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Special

03.11.2016

08:22 Uhr

Börse zittert der US-Wahl entgegen

„Brexit-Geruch liegt über dieser US-Wahl“

VonAnke Rezmer

Großinvestoren stellen sich auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Hillary Clinton und Donald Trump ein. Sie fürchten Ausschläge an den Börsen, ganz wie beim überraschenden britischen Referendum im Juni. Die Szenarien.

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FrankfurtEs kann knapp werden, sehr knapp. Zumindest seit Bekanntwerden der neuerlichen Ermittlungen des FBI gegen Hillary Clinton in der sogenannten E-Mail-Affäre wachsen die Zweifel an der Zuversicht für ihre Mehrheit – auch bei Großinvestoren. Daher wappnen sie sich auch für kurzfristige Ausschläge an den Finanzmärkten nach den US-Wahlen am 8. November, auch wenn viele noch daran glauben, dass die nächste Präsidentin der USA Hillary Clinton heißt.

Die Unsicherheit lässt sich an den Börsenkursen ablesen. Der wichtige US-Index S&P 500 hat jetzt sieben Tage in Folge an Wert verloren, der Fluchtinstinkt ins Gold beginnt sich wieder zu zeigen. Die Marke von 1.300 Dollar pro Feinunze hat das Edelmetall am Mittwoch zumindest zeitweise zurückerobert. Der von Credit Suisse als „ultimativer Indikator“ für die Marktstimmung zur US-Wahl gekürte mexikanische Peso hat mehr als drei Prozent zum US-Dollar verloren, seit die E-Mail-Affäre von Hillary Clinton wieder hoch gekocht ist.

„Wir erwarten ein enges Rennen“, sagt Martin Lück, Chef-Anlagestratege Deutschland beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock. Auf einen bestimmten Ausgang der Wahl mag er sich aber nicht festlegen. Deutlicher beschreibt Ulrich Kater, Chef-Volkswirt der Sparkassenfondstochter Deka, die Stimmungslage unter Großinvestoren: „Es wird wieder knapper: Während es in den vergangenen Wochen so aussah, als gäbe es in der Deutlichkeit des Vorsprungs von Clinton einen wesentlichen Unterschied zum Referendum in Großbritannien, so hat sich dies in der letzten Woche der Wahlkampfs wieder gedreht. Brexit-Geruch liegt über dieser US-Wahl.“

Auch Stefan Kreuzkamp, Chef-Anlagestratege und Deutschland-Chef der Deutsche-Bank-Fondstochter Deutsche Asset Management, betont, die enorme Unsicherheit angesichts jüngster letzten Entwicklungen - inklusive der neuerlichen FBI Ermittlungen zu den Clinton-E-Mails: „Ein knappes Rennen mit offenem Ausgang ebenso wenig ausgeschlossen werden wie ein Erdrutschsieg Clintons“, meint er.

US-Wahl: Kann man sich auf die Umfragen verlassen?

Wie verlässlich sind die Meinungsforscher in den USA?

Bei den etablierten Instituten lässt sich nachschlagen, wie gut sie bei zurückliegenden Wahlen gelegen haben. Generell waren die Umfragen etwa 2012, beim zweiten Wahlsieg Barack Obamas, zu skeptisch dem Amtsinhaber gegenüber. Im Schnitt sahen die Umfragen noch am Tag vor der Wahl Obama nur um 0,7 Prozentpunkte vorn. Er gewann schließlich mit 3,9 Punkten vor Mitt Romney. Am dichtesten dran waren die Umfragen von ABC/Washington Post und von Pew Research, die den Amtsinhaber um jeweils drei Punkte vorne sahen.

Wird mit Demoskopie Politik gemacht?

Ja. Im Internet kursieren Dutzende Umfragen, die keinerlei wissenschaftliche Kriterien erfüllen und den einzigen Zweck haben, den einen oder anderen Kandidaten gut aussehen zu lassen. Nach den Fernseh-Duellen wurden zahlreiche Blitzumfragen veröffentlicht, in denen die Befragten zu 90 Prozent Donald Trump als Gewinner sahen. In seriösen Erhebungen lag Clinton vorn.

Welche sind die besten Institute?

Dem Ranking zufolge schneiden unter den größeren Instituten die Monmouth University und das gemeinsame Institut von ABC und „Washington Post“ am besten ab - mit einer ganz leichten Tendenz zu den Demokraten. Auch CBS/„New York Times“ haben ein ordentliches Rating, mit leichter Tendenz zu den Demokraten. Gallup, Rasmussen oder das Emerson College neigen dagegen dazu, die Republikaner leicht überzubewerten, sind aber seriös. Das gilt auch für die „Los Angeles Times“, die in den vergangenen Wochen Donald Trump deutlich positiver sah als andere Institute.

Warum liegen die einzelnen Umfragen teils so deutlich auseinander?

Die Institute arbeiten nach unterschiedlichen Methoden. Sie suchen sich die Stichprobe ihrer Befragten nach verschiedenen Kriterien und gewichten diese unterschiedlich – etwa was Wohnort, Alter, Geschlecht, Bildungsstand oder Einkommen angeht. Dies führt zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Was kann die Umfragen verfälschen?

Die Meinungsforscher können die Umfragen selbst beeinflussen, indem sie unterschiedlich gewichten. Viel mehr fürchten sie sich aber davor, von den Befragten belogen zu werden. In Großbritannien hat 2015 etwa der sogenannte „Shy Tory Factor“ – der Effekt, dass Wähler der Konservativen Partei den Meinungsforschern gegenüber ihre Wahlabsicht nicht zugeben – zu einer nicht für möglich gehaltenen Blamage der Meinungsforscher geführt. Ähnliches war auch beim Brexit-Votum zu beobachten. Trump sei geeignet, ähnliche Effekte auszulösen, glauben Experten – allerdings in jegliche Richtung.

Gibt es noch andere Vorhersagemethoden als Wählerumfragen?

Ja. Die Ratingagentur Moody's etwa stützt ihr Modell auf wirtschaftliche und politische Gegebenheiten – Wirtschaftswachstum, Benzinpreise oder die Beliebtheit des Amtsinhabers. Mit diesem Modell habe man seit Ronald Reagan richtig gelegen, heißt es von Moody`s. Es sagt einen glasklaren Sieg für Clinton voraus. Der deutschstämmige Professor Helmut Norpoth aus New York dagegen sieht mit seinem Modell Trump deutlich vorn. Er stützt sich einerseits auf die jeweilige Performance in den Vorwahlen, andererseits auf die Tatsache, dass eine Partei nur schwer mehr als acht Jahre die Macht im Weißen Haus innehaben kann.

Etwas anderes stimmt Großanleger noch misstrauisch: „Wir haben vom Brexit-Votum in Großbritannien gelernt, dass Wähler in Stimmungsumfragen oft nicht ehrlich sind, wenn sie vermuten, dass ihre Ansicht unpopulär ist“, erklärt Kristina Hooper, US-Kapitalmarktstrategin der Allianz-Fondstochter Allianz GI. Die meisten Investoren rechnen zwar nach wie vor mit einem Sieg Clintons, „aber das Überraschungspotenzial ist unzweifelhaft vorhanden“, betont Deka-Mann Kater.

Zudem dürfte nicht nur der neue Präsident der größten Volkswirtschaft der Welt die Börsen bewegen. Mindestens so entscheidend für das internationale Anlageklima werden die neuen Machtverhältnisse im Kongress, der Legislative der USA, sein: „Das Ergebnis der Kongresswahlen wird erhebliche Auswirkungen auf die kommende Legislaturperiode haben“, betont Lück vom Blackrock.

Bei einem Sieg Clintons mit einer weiter republikanische Mehrheit zumindest im Repräsentantenhaus wären die Anleger vermutlich erleichtert, meinen die Investoren. Und weil genau dieses Szenario allgemein erwartet wird, sollte sich dann die kurzfristige Marktreaktionen in Grenzen halten, wie Kreuzkamp von DAM meint. Währungen, wie der mexikanische Peso, für die ein Sieg Trumps besondere Risiken birgt, dürften sich dann etwa erholen. Einzelne Branchen wie etwa dem Gesundheitswesen, könnten aber durchaus einige turbulente Tage bevorstehen. Denn Clinton hat angekündigt, dort genauer hinzuschauen.

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Die Investoren werden nervös. Eigentlich hofften sie darauf, dass Hillary Clinton gewählt wird und mit einem Investitionsprogramm die Wirtschaft voranbringt. Doch die Sorge vor einem Wahlsieg Donald Trumps wird größer.

„Längerfristig wird viel davon abhängigen, ob Clinton mit den Republikanern im Kongress besser in der Gesetzgebung zusammenarbeitet als es Obama in den vergangenen sechs Jahren gelungen ist“, sagt Kreuzkamp. Allerdings gibt es auch Ausnahmen: Im schwierigen Bereich Gesundheitsdienste macht es nach Ansicht der Fondmanager des US-Fondsriesen Capital Group Sinn, auf Anbieter zu achten, die die Qualität verbessern oder die Kosten senken: Das gilt etwa für private Krankenversicherungen oder Liefernetzwerke. Und bei den ebenso streng von den Regulierern observierten US-Banken dürfte die Lage für kleinere und mittelgroße Häuser nicht schwieriger werden, meint Matt Wilson, Bankenanalyst bei Capital Group.

Kommentare (29)

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Account gelöscht!

03.11.2016, 08:27 Uhr

 Man kann nur hoffe dass trotz der einseitigen Berichterstattung es Trump doch wird.
Dann steht mit der Versöhnung mit Russland nichts mehr im Wege.
Putin und Trump, das sind wenigstens noch Kerle mit einer Meinung.
Wenn ich dagegen bei uns schaue.....DANKE Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Franz Giegl

03.11.2016, 08:44 Uhr

bei dieser vehement einseitigen Berichterstattung, bekommt man wirklich das Gefühl so langsam, dass es genau andersrum ist wie es die Medien behaupten...
Also Trump "der Gute" und Hilary "die Böse".

Ich hab bisher auch nicht einen einzigen Pluspunkt für Hilary gefunden, aber ok.

Herr Friedhelm Krakowka

03.11.2016, 08:56 Uhr

Es geht aber immer nur um Geld, nicht wahr.

Dass Unternehmen weniger Gewinne einfahren könnten oder die Börsen Verluste zeichnen.
Wahrhafte Schreckensszenarien. Das sind unsere Probleme.

Daran sieht man, wie weit zurück die Rasse Mensch doch eigentlich ist.

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