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Special

04.11.2016

19:45 Uhr

Digitaler Wahlkampf in den USA

Das Duell der Daten

VonThomas Schmelzer

Daten sind im US-Wahlkampf so wichtig wie nie. Sie bestimmen, wo ein Kandidat auftritt, was er verkündet, welcher Haushalt welche Werbung sieht. Ein Segen für die Wahlkämpfer – und ein Problem für die Demokratie.

Während Wahlen früher mit Erfahrung, guten Werbespots und einem Haufen Helfer gewonnen wurden, zählen heute Daten und Software. dpa

Trump und Clinton beim TV-Duell

Während Wahlen früher mit Erfahrung, guten Werbespots und einem Haufen Helfer gewonnen wurden, zählen heute Daten und Software.

New YorkDer Mann, der Amerikas Wähler so gut kennt wie nur wenige andere, sieht so unscheinbar aus wie seine Daten. Dunkelblaues Sakko, hellblaues Hemd, kurze, lockige Haare – so steht John Aristotle Phillips an diesem Montagmittag in einem New Yorker Wolkenkratzer und verfolgt, wie einer seiner Datenspezialisten die Fragen einer Journalistin pariert. Es geht um die neuen FBI-Enthüllungen zu Clintons E-Mail-Skandal, darum, wie sich das auf Wahl auswirkt. Phillips Mitarbeiter zitiert ein paar Zahlen, eine Stunde später ist das Video online. Phillips wirkt zufrieden: gute Werbung für den 61-Jährigen und sein Unternehmen. Es heißt Aristotle – so wie er selbst.

John Aristotle Phillips ist in den USA ein gefragter Mann. Er hat eine Art Börse für Wahlergebnisse entwickelt und kann damit gute Prognosen liefern. Vor allem aber sitzt er auf einem wertvollen Schatz: Seine Firma besitzt die größte und älteste Wählerdatenbank der USA. Besuchte Internetseiten, Lieblingssender, Einkaufslisten, demografische Daten, Wahlhistorien: Hunderte solcher Datenpunkte hat er in seinem Archiv für Millionen Wähler registriert.

Phillips kann herausfiltern, welche Wähler in Oregon mehr als 80.000 Dollar im Jahr verdienen, katholisch sind und ein Haus besitzen. Seine Datenbank spuckt aus, wer in Florida die Demokraten unterstützt, bei den letzten Vorwahlen seine Stimme abgegeben hat und oft bei Wal-Mart einkauft. Phillips könnte auch danach suchen, wer die umstrittene Gesundheitsreform Obamacare in Texas unterstützt, bei der aktuellen Wahl aber noch unentschieden ist.

Die Möglichkeiten der Datenbank sind fast unbegrenzt. Fest steht nur, dass sie immer wertvoller wird.

US-Wahl: Kann man sich auf die Umfragen verlassen?

Wie verlässlich sind die Meinungsforscher in den USA?

Bei den etablierten Instituten lässt sich nachschlagen, wie gut sie bei zurückliegenden Wahlen gelegen haben. Generell waren die Umfragen etwa 2012, beim zweiten Wahlsieg Barack Obamas, zu skeptisch dem Amtsinhaber gegenüber. Im Schnitt sahen die Umfragen noch am Tag vor der Wahl Obama nur um 0,7 Prozentpunkte vorn. Er gewann schließlich mit 3,9 Punkten vor Mitt Romney. Am dichtesten dran waren die Umfragen von ABC/Washington Post und von Pew Research, die den Amtsinhaber um jeweils drei Punkte vorne sahen.

Wird mit Demoskopie Politik gemacht?

Ja. Im Internet kursieren Dutzende Umfragen, die keinerlei wissenschaftliche Kriterien erfüllen und den einzigen Zweck haben, den einen oder anderen Kandidaten gut aussehen zu lassen. Nach den Fernseh-Duellen wurden zahlreiche Blitzumfragen veröffentlicht, in denen die Befragten zu 90 Prozent Donald Trump als Gewinner sahen. In seriösen Erhebungen lag Clinton vorn.

Welche sind die besten Institute?

Dem Ranking zufolge schneiden unter den größeren Instituten die Monmouth University und das gemeinsame Institut von ABC und „Washington Post“ am besten ab - mit einer ganz leichten Tendenz zu den Demokraten. Auch CBS/„New York Times“ haben ein ordentliches Rating, mit leichter Tendenz zu den Demokraten. Gallup, Rasmussen oder das Emerson College neigen dagegen dazu, die Republikaner leicht überzubewerten, sind aber seriös. Das gilt auch für die „Los Angeles Times“, die in den vergangenen Wochen Donald Trump deutlich positiver sah als andere Institute.

Warum liegen die einzelnen Umfragen teils so deutlich auseinander?

Die Institute arbeiten nach unterschiedlichen Methoden. Sie suchen sich die Stichprobe ihrer Befragten nach verschiedenen Kriterien und gewichten diese unterschiedlich – etwa was Wohnort, Alter, Geschlecht, Bildungsstand oder Einkommen angeht. Dies führt zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Was kann die Umfragen verfälschen?

Die Meinungsforscher können die Umfragen selbst beeinflussen, indem sie unterschiedlich gewichten. Viel mehr fürchten sie sich aber davor, von den Befragten belogen zu werden. In Großbritannien hat 2015 etwa der sogenannte „Shy Tory Factor“ – der Effekt, dass Wähler der Konservativen Partei den Meinungsforschern gegenüber ihre Wahlabsicht nicht zugeben – zu einer nicht für möglich gehaltenen Blamage der Meinungsforscher geführt. Ähnliches war auch beim Brexit-Votum zu beobachten. Trump sei geeignet, ähnliche Effekte auszulösen, glauben Experten – allerdings in jegliche Richtung.

Gibt es noch andere Vorhersagemethoden als Wählerumfragen?

Ja. Die Ratingagentur Moody's etwa stützt ihr Modell auf wirtschaftliche und politische Gegebenheiten – Wirtschaftswachstum, Benzinpreise oder die Beliebtheit des Amtsinhabers. Mit diesem Modell habe man seit Ronald Reagan richtig gelegen, heißt es von Moody`s. Es sagt einen glasklaren Sieg für Clinton voraus. Der deutschstämmige Professor Helmut Norpoth aus New York dagegen sieht mit seinem Modell Trump deutlich vorn. Er stützt sich einerseits auf die jeweilige Performance in den Vorwahlen, andererseits auf die Tatsache, dass eine Partei nur schwer mehr als acht Jahre die Macht im Weißen Haus innehaben kann.

Während Wahlen früher mit Erfahrung, guten Werbespots und einem Haufen Helfer gewonnen wurden, zählen heute Daten und Software. Technologien, die in der Wirtschaft den Begriff Industrie 4.0. erschaffen haben, bringen in der Politik einen neuen Wahlkampftypus hervor, der mit jeder Wahl wichtiger wird. Hillary Clinton, Donald Trump und viele andere Politiker spannen Menschen wie John Phillips deswegen für ihre Kampagnen ein.

Als Erster erkannte Barack Obama, wie man mit den neuen Techniken Wahlen gewinnt. Mit einer Kombination aus Begeisterung, unzähligen Freiwilligen und präzisen Datenanalysen zog er 2008 ins Weiße Haus ein. Aber das war nur der Anfang. Seitdem haben sich die Techniken ständig weiterentwickelt. Seitdem nimmt die Datenmenge ständig zu.

„Damals hat man noch in Silos gedacht“, sagt Daten-Guru Phillips. Es gab einzelne Datenpakete für Freiwillige, Spender, Medien und normale Bürger. „Heute haben wir einen 360-Grad-Blick“, sagt er und meint damit den Wähler. Leute wie Phillips können ihn aus jeder Blickrichtung einsehen und maßgeschneiderte Botschaften an ihn adressieren. Das erleichtert die Kommunikation. Aber es wirft auch die Frage auf, was solche Techniken anstellen – mit dem Wähler und mit der Demokratie.

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