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Special

05.11.2016

15:22 Uhr

Handel mit Wählerstimmen

Tausche Clinton gegen McMullin

VonMichael Stahl

Um Donald Trump am Einzug ins Weiße Haus zu hindern, sind viele Amerikaner dazu bereit, nicht für ihren favorisierten Kandidaten zu stimmen – vorausgesetzt, jemand anderes tut das auch.

Der Silicon-Valley-Unternehmer Amit Kumar hat eine Plattform entwickelt, auf der Wähler ihre Stimmen tauschen können. dpa

Spielfiguren der Kandidaten

Der Silicon-Valley-Unternehmer Amit Kumar hat eine Plattform entwickelt, auf der Wähler ihre Stimmen tauschen können.

WashingtonWenige Tage vor der Entscheidung, wer der nächste Präsident der USA werden wird, haben bereits mehr als 35 Millionen Amerikaner gewählt. In einigen Staaten ist schon jetzt klar, welcher Kandidat das Rennen machen wird. Viele Bürger, die noch nicht abgestimmt haben, stellen sich dort deshalb die Frage: Was mache ich mit meiner Stimme?

Blicken wir nach Kalifornien. Dort können die sogenannten „Early Voters“ noch einen Tag vor der Wahl am 8. November ihre Stimme abgegeben. Doch bereits jetzt ist klar, dass Hillary Clinton den „Golden State“ für sich entscheiden wird. Ein weiteres Kreuzchen für sie würde ihren Sieg dort nur noch etwas größer machen, hätte aber auf das landesweite Ergebnis am Dienstag keinen Einfluss mehr. In einem „Swing State“ wäre diese Stimme deutlich wirkungsvoller.

Das dachte sich auch Amit Kumar vor ein paar Monaten. Der Tech-Unternehmer aus dem Silicon Valley hat eine Plattform entwickelt, auf der Wähler aus verschiedenen Bundesstaaten ihre Stimmen tauschen können mit dem Ziel, einen Sieg von Donald Trump zu verhindern. „Eine Menge Leute sagen, dass sie gerne etwas gegen Trump unternehmen wollen“, sagt Kumar. Allerdings lebten sie in Kalifornien und fühlten sich machtlos, weil ihre Stimme hier nichts mehr bewirke.

Das Wahlmännergremium bei der US-Präsidentenkür

Das „Electoral College“

Bei der US-Wahl stimmen die Wähler nicht direkt über ihren künftigen Präsidenten ab. Vielmehr wählen sie ein Kollegium aus Wahlmännern und -frauen („Electoral College“), das dann den Präsidenten und seinen Vize kürt.

Zusammensetzung

Dem Kollegium gehören 538 Wahlmänner und -frauen an. Wie viele Wahlleute ein Bundesstaat hat, hängt von seiner Bevölkerungsstärke ab.

The Winner takes it all

In den meisten Staaten gilt die Alles-oder-nichts-Regel: Sämtliche Plätze des Staates im Electoral College gehen also an die Wahlmänner und -frauen jenes Kandidaten, der dort die Mehrheit errungen hat - egal, wie knapp. Ausnahmen machen nur Maine und Nebraska, wo die Wahlleute proportional aufgeteilt werden.

Die magischen 270

Für den Einzug ins Weiße Haus sind 270 der 538 Stimmen erforderlich. Das Wahlsystem macht es möglich, dass jemand Präsident wird, der zwar im Electoral College die Mehrheit hat, nicht aber bei den landesweit abgegeben Stimmen.

Der Fall Bush vs. Gore im Jahr 2000

Al Gore hatte zwar landesweit eine hauchdünne Mehrheit der Wählerstimmen errungen. Doch durch seinen strittigen Sieg in Florida kam George W. Bush Bush auf die Mehrheit der Stimmen im Wahlkollegium und wurde Präsident.

Sind die Wahlleute gebunden?

In den meisten Bundesstaaten sind sie nicht verpflichtet, entsprechend des Wahlausgangs abzustimmen. Es ist jedoch extrem selten, dass ein Mitglied des Electoral College anders votiert als das Wahlergebnis vorgibt.

Der Ablauf

Sechs Wochen nach der Wahl, am 19. Dezember, kommen die Wahlleute aus allen Bundesstaaten zusammen und geben ihre Stimmen in versiegelten Umschlägen ab. Diese werden dann an den Kongress weitergeleitet. Der Präsident oder die Präsidentin wird dann am 20. Januar vereidigt.

Die Idee hinter seiner App #NeverTrump: Anstatt für Clinton in einem ihr bereits sicheren Staat wie Kalifornien zu stimmen, wählt man den favorisierten Drittpartei-Kandidaten eines anderen Nutzers aus einem umkämpften Staat wie etwa North Carolina. Dieser wiederum macht nach Absprache sein Kreuzchen spätestens am Wahltag bei Clinton. Auf diesem Weg werden die Stimmen für beide Kandidaten berücksichtigt, nur eben im jeweils anderen Staat. Neben Trump und Clinton stehen weitere Kandidaten zur Wahl, darunter Jill Stein von den Grünen oder der unabhängige Konservative Evan McMullin.

Der Haken bei diesem Tausch: Ob der jeweils andere wirklich so stimmt, wie es vereinbart wurde, ist schwer nachzuvollziehen. In manchen Gegenden dokumentieren die wechselwilligen Wähler ihre Stimmabgabe deshalb mit einem Selfie. Allerdings ist das in mehr als 20 Staaten illegal, andernorts ist die rechtliche Lage unklar – etwa in Tennessee. Das musste vor ein paar Tagen auch US-Singer Justin Timerblake feststellen.

Der Künstler knipste sich vor einem Wahlcomputer in Memphis und twitterte sein Bild anschließend, allerdings ohne zu verraten, für wen er abgestimmt hatte. Doch schon das war den Behörden dort zu viel. Sie drohten nach Erscheinen des Fotos mit einer Strafe. Später jedoch teilte ein Verantwortlicher mit, dass es zu keinen Ermittlungen kommen werde.

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