden, der bereit war, Snowden aufzunehmen und zu verstecken?
Die Asylsuchenden haben Verfolgung selbst erlebt. Sie sind Opfer von Folterungen und anderen Formen von grausamer und erniedrigender Strafe. Sie wissen, was es heißt, verfolgt zu werden. Die Asylsuchenden erkannten, dass Ed extrem verletzlich war. Sie verstanden, dass er bedroht war. Sie sahen ihn als jemanden, der verfolgt wurde, weil er ein gutes Werk getan hatte.

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Also sagte niemand: Nein, das ist zu gefährlich für mich?
Nein. Sie verstanden, dass hier jemand in Not war – jemand, der Hilfe brauchte. Diese außergewöhnlichen Personen erkannten, dass Edward Snowden in derselben Situation war, in der sie vorher selbst steckten. Sie waren nach Hongkong geflohen, um Schutz zu finden. Und deshalb war es für sie eine einfache Rechnung, dass dieser Mann Hilfe brauchte. Und sie waren mehr als bereit dazu, jemandem zu helfen, der in solch einer argen Lage steckte.

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